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Wenn der Rücken schmerzt

Rückenschmerzen sind unbestritten eine Volkskrankheit in allen westlichen Zivilisationen. Der Themenabend beschäftigt sich eingehend mit diesem Phänomen. Er beleuchtet den aktuellen Wissensstand, stellt neue Therapieansätze und Behandlungsmöglichkeiten vor...

> Rückenschmerz-Revolution

30/09/08

Die Rückenschmerz-Revolution

Video-Interview mit Prof. Gordon Waddell


Neuesten Erkenntnissen zufolge liegen nur einem kleinen Teil der Rückenschmerzen wirkliche Erkrankungen zugrunde. Als Vordenker einer neuen Rückenmedizin gilt Prof. Gordon Waddell. 1998 räumte der schottische Orthopäde in seinem Buch "Die Rückenschmerz-Revolution" angesichts der mangelnden Erfolge der Rückenmedizin gleich mit mehreren Mythen auf.

  • Interview Gordon Waddell
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Der ehemalige Chirurg forderte in der Publikation ein Umdenken seiner Fachkollegen und nannte das Versagen der Rückentherapien generell "ein medizinisches Desaster". Im Zentrum seiner Kritik steht die Operation der Bandscheibe, der sich jährlich alleine in Deutschland rund 60000 Rückenschmerzpatienten unterziehen.
Vor knapp 20 Jahren war Gordon Waddell noch ein Außenseiter; mittlerweile bestätigen internationale Studien seine weitsichtigen Thesen: Die neue Orthopädie hat sich von der Auffassung verabschiedet, dass jeder Bandscheibenvorfall automatisch operiert werden muss. Eine Bewegungstherapie hilft selbst in diesen Fällen in der Regel besser.

Auszüge aus dem Interview in deutscher Sprache: 

Die meisten Menschen mit Rückenschmerzen haben keine Krankheit

"Noch in den 1980er Jahren wurde ungefähr 50% der Patienten, die ihren Arzt wegen Rückenschmerzen aufsuchten, Bettruhe verordnet.  Unsere letzte Umfrage zeigt, dass diese Zahl inzwischen auf 1% gesunken ist. Es mag vielleicht einige Patienten geben, die Bettruhe benötigen und bei denen dieser ärztliche Rat angemessen ist - interessant ist jedoch, dass inzwischen in 99% der Fälle keine Bettruhe mehr verordnet wird. In diesem Punkt hat also ein komplettes Umdenken in der medizinischen Praxis stattgefunden; auch in der öffentlichen Meinung. Ich glaube, dass wir radikal umdenken müssen. Wir müssen aufhören, nach einer Krankheit zu suchen. Die meisten Menschen mit Rückenschmerzen haben keine Krankheit und auch keine großen Rückenschäden. Es geht eher darum, dass der Rücken nicht so funktioniert wie er sollte; er ist vielleicht steif geworden, die Muskeln sind zu schwach, arbeiten nicht mehr richtig oder es gibt Koordinationsprobleme. Wenn diese funkionellen Probleme gelöst Sind, und die Muskeln stabilisiert werden, lassen meistens auch die Schmerzen nach."

 
Bildgebende Verfahren der modernen Medizin

"Wenn man zum Beispiel, „degenerative Veränderungen“, also einfache Alterserscheinungen erkennt, zieht man automatisch den Schluss, dass sie mit den Rückenschmerzen etwas zu tun haben. Fakt jedoch ist: Wenn man MRT bei Menschen ohne Rückenschmerzen macht, dann sieht man genau das Gleiche. Verschleißerscheinungen liefern einen Hinweis auf das Alter des jeweiligen Menschen, sagen aber eigentlich nichts über seine Rückenschmerzen aus."
 
 
Rückenschmerzen und Psyche
 
Auch die Psyche spielt eine bis heute massiv unterschätzte Rolle bei der Entstehung von Rückenschmerzen. Studien zeigen, dass 80 bis 90% aller Menschen mit chronischen Rückenschmerzen Symptome einer leichten Depression aufweisen. Da Depressionen die Ausschüttung körpereigener Opiate blockieren ist dann auch die Schmerzempfindlichkeit deutlich erhöht.
"Ich behaupte nicht, dass die seelische Verfassung die Rückenschmerzen verursacht oder dass das soziale Umfeld die Ursache ist. Ich bin vielmehr davon überzeugt, dass die Rückenschmerzen tatsächlich auf ein physiologisches Problem zurückzuführen sind. Richtig ist aber auch, dass die Art, wie ein Betroffener darauf reagiert, entscheidet, welche Auswirkungen die Schmerzen auf sein Leben haben. […] Auch der Druck, dem Betroffene ausgesetzt sind und die Arbeitssituation beeinflussen die Schmerzen. Es geht nicht darum, dass der Betroffene die Rückenschmerzen sozusagen im Kopf hat sondern darum, dass die innere Einstellung und die sozialen Faktoren darüber entscheiden, welche Rolle die Rückenschmerzen im Leben der Betroffenen einnehmen."
 

Selbstheilungskräfte nutzen

"Das ganz große Ziel ist, die Zahl der Menschen, bei denen einfache Rückenschmerzen zu einer chronischen Behinderung führen, zu senken. Das bedeutet, dass wir die Art verändern müssen, wie die Menschen über einfache Rückenschmerzen denken und wie sie mit ihnen umgehen, und zwar von Anfang an. Wir müssen das schaffen. Ich rede hier bewusst nicht von „Patienten“, denn Menschen mit Rückenschmerzen dürfen nicht zu Rückenschmerz-„Patienten“ werden. Es ist wichtig, dass sich die öffentlichen Meinung über Rückenschmerzen ändert. Wir müssen außerdem Ärzte und Therapeuten ermutigen, sich in der Praxis anders zu verhalten. Sie sollten sich stärker auf die wenigen Patienten konzentrieren, die wirklich medizinische Hilfe benötigen und ihre Behandlungsstrategie bei den restlichen 95 % ändern. Wir müssen also aufhören, etwas, das eigentlich ein ganz normales Lebens- und soziales Problem ist, als medizinisches zu betrachten. Dafür muss die ganze Gesellschaft umdenken. Auch die Arbeitgeber müssen verstehen, dass auch jemand, der nicht komplett schmerzfrei ist wieder arbeiten kann und das es auch gut für ihn ist und jemand der chronische Schmerzen hat muss nicht zwangsläufig als Frührentner enden. Wir müssen also erreichen, dass sich die öffentlichen Erwartungen, die Erwartungen der Mediziner und die Erwartungen der Gesellschaft ändern. Wir müssen einfach nur die Welt verändern.“
 

Erstellt: 26-06-07
Letzte Änderung: 30-09-08