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28.10.2004 - 23.15 : tracks - 27/10/04

Die Piraten

Hakim Bey: "Irgendwann fing ich an, mich für Piraten zu interessieren. Das waren meist Christen, die entweder von Moslems im Mittelmeer gefangen worden waren und bekehrt wurden, oder die freiwillig zum Islam übergingen. Es wurde aber bisher nur über ihre Verbrechen geschrieben. Man stellte sie ausschließlich als Kriminelle dar. Die politische Struktur ihrer Communities war radikal demokratisch. Die Schiffe, auf denen sie anheuerten, unterlagen eindeutig demokratischen Gesetzen. Der Kapitän wurde demokratisch gewählt, und wenn er zu viel Mist baute, wurde er wieder abgewählt. Und der Kapitän bekam nur anderthalb mal soviel von der Beute, wie der Rest der Besatzung. Er behielt nicht etwa 40 oder 100 mal soviel wie die anderen, sondern er bekam allerhöchstens das Doppelte eines Matrosen."

Vor drei Jahrhunderten gründeten die Piraten in der Karibik und im indischen Ozean Gemeinschaften, in denen alle Hautfarben und Religionen zusammenlebten, und wo privater Besitz tabu war. Übrig geblieben von den Idealen der Piraten sind nur ein paar Gräber, mit einem Jolly Roger versehen, dem Totenkopf der schwarzen Flagge. Die berühmteste Piraten-Community, Libertalia, hielt sich mehrere Jahrzehnte vor den Küsten Madagaskars, bevor sie von der englischen Marine niedergemetzelt wurde. Ob Mythos oder Wirklichkeit, Libertalia diente jedenfalls als Vorlage für die Disney-Studios. Was müssen die armen Piraten denn noch alles über sich ergehen lassen?

Laut Hakim Bey hatten die Piraten gar nicht die Absicht, sesshaft zu werden. Schon ein Jahrhundert vor der französischen Revolution war ihnen die Freiheit am allerwichtigsten. Piraten waren mobil, sie verschwanden ebenso schnell, wie sie zuschlugen. Eine Taktik, die auch die modernen Rebellen noch anwenden, wie zum Beispiel beim Burning Man. Dabei wird ein Salzsee von Arizona 15 Tage lang zur Gesetzlosen-Zone erklärt und Schauplatz von Parties bis zum Umkippen. Nach dem selben Prinzip entstehen auch Free-Parties und Raves auf der ganzen Welt.

Und noch heute, genau wie vor drei Jahrhunderten, entstehen die temporären autonomen Zonen meist dort, wo man sie am wenigsten vermutet. Und manchmal werden Träume wahr, wie in Taos in Neu-Mexiko, wo eine Handvoll Aussteiger die Earthships gründeten, völlig autarke Städte, die sie ohne Baugenehmigung und mit eigener Kraft aus dem Boden stampften.

Hakim Bey : "Ich habe nichts erfunden, sondern nur Dinge beobachtet, die bereits existieren. Mir ist aufgefallen, dass es den Menschen gefällt, sich zu versammeln, um die Freiheit zu genießen, sogar, wenn es nur für kurze Zeit ist, anstatt ihr Leben im Elend und auf Knien zu verbringen. Das ist ein sehr menschliches Verhalten, das ich aufzuspüren und in Worte zu fassen versuche. Eine coole Party ist eine TAZ, weil dir niemand vorschreibt, wie du dich zu benehmen hast. Niemand ist der Boss, es gibt keinen Senat, keine Polizei. Marcel Duchamp sagte einmal: „Du hast Glück, wenn du im Laufe deines Lebens eine oder zwei originelle Ideen hast“. Ich glaube, ich hatte das Glück. Ich habe die Kontrolle über meine Temporären Autonomen Zonen völlig verloren."

Wie ihre Vorfahren die Piraten, verbreiten die Aktivisten des Black Bloc Chaos und Angst. Keine Demo der Welt läuft ohne sie ab, auch in New York waren sie an vorderster Front mit dabei. Ihr Hauptquartier ist Kopenhagen. Sie treten immer in Gruppen auf, schwarz gekleidet und vermummt, und gehen keine Kompromisse ein. Für die Black Blocs gibt es kein Gesicht hinter dem Aktivismus. Zum ersten Mal traten die Black Blocs bei Demos während des ersten Golfkrieges 1991 auf den Plan. Sie sind Anarchisten, ihre Feinde die Staatsgewalt und alle Symbole der Globalisierung: Banken, multinationale Konzerne und die G8 Gipfeltreffen. Spätestens nach Seattle lehren ihre Uniformen das Fürchten. Die Masken dienen dabei als Schutz der Identität. Seit 1994 sind dieselben Masken das Erkennungszeichen der aufsässigen Indianer des Chiapas-Dschungels von Mexiko. Laut „Subcomandante“ Marcos ist sie ein Symbol dafür, dass es keinen Anführer gibt, sondern nur eine gemeinsame Bewegung im Dienste aller Unterdrückten dieser Welt.

Subcomandante Marcos: "Zapatismus ist nicht käuflich. Er ist etwas völlig Spontanes und so offen und flexibel, dass man ihm überall begegnet. Der Zapatismus ist überall dort, wo man sich folgende Fragen stellt: 'Was ist es, das mich unterdrückt? Warum werde ich ausgeschlossen? Warum ersticke ich?' "

Während Marcos sich im Dschungel versteckt, suchen die unsichtbaren Aktivisten des Black Bloc Schutz in den besetzten Häusern nördlich von Kopenhagen. Wenn man unsichtbar ist, geht einiges. In Kopenhagen gelang es dem Kollektiv „Veto“ sich in die Industriekammer am Rathausplatz einzuschleichen. Dort kappten sie den Strom aller Leuchtreklamen der Stadt. Anonymität empfinden manche als störend. Deshalb ist seit zwei Jahren das Tragen von Masken bei Demos in Dänemark illegal. Der Verkauf jedoch bleibt erlaubt.
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Links
>> The Burning Man Project - http://www.burningman.com/
>> Earthship - Biotecture - http://www.earthship.org/
>> Infos über berühmte Piraten u.v.m - http://www.piratinnen.net


Buchtipp
Marcos, Herr der Spiegel
von Manuel Vazquez Montalban
Wagenbach, 2001
ISBN: 3803124220
Der geheimnisvolle, bislang nur maskiert auftretende Subcomandante der Indios von Chiapas im Gespräch mit dem Autor von "Pepe Carvalho". Dabei geht es um die Entwicklung der zapatistischen Bewegung seit 1994, um die Rolle von Marcos als Vermittler einer neuen Sprache, die Bedeutung der Maske als Symbol, um Globalisierung und Neoliberalismus.

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TRACKS
Donnerstag, den 28. Oktober 2004 um 23.15 Uhr
Wiederhol. am Samstag, den 30. Oktober um 17.45 Uhr
Redaktion: ARTE France, Program33
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Erstellt: 27-10-04
Letzte Änderung: 27-10-04


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