Rahel Varnhagen von Ense (1771 - 1833), geborene Rahel Levin, lebte in einem anderen Zeitalter, war aber in ihrer Zeit ebenso typisch für den erwachenden Ehrgeiz der Juden wie Jost in der seinen. Sie gehörte zur ersten Gene- ration von Juden, die des eingeschränkten, isolierten Le- bens überdrüssig waren und sich aus dem Judenviertel in die bürgerliche Welt hinauswagten. Ihre Hoffnungen und Träume, was sie versuchte und wie sie von den Menschen aufgenommen wurde, nehmen die Erfahrungen derer vor- weg, die in ihre Fußstapfen treten sollten. Anfangs war es aufregend genug, mit prominenten Nichtjuden Umgang zu pflegen. Lange verleugnete Rahel ihre jüdische Vergangenheit und suchte ihr zu entkommen, bis sie merkte, daß ihr das nichts nützte. Sie hätte gerne in den nichtjüdischen Adel eingeheiratet, stieß aber erst auf Ablehnung und mußte feststellen, daß sie so ihre Probleme nicht lösen konnte. Rahel probierte alles aus - glühenden Patriotismus, Aufgabe des eigenen Glau- bens auf Zuflucht in christlicher Theologie, Engagement für liberale Politik und romantische Freiheits- ideen. Immer wieder versuchte sie, die unsichtbaren Mau- ern zwischen sich und der nichtjüdischen Welt zu erklimmen, ohne dieses Ziel je zu erreichen, nur um immer aufs neue den Versuch zu unternehmen. Das faszi- nierende Leben dieser außerordentlichen Frau ist von Triumphen und Enttäu- schungen ebenso gekennzeichnet wie von Selbsttäuschung und dem Zwang, ihre wahren Motive sogar vor sich selbst zu verbergen.
Rahel Varnhagen von Ense nimmt in der Geschichte des deutsch-jüdischen Verhältnisses eine Schlüsselposition ein. Bis heute genießt sie literarischen Ruhm, ohne zu Lebzeiten je etwas veröffentlicht zu haben. Als Preußen sich anschickte, die Schwelle zur Moderne zu überschreiten, war Rahels Berliner Salon Treffpunkt der geistigen Elite des Landes. Noch wichtiger ist ihr Schicksal als Jüdin, denn in ihrem unermüdlichen Kampf um Anerkennung in der Welt der Christen und dank ihrer Sensibilität für die vielen offenkundigen und auch subtilen Demütigungen und Hindernisse, die ihr in den Weg gestellt wurden, spiegelt sie schon alle Qualen späterer Generationen deutscher Juden, die den gleichen Ehrgeiz hatten.
Rahel ist eine inspirierende und zugleich tragische Gestalt. Diese hochintelli- gente, geistreiche, rastlose, energische und ehrgeizige Frau spielte in Berlin in einer Umbruchzeit eine bedeutende Rolle. In ihrem Eifer, eine echte Deutsche zu sein, wollte sie jahrelang von ihrer Herkunft nichts wissen und klagte oft, es sei ihr schlimmster Fluch, als Jüdin zur Welt gekommen zu sein. Schließlich fügte sie sich in das Unvermeidliche und erkannte, daß die Mauern nicht gefallen waren, daß sie trotz ihres späteren aristokratischen Namens Außenseiterin geblieben und der Sinn ihres Daseins eben doch im Jüdischen begründet war.







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