Bora Ćosić - 26/05/07
Die Reise nach Alaska
Eine Rezension von Ariane Thomalla
Wer Bora Ćosić und seine Bücher kennt, ist verblüfft: Der Stil seines neuen wunderbar gelungenen poetisch-reflexiven Buchs „Die Reise nach Alaska“, einer Reise im Jahr 2005 nach „Alt-Jugoslawien“, dem „Alaska unseren früheren Lebens“, ist leichter, transparenter, gelassener als seine Prosa bisher. Er hat hier den manieristisch vertrackt verschachtelten Bora-Ćosić-Ton – wie befreit - hinter sich gelassen. Der Ćosić-Fan, den Mühen manch schwieriger Lektüre enthoben, kann aufatmen.
Sein Autor, ein serbischer Schriftsteller mit kroatischem Geburtsort und so in eigener Person bereits Beweis dafür, dass man ethnisch nicht trennen kann, was sich nicht trennen läßt, hat sichtbar im seit über zehn Jahren bezogenen Berliner Exil Wurzeln geschlagen. Das macht wohl den freieren Blick auf die alte Heimat möglich. 1992 hatte er, entsetzt über die „Lungenpest des Nationalismus“ und den kriegslüsternen Wahnwitz dort, Belgrad für immer verlassen. Ein Wahnwitz, den er auch in den Köpfen und Schriften der intellektuellen und künstlerischen Weggefährten entdecken mußte, „einer traurigen Gruppe von verstrickten Kriegstreibern, mit denen ich keinen Rotwein trinken möchte“. Auch „sehr feinfühlige, subtil künstlerische Seelen“, schreibt er, hätten „an finsteren Taten“ teilgenommen und den Traum mitgeträumt, „ein ganzes Volk, das muslimische, vollständig zu vernichten.“ Eine seiner Lieblingsschauspielerinnen sei direkt vom Avantgardetheater Belgrads an eine „schäbige Waldbühne“ gegangen, „um diese offenen Mörder aus der Kraijna zu unterhalten“. Sie alle traf er auf dieser Reise nicht. Sie wollten ihn, mutmaßt er selbst, wohl auch nicht sehen.
Bosnien – unser Uganda
Dennoch ist die Reiseerzählung kein Versuch einer Abrechnung, auch wenn im harschen mittleren Kapitel über Belgrad gelegentlich Roß und Reiter genannt werden. Auch kein Klagegesang über „ein verwüstetes Land“, wiewohl sich der Aufenthalt in Bosnien dem Leser als zart erzählte unendliche Wehmut mitteilt. Bosnien - „unser Uganda, das Afrika unserer Geschichte, als hätte alle Häßlichkeit dieses Planeten ihre Tasche über diesem armseligen, einst kultivierten Grenzgebiet ausgeschüttet.“ Der Gram sei die Grundlage dieses Landes, seine „Niedergetretenheit von den vielen Soldatenstiefeln“. Gram vor allem in Sarajewo, der Stadt „mit gebrochener Wirbelsäule und Rippen, in diesem Tal des bis vor kurzem herrschenden Grauens.“ Das Böse, zitiert Ćosić den für ihn größten lebenden kroatischen Dichter Danijel Dragojevic, sei ein Mysterium.
Eine Hochzeitsreise?
Noch einen Grund für die neue Leichtigkeit deutet er selbst an. Sei er nicht eigentlich nach Alt-Jugolslawien gefahren, „um meiner Frau das Haus zu zeigen, in dem ich zur Welt gekommen bin“? Manchmal komme ihm diese Reise wie „eine Hochzeitsreise“ vor, denn mit ihr reisten er und seine Vergilsche Begleiterin, „auch in ein neues Leben, das uns noch bevorsteht.“ Verliebt kundschaftet er Lydijas Stätten der Vergangenheit aus: ihr Geburtszimmer im einst großbürgerlichen Haus der kroatischen Eltern in Krapina nahe Zagreb. Heute ein Teil des Gemeindebüros. Die alten großen Häuser und Villen im Land und die herrschaftlichen Wohnungen in Belgrad, wo einst die „guten“ Familien wohnten, die Garanten von Kultur, Weltoffenheit und Europäischem Geist, sind sein Sehnsuchtsort. „Die nationalistischen Banditen vor fünfzehn Jahren“ hätten das Werk des Kommunismus vollendet, hätten „zerstört, niedergerissen, niedergebrannt, ermordet und gestohlen“. Heute sei das Land ein Friedhof der Geschichte und ein Müllabladeplatz. „Auf dieser Deponie gehen wir staunend umher und fragen uns, wie es möglich war, ein derart gewaltiges Potential, eine derart gigantische Vorratskammer der kreativen Ideen und fertigen Errungenschaften auf einen Flohmarkt herunterzubringen.“
Die nationalistische Schreckensherrschaft
Meisterhaft gelingt es Ćosić aus Details das Ganze zu folgern. So werden die gewaltigen Schlaglöcher in den Fahrbahnen, über die „die Lastwagen der Geschichte gefahren“ seien, zum Paradigma für ein Volk, das „den festen Boden unter den Füßen verloren“ hat. Ebenso die „grob aufgewühlten“ Trottoirs. Sie könnten, aufgerissen wie nach einem Erdbeben während der nationalistischen Schreckensherrschaft und seitdem nie mehr repariert, die „psychopathologische Geschichte über die depressive Seele der Bewohner“ erzählen. Die Marmortreppen in den einst schönen alten Häusern sähen aus, „als wären sie von irgendwelchen toll gewordenen Tieren, Steinfressern, angenagt. Ein Derangement, ein Albtraum.“
Ein weiterer Sehnsuchtspunkt der Vergangenheit ist die Avantgarde im Jugoslawien der sechziger und siebziger Jahre, an der Ćosić, der die Surrealisten als seine „Vorfahren“ sieht, teilhatte. Er sucht die alten Freunde, die heute zurückgezogen leben, in Belgrad, Zagreb oder in Slowenien auf und breitet, indem er von ihnen erzählt, eine kleine Kulturgeschichte aus.
Das Gewächs des geistigen Wohlstands
Die Reise in fünf Teilen begann in Österreich, „dem gemeinsamen Land unserer Genealogie“. Sowohl Lydijas als auch seine Großmutter seien dort geboren worden, was wiederum kein Zufall, sondern Normalität gewesen sei. Da könne auch Peter Handke, der andere Reisende, dessen Serbenherrlichkeit Ćosić seit Jahren nicht müde wird aufzuspießen, „nicht entflechten“, was sich kroatisch, serbisch, bosnisch, jüdisch, ungarisch oder alt-österreich-deutsch einst gepaart und fortgepflanzt habe. Auch nicht der erste Schlagbaum mitten auf einer Straße zwischen Slowenien und Kroatien. Der Grenzer winkt mit der Hand als Erlaubnis zur Einreise, „wie man Kühe durchläßt“.
Zuletzt stockt der Fluß der Reise im istrischen Rovinj, in Bora Ćosićs altem Sommerhaus am Meer. Hier wird er überraschend privat und freut sich über seine Freunde. In Istrien, sagt er, blühe noch immer das Gewächs des geistigen Wohlstands, den er sonst im „Alaska unseres früheren Lebens“ vermißt habe. Sein die Serben nicht gerade lobsingendes Buch wird in Belgrad Anstoß erregen. Absicht oder doch noch nicht ganz erreichter Gleichmut? Oder beides?
Eine Rezension von Ariane Thomalla
Erstellt: 21-03-07
Letzte Änderung: 26-05-07