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24/11/05

Die Rolle der Hormone

Die Suche nach dem Jungbrunnen bewegt die Menschheit schon seit Jahrtausenden. Der Schlüssel zur ewigen Jugend – liegt er womöglich in den Hormonen?

Sexualhormone machen uns wild und übermütig. Obwohl die Liebesboten winzig sind, ist ihre Wirkung groß. Östrogene, die weiblichen Sexualhormone machen uns hingebungsvoll und zärtlich. Das männliche Pendant Testosteron steht für Kraft und Potenz. Mit Beginn der Pubertät zirkulieren die Sexualhormone in unseren Körpern und machen uns für die Liebe empfänglich.

Klimakterium - Wenn die Lust versiegt
Mit den Jahren nehmen die Sexualhormone allmählich ab. Bei den Frauen beginnt das Klimakterium um die fünfzig: Der Östrogenspiegel sinkt rapide ab, mit der weiblichen Fruchtbarkeit ist es zu Ende. Viele Frauen werden müde, gereizt, depressiv. Oft leiden Partnererbeziehung und Sexualität. Hitzewallungen quälen, die Hauttemperatur steigt um bis zu 5 Grad, sie wird dünn, rissig und trocken. Ihr fehlen die Botenstoffe, die Östrogene. Nur sie können den Hautzellen Befehle übermitteln, sich zu teilen oder Wasser einzulagern. Ohne Östrogene regeneriert die Haut nur noch schlecht. Falten bilden sich, die Schleimhäute trocknen aus, was zu Schmerzen und Infektionen führen kann. Eine weitere Folge des Östrogenmangels ist Osteoporose: Die Wirbelsäule schrumpft, die Knochen werden morsch und drohen schon bei harmlosen Bewegungen zu brechen. Rund ein Drittel aller Frauen leiden stark unter Beschwerden in den Wechseljahren.
Auch Männer bekommen den Verlust der Sexualhormone zu spüren: Bereits ab 25 sinkt der Testosteronspiegel jährlich um 1 %, ab 40 kommt dann der große Knick. "Klimakterium virile" wird dieses Phänomen genannt. Die Symptome: der Bauch wird dick, die Muskeln schwinden, die Knochen werden porös. Und die Lust auf die Lust ist immer seltener.

Kann das Versiegen der Hormone gestoppt werden? Lassen sich die fehlenden Hormone vielleicht einfach ersetzen? Als Forscher vor rund siebzig Jahren im Urin trächtiger Stuten hochwirksame Östrogene in rauen Mengen entdeckten, schien der Jungbrunnen für Frauen entdeckt. Große Pferdefarmen in Kanada wurden daraufhin in Östrogenfabriken verwandelt. Dass die Pferdeöstrogene nur teilweise mit denen des Menschen identisch sind, störte nicht: Großzügig verschrieben Ärzte die neue "Wunderpille", zwanzig Jahre lang. Die Patientinnen waren zufriden - Hitzewallungen und Schweißausbrüche verschwanden, die Lebenslust kehrte zurück, selbst die Haut schien verjüngt. Euphorisch glaubten einige Wissenschaftler sogar, dass die Hormontherapie nicht nur gegen Osteoporose helfe, sondern auch gegen Herzinfarkt.
Eine amerikanische Studie mit über 20 000 Frauen zerschlug die Hoffnungen und schuf neue Ängste. Die erhoffte Schutzwirkung auf das Herz-Kreislaufsystem blieb aus, statt weniger Herz- und Hirninfarkten wurden es mehr. Wie bei der Antibabypille erhöhte sich das Thromboserisiko. Die Hormone beschleunigten zudem die Zellteilung und erhöhten das Brustkrebsrisiko. 2002 wurde die Studie abgebrochen.

Soja und Rotklee - Phytoöstregene als Alternative?
Fieberhaft wird nach Alternativen gesucht, zum Beispiel unter altbewährten Heil-Pflanzen. Sowohl Rotklee als auch Soja z.B. enthalten pflanzliche Östrogene – Phythoöstrogene. Hoher Sojakonsum heißt es, sei auch der Grund dafür, dass Japanerinnen kaum Brustkrebs bekommen und keine Wechseljahresbeschwerden haben. Auch die Traubensilberkerze hat sich seit über 50 Jahren zur Behandlung von Hitzewallungen bewährt. Die Traubensilberkerze enthält, anders als oft behauptet, jedoch kein Östrogen, ist daher auch deutlich weniger wirksam als Stutenöstrogen. Das Forscherinteresse richtet sich deshalb auf Soja und Rotklee, auf die Phythoöstrogene. Ein Göttinger Forscherteam untersuchte ihre Wirkung an alternden Rattenweibchen - mit bisher ernüchterndem Ergebnis: Es konnte zwar eine leicht positive Wirkung auf die Knochen festgestellt werden, aber keine oder nur eine extrem schwache Wirkung auf klimakterische Beschwerden. Tierexperimentelle Studien in Göttingen und Amerika zeigten zudem, dass auch pflanzliche Hormone eher das Zellwachstum gefördert haben. Vermutet wird nun, dass Isoflavone und Sojaprodukte nur während der Pubertät positiv auf die Brustdrüsen wirken.

Hochkonjunktur hat momentan ein neues Heilsversprechen: das Östrogengel, alternativ das Östrogenpflaster. Die Hormone dringen über die Haut in die Blutbahn ein und erreichen so sämtliche Rezeptoren. Die Therapie sollte allerdings nicht länger als zwei maximal drei Jahre dauern und durch Auslassversuche immer wieder ergänzt werden.


Anti-Aging
Hormone verändern auch unser Aussehen, beeinflussen vor allem den Haarwuchs, Fettzellen und die Haut. Ob der Hormonspiegel auch Rückschlüsse auf die Lebenserwartung zulässt ist noch unklar. Viele weitere Kriterien scheinen dabei eine Rolle zu spielen. Anti-Aging-Ärzte behaupten, mit Hilfe einer individuell angepassten Hormontherapie gegen Fettleibigkeit, Antriebsschwäche und Lustlosigkeit vorgehen zu können. Ein umfassender Gesundheitscheck soll Aufschluss darüber geben, wie weit das gewünschte Alter vom biologisch-kalendarischen abweicht und umfasst unter anderem Messung der Knochendichte, Fettanteil, Hormonspiegel, Reaktionsgeschwindigkeit, Gedächtnis. Erweisen die Tests einen Testoteronmangel, soll dieser durch ein Gel ausgeglichen werden. Viele Wissenschaftler halten die Anti-Aging Medizin für esoterisch. Der Sporthistoriker Giselher Spitzer hat maßgeblich an der Aufdeckung des großen DDR-Doping-Skandals mitgewirkt und hält Anti-Aging zudem für extrem gefährlich: "Anti-Aging ist nichts anderes als Doping. Eine erste Nebenwirkung z.B. eines Testoteronpflasters ist das Absinken der körpereigenen Produktion. Die Anwendung von anabolen Steroiden führt zudem zu Leberschäden, Schädigungen des Herzmuskels und des Fortpflanzungsapparates. Man muss zudem immer daran erinnern, dass gerade Anabolika einen sehr stark psychischen Einfluss haben, z.B. auf Aggressivität".

Hormon-Yoga
Die Mehrzahl der Sportler wird Anti-Aging nie brauchen. Moderater Ausdauersport stimuliert die Hormondrüsen: Sportmediziner konnten nachweisen, dass das Wachstumshormon schon nach 20 Minuten Joggen auf den dreifachen Wert schnellen kann, zudem Muskeln und Knochen stärkt.
Auch mit Entspannungstechniken lässt sich einiges erreichen: Die Brasilianerin Dinah Rodrigues hat für Frauen in den Wechseljahren eine spezielle Hormon-Yoga-Therapie entwickelt. Die Vitalität und weibliche Ausstrahlung der mittlerweile 78-jährigen überzeugt und fasziniert Frauen weltweit. Eine wissenschaftliche Überprüfung der Methode ergab, dass sich die Hormonkonzentration der Probandinnen in vier Monaten im Schnitt um 254 % erhöhte. Hitzewallungen verschwanden, auch andere Symptome wie vaginale Trockenheit, Depressionen, Gereiztheit und Stress gingen zurück. Beim Hormon-Yoga, einer Mischung aus Hatha Yoga, Kundalini Yoga und buddhistischer Meditation, sollen die Wärme der Hände, indirekte Massagetechniken und spezielle Atemübungen die Eierstöcke stimulieren, um die körpereigene Östrogenproduktion anzuregen. Auch bei Frauen, die sich vergeblich ein Kind wünschten, soll die Technik geholfen haben. Dinah Rodriguez empfiehlt Hormon-Yoga für alle gesunden Frauen ohne Beschwerden ab 36. Zu diesem Zeitpunkt nimmt die Hormonproduktion ab. Die Schwere der Symptome habe auch viel mit Psychologie zu tun, erklärt sie. Frauen in Indien und Japan litten kaum an Wechseljahrsbeschwerden, weil sie das Ende der Fruchtbarkeit positiv sehen, als einen Zugewinn gesellschaftlicher Freiheit. Bei allen Übungen geht es daher auch immer darum, diese neue Lebensphase anzunehmen, sie schätzen zu lernen.

Gesunde Ernährung und das tägliche Glas Rotwein
Auch über die richtige Ernährung kann man Einfluss auf den Hormonhaushalt nehmen. Je größer das Körpervolumen, desto geringer die Hormonkonzentration pro Zelle. Als Richtwert für beide Geschlechter gilt der so genannte BMI, der Body-Mass-Index (Gewicht dividiert durch das Quadrat der Körpergröße). Der empfohlene Richtwert liegt zwischen 20 und 25. In Campodimele, einem kleinen italienischen Dorf, rund 100 Kilometer südlich von Rom, scheinen die Bewohner das Rezept für die ewige Jugend gefunden zu haben. Ihre Lebenserwartung liegt rund 10 Jahre über der des restlichen Europa. Neben dem täglichen Glas Rotwein setzen die Bewohner von Campodimele auf Olivenöl aus eigener Herstellung. Einen ganzen Becher davon nehmen sie täglich zu sich. Das gelbe Gold soll die Räume zwischen den Zellen entschlacken, so dass die Hormone ungehindert ihre Botschaften mit den Zellen austauschen können. Eine Gruppe Forscher aus Rom hat zudem nachgewiesen, dass die Leute aus Campodimele einen auffallend niedrigen Cholesterinspiegel haben. Die traditionelle Küche der Einheimischen ist eher spartanisch. Die meisten Zutaten kommen aus eigenem Anbau, aus den umliegenden Gärten und Feldern. Fleisch steht kaum auf ihrem Speiseplan. Die ölreiche, aber ansonsten kalorienarme Ernährung kombiniert mit intensiver körperlicher Arbeit, verhindert ganz natürlich Übergewicht und die Produktion von Aromatase.

Nicht zuletzt beflügelt auch eine erfüllte Liebesnacht den Körper: Sogar zwei Tage später kann der Hormonspiegel noch um bis zu 50 % erhöht sein. Männer und Frauen, die lange sexuell aktiv bleiben, können sich freuen: Untersuchungen zeigen, dass ihre Lebenserwartung überdurchschnittlich hoch ist.

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Mit Material aus der Sendereihe
Dem Jungbrunnen auf der Spur
28.11. bis 30.11., 19.00 Uhr
Dokumentationsreihe, Deutschland 2005, BR, Erstausstrahlung

Erstellt: 24-11-05
Letzte Änderung: 24-11-05