1954
21. Mai 1954Nach der Niederlage von Dien Bien Phu schreibt Pierre Mendès France einen offenen Brief an Regierungschef Joseph Laniel.
9. Juni
In der Nationalversammlung befragt der Abgeordnete Pierre Mendès France die Regierung zu ihrer Indochinapolitik. Seine Rede beschleunigt den Fall der Regierung Laniel. Am 13. Juni fordert Staatspräsident René Coty Pierre Mendès France auf, eine neue Regierung zu bilden.
Nacht vom 17. auf den 18. Juni
Pierre Mendès France tritt das Amt des Regierungschefs an und übernimmt auch das Außenministerium selbst. Bei seiner Amtsantrittsrede verspricht er, das Indochinaproblem zu lösen und einen Friedensvertrag abzuschließen. Vor der Nationalversammlung setzt er sich selbst ein Ultimatum:
„Heute ist der 17. Juni. Ich werde am 20. Juli hier vor Ihnen Rechenschaft über das Erreichte ablegen. Wenn bis dahin keine zufrieden stellende Lösung gefunden werden kann, sind Sie nicht länger an Ihre Wahl gebunden; dann wird meine Regierung den Staatspräsidenten um Entlassung ersuchen.“
23. Juni
Gespräch mit dem Außenminister der Volksrepublik China, Tschou En-lai, in Bern (Schweiz).
26. Juni
Pierre Mendès France eröffnet eine Reihe von samstäglichen Rundfunkgesprächen, in der er die französische Bevölkerung über seine Politik informiert. Von Juni 1954 bis Januar 1955 werden sechsundzwanzig Sendungen ausgestrahlt.
30. Juni
Gespräch mit dem belgischen Minister Paul Henri Spaak über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG).
7. Juli
Pierre Mendès France gibt vor der Nationalversammlung eine Erklärung zur Entsendung von Truppen nach Indochina ab: „Dies ist letzte Etappe, die zum Frieden führt“.
Genf: Gespräche mit dem russischen Außenminister Molotow und mit Tschou En-lai.
Nacht vom 20. auf dem 21. Juli
Der Genfer Konferenz unter Beteiligung Frankreichs, des Vietminh, der Sowjetunion, der USA und der VR China gelingt im letzten Moment, nachdem die Uhr des Genfer Palastes der Nationen zwecks Einhaltung des Zeitplans angehalten worden war, eine Übereinkunft zu Indochina. Der Waffenstillstand wird unterzeichnet. Die Unabhängigkeit von Laos und Kambodscha sowie des geteilten Vietnam wird anerkannt.
31. Juli
Dem Appell des charismatischen Führers Habib Bourguiba folgend, fordert auch Tunesien die Unabhängigkeit. Mendès France, der Tunesien und seine Menschen ins Herz geschlossen hat, möchte dort keinen nationalistischen Brandherd entstehen lassen, der Nordafrika zu einem zweiten Indochina machen könnte. Am 31. Juli 1954 reist er mit seinem Minister für die Beziehungen zu Tunesien und Marokko, Christian Fouchet, und Marschall Juin nach Tunesien. Im Palast von Karthago eröffnet er dem Bey von Tunis, Sidi Lamine, dass die französische Regierung Tunesien innere Autonomie gewährt.
26. August
Beginn der Pariser Konferenz zwischen Frankreich, Vietnam, Laos und Kambodscha. Verhandlungen zur Übertragung von Verantwortungsbereichen.
30. August
Die Nationalversammlung lehnt das seit zwei Jahren bereitliegende Projekt zur Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) ab. Die EVG hätte die Wiederaufrüstung Deutschlands ermöglicht und eine unter supranationaler Aufsicht (6 Mitglieder der EGKS, Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl) stehende europäische Armee ins Leben gerufen. Diese Punkte spalten die politische Klasse Frankreichs in zwei Lager. Die Befürworter eines föderalen Europas unterstützen das Projekt uneingeschränkt, während es die Nationalisten vehement zurückweisen. Trotz dieser Vorbehalte versucht Mendès France auf der Brüsseler Konferenz Konzessionen von Seiten seiner europäischen Partner zu erlangen und den Vertrag weniger föderalistisch zu gestalten. Doch er scheitert: Am 30. August lehnen die französischen Abgeordneten die Ratifikation des Vertrags zur Gründung der EVG mit 319 gegen 264 Stimmen ab.
19. Oktober
Treffen zwischen Pierre Mendès France und Konrad Adenauer in La Celle-Saint-Cloud. Beginn der deutsch-französischen Versöhnung.
„Wir werden uns mit Deutschland versöhnen, ohne uns dabei von England zu entfernen“, so die von Mendès France am 2. Oktober im Hörfunk verkündete Botschaft. Er bekräftigt dies drei Wochen später (24. Oktober): „Frankreich und Deutschland brauchen einander.“
21. Oktober
Frankreich einigt sich mit Indien auf die Rückgabe der französischen Handelsstützpunkte Yanaon, Mahé, Karikal und Pondichéry.
1. November
Beginn des Algerienkriegs mit 30 Attentaten in verschiedenen Städten. Algerien ist zu diesem Zeitpunkt verwaltungstechnisch gesehen französisches Département. Die „Rebellen“, wie sie von diesem Zeitpunkt an von der französischen Regierung genannt werden, kündigen die Gründung des Front de libération nationale (FLN, Nationale Befreiungsfront) an. Die französischen Behörden vor Ort sind entgegen allem Anschein überzeugt, die Situation in der Hand zu behalten. Paris strebt in Algerien eine andere Entwicklung an als in Tunesien. Die überwältigende Mehrheit der Franzosen denkt nicht im mindesten daran, dass sich Algerien von Frankreich lösen könnte.
10. November
Erstes Maßnahmenpaket gegen Alkoholismus.
24. Dezember
Die französische Nationalversammlung akzeptiert die Wiederherstellung der deutschen Souveränität und das Abkommen über das Saarland.
30. Dezember
Die Nationalversammlung genehmigt die Ratifizierung der Pariser Verträge vom 23. Oktober, welche die Beendigung des Besatzungsregimes in der Bundesrepublik Deutschland, den Beitritt der BRD und Italiens zum Brüsseler Vertrag sowie die Gründung der Westeuropäischen Union (WEU) festlegen.
1955
JanuarAb Januar 1955 trifft Mendès France die ersten Entscheidungen zur Verringerung der Ungleichheiten zwischen Kolonisten und muslimischer Bevölkerung in Algerien. Hauptziel dabei ist, die Polizisten aus Algerien abzuziehen, deren Verhalten den Werten der französischen Republik widerspricht. Doch das geht der radikalsten Kolonistenfraktion, die im Parlament sehr einflussreich ist, bereits zu weit. Ihr Wortführer ist René Mayer, Abgeordneter aus Constantine. Er gehört ebenso wie Regierungschef Mendès France dem Parti radical an. Dennoch nutzt er den durch diese ersten vorsichtigen Maßnahmen in den Mitte-Rechts-Parteien entstandenen Aufruhr, um eine bunt zusammen gewürfelte Mehrheit um sich zu versammeln, die am 5. Februar den Rücktritt von Mendès Frances bewirkt.
5. Februar
Nach einer Parlamentsdebatte über die französische Nordafrikapolitik wird die Regierung Mendès France zum Rücktritt gezwungen. Nach sieben Monaten und 17 Tagen ist die Zeit dieser Regierung vorüber, deren Fundament - mit den Worten Charles de Gaulles in Memoiren der Hoffnung (Mémoires d'espoir) - Mendès Frances Begeisterung, Energie und Persönlichkeit war.
Mendès France hinterlässt den Franzosen folgende Botschaft: „Was in diesen sieben bis acht Monaten erreicht wurde, bleibt bestehen. Was in diesem Land in Gang gesetzt wurde, wird nicht aufhören. Menschen kommen und gehen. Aber die Bedürfnisse unseres Landes dauern an. […] Über das politische Auf und Ab, über die Streitigkeiten zwischen Menschen und Parteien hinaus übermittelt der scheidende Regierungschef seinem Nachfolger den Appell, dem er in dieser Funktion Folge leisten muss: den Appell der Hoffnung eines großen Volkes, das zu recht ungeduldig ist. Der Nationalversammlung, Trägerin der Staatsgewalt, sagt er lediglich: Sie vertreten diese Hoffnung, vergessen Sie dies nie!“
Mit 319 gegen 273 Stimmen (22 Enthaltungen) wird am 5. Februar 1955 das Ende der Regierung Mendès France besiegelt. Der Großteil seiner Gegner kommt aus verschiedenen rechten Strömungen, die verhindern wollen, dass Mendès France in der Algerienfrage so vorgehen würde wie im Fall Tunesien.
Hinzu kommen die Stimmen aus der damaligen Mitte, dem Mouvement républicain populaire (MRP, Republikanische Volksbewegung), der stark für das europäische Einigungsprojekt eintritt und Mendès France das Scheitern der EVG nicht verzeihen kann. Des Weiteren unterstützt die gesamte kommunistische Fraktion, die zu dieser Zeit über 94 Mitglieder verfügt, die Mitte-Rechts-Parteien, um den Mann zu stürzen, der doch den Indochinakrieg beendet hat. Wie üblich im Kielwasser der Sowjetunion, werfen die Kommunisten ihm vor, die deutsche Wiederaufrüstung ermöglicht zu haben; außerdem stellt die große Beliebtheit, der sich Mendès France erfreut, eine beängstigende Konkurrenz für den Einfluss der kommunistischen Partei dar. Daher nutzt sie die erste sich bietende Gelegenheit, um Mendès France zu stürzen.
Deustche Übersetzung von Irène Selle.
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Geschichte am Mittwoch
Mittwoch 16.02.2005 um 20.45
Pierre Mendès France
Dokumentar von Jean-Christophe Rosé - Frankreich 2004 -54'
Kommentar von dem französischen Historiker Jean Lacouture
ARTE France, Kuiv Productions







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