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Alltag in der Psychiatrie - Die Pariser Klinik Sainte-Anne

Bilder eines beklemmenden Alltags.

Alltag in der Psychiatrie - Die Pariser Klinik Sainte-Anne

07/05/10

Die Psychiatrie und die neuen Bedürfnisse der Gesellschaft

Im April 2010 tötet ein an Schizophrenie erkrankter Mann einen Fahrgast im Pariser Vorortzug RER. Im November 2008 wird in Grenoble ein Student von einem psychisch kranken Mann erstochen. Im November 2007 wird in Pau der Prozess von Romain Dupuy eröffnet, der zwei Krankenschwestern in einer psychiatrischen Klinik geköpft hatte. Jedes Mal verspricht die Regierung "eine Reform der Psychiatrie" und eine "Neubewertung der strafrechtlichen Verantwortung psychisch kranker Menschen". In seinem Dokumentarfilm Alltag in der Psychiatrie, die Pariser Klinik Sainte-Anne zeigt Ilan Klipper, dass die Realität manchmal komplizierter ist als eine Folge von Straftaten. Der Zuschauer taucht dabei in den komplexen Alltag der Abteilung 15 in Sainte-Anne ein.


Die Abteilung 15 der psychiatrischen Klinik Sainte-Anne pflegt derzeit 120 Patienten. Die Psychiatrie in Frankreich ist in Sektoren aufgeteilt, die Abteilung 15 kümmert sich dadurch um den „Sektor 15“, der den Norden des 14. und 15. Bezirks in Paris umfasst. Da es sich um eine „geschlossene“ Einrichtung handelt, werden die Patienten hier „unfreiwillig“ eingeliefert, also entweder auf Wunsch einer Drittperson oder auf Befehl der Polizei hin. Die Abteilung 15 kümmert sich daher um verschiedenste Erkrankungen, von Schizophrenie bis Epilepsie. Die Hälfte der Patienten wird vor Ort betreut, die andere Hälfte wird auf Distanz, also bei sich zu Hause, behandelt. Denn obwohl die Debatte in den Medien und der Politik sich häufig auf die Sicherheit in den psychiatrischen Anstalten beschränkt, als würden die Patienten lebenslang hier festgehalten werden, ist die Realität in Frankreich und Europa heute eine andere. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs, dank dem Einfluss humanistischer Psychologen und der Entdeckung modernster Medikamente, hat in Frankreich das Krankenhaus die psychiatrische Anstalt als Modell abgelöst. Es findet eine "Ent-Institutionalisierung" statt. So verbringen die Patienten heute im Durchschnitt nur drei Wochen in einer geschlossenen Anstalt, bevor sie entlassen werden.

Zudem nehmen immer mehr betroffene Leute freiwillig psychiatrische Hilfe in Anspruch. „Die Nachfrage ist massiv“, stellt der Abteilungsleiter Gérard Massé fest. Doch obwohl die Nachfrage stark ansteigt, ist die Anzahl der Betten in den letzten Jahren gesunken, da Sparmaßnahmen auch hier durchgeschlagen haben (-4% an Betten pro Jahr, also -35% in den letzten zehn Jahren; und -2% jährlich in der pro Patient aufgewendeten Behandlungszeit). Die Tendenz ist vor allem im öffentlichen Sektor zu beobachten, der immer noch 83% der Gesamtbettenanzahl stellt. Bei den Dreharbeiten zu seiner Doku sind Ilan Klipper auch „der Mangel an Zeit und die schweren Arbeitsbedingungen der Pfleger aufgefallen, „die keine spezifische Ausbildung für ihre tägliche Arbeit erhalten".

Die Probleme der französischen Psychiatrie sind also vor allem strukturell. Das System wurde Ende der 40er Jahre gegründet und folgte zwei Grundprinzipien: der Sektorialisierung und der Ent-Institutionalisierung. Doch die Bedürfnisse der heutigen Gesellschaft sind andere und auch die regionalen Gegebenheiten in Frankreich haben sich verändert. Ein Lösungsansatz kommt auch aus der Provinz: Mobile Ärzte, welche ihre Patienten zu Hause betreuen können. Dies ist vor allem für chronisch Kranke und Minderjährige, die so bei ihrer Familie bleiben können, ein echter Fortschritt. Ein dementsprechendes System wird gerade in der Provence getestet.

Diese Art der Betreuung existiert in Großbritannien allerdings schon seit langem, denn die Psychiatrie wurde hier zwar etwa zur gleichen Zeit wie in Frankreich ent-institutionalisiert, doch die regionalen Unterschiede waren so stark, dass in Regionen wie an der Grenze zwischen England und Schottland sehr schnell mobile Einheiten notwendig wurden. Umso mehr, da die akademische Psychiatrie einen sehr humanistischen Ansatz verfolgt und sehr früh soziales und psychisches Leid in Zusammenhang gestellt hat. Die wichtigste Debatte in Großbritannien findet heute auf dem Gebiet der Pharmaindustrie und ihrem Zusammenhang mit der Psychiatrie statt.

Eine ähnliche Debatte existiert auch in Deutschland, wo Pharmariesen wie Bayer oder Aventis (mittlerweile zu Sanofi-Aventis geworden) schon seit längerer Zeit rein medikamentöse Lösungen vorschlagen. Derzeit stemmt sich ihnen noch eine Psychiatrie entgegen, die seit jeher stark in den Humanwissenschaften verwurzelt ist. So hat die Universität Mainz 2009 bespielsweise einen „Verhaltenskodex für die Psychiatrie und die Psychotherapie“ herausgebracht, der sich klar gegen die Beeinflussung der Psychiatrie durch die Pharmaindustrie ausspricht. Dieser Kodex appelliert an die Unabhängigkeit der psychiatrischen Institutionen und erinnert an die Freiheit des Individuums, „selbst krank“. Die deutsche Gesetzgebung hat sich in dieser Hinsicht natürlich seit 1945 von den menschenunwürdigen Bedingungen für psychisch Kranke in Zeiten des Dritten Reichs abgrenzen wollen.

Spanien besaß ein ähnlich schweres historisches Erbe. Nach vierzig Jahren Franco-Faschismus existierten hier noch uralte Anstalten bis in die 70er Jahre. „Heute blicken viele von uns gespannt nach Spanien“, stellt Gérard Massé fest. Denn in weniger als drei Jahrzehnten ist das Land zu einem Vorreiter auf dem Gebiet der Psychiatrie geworden. Durch die Zerschlagung der ehemaligen Anstalten wurden mobile Ärzteteams ab dem Ende der 80er eingesetzt. Seitdem wurden das Zivil- und das Strafrecht von Grund auf reformiert. Heute ist Spanien das erste Land in Europa, das „das soziale und emotionale Umfeld der Kranken“ in die Beurteilung ihrer strafrechtlichen Verantwortung und ihre Therapie mit einbeziehen.

Eine solche Entwicklung hätte auch in Italien stattfinden können. Doch im Heimatland eines der Giganten der modernen Psychiatrie, Franco Basaglia, sind mobile Ärzteteams so gut wie inexistent und Pfleger besonders schlecht ausgebildet. Bis in die späten 80er Jahre hinein wurde ihr Status von einem Dekret aus dem Jahre 1909 geregelt, in dem von ihnen zwei Kompetenzen gefordert wurden: „In der Nähe der Anstalt leben und lesen und schreiben können“… In einem Sektor, der jährlich mit Budgetkürzungen zu kämpfen hat, stehen bis heute archaische (Elektroschocks) und sogar skandalöse Methoden (Psychochirurgie) an der Tagesordnung.

In einer Welt, in der die Grenze zwischen psychischer Krankheit und seelischem Leiden immer weiter verschwimmt, kann die Allmacht der Medikamente aber nie die Lösung sein. Henri Laborit, einer der Pioniere der Psychiatrie in Frankreich, hat schon 1953 geschrieben: „Nach Jahren der Ent-Institutionalisierung haben wir den Geist unserer Patienten verkrüppelt. Ihr Leid haben wir nicht geheilt. Sie haben einfach nur aufgehört zu schreien...

Alexander Knetig

Erstellt: 15-04-10
Letzte Änderung: 07-05-10