Schriftgröße: + -
Home > Die Welt verstehen > Geschichte auf ARTE

Geschichte auf ARTE

Monatliches Onlinemagazin mit Informationen zu den wichtigsten historischen Sendungen auf ARTE und mehr: Geschichte hinter den Geschichten

> Schwerpunkte > Europas Bahnen & der Holocaust > Artikel: Die SNCF und die „années noires“

Geschichte auf ARTE

Monatliches Onlinemagazin mit Informationen zu den wichtigsten historischen Sendungen auf ARTE und mehr: Geschichte hinter den Geschichten

Geschichte auf ARTE

03/08/10

Die SNCF und die „années noires“

Ein Artikel von Guilhem Zumbaum-Tomasi zur Auseinandersetzung der SNCF mit ihrer Vergangenheit. Der französische Historiker war auch Berater der TV-Dokumentation „Nach Fahrplan in den Tod“.

Behindert der Konzern SNCF die Recherchen? Werden Archive unter dem Vorwand, es handele sich um persönliche Akten, nicht geöffnet und damit das Ausmaß der Beteiligung an den Transporten in den Tod verschleiert? Warum legte die SNCF – im Gegensatz zum französischen Staat – Berufung gegen ein Gerichtsurteil des Verwaltungsgerichts in Toulouse im Jahr 2001 ein, das der SNCF die moralische Mitverantwortung bei den Deportationen bescheinigt?

Die SNCF war ein Teil des Systems Vichy und unterlag den Regeln der deutschen Besatzung. Sie stand nicht nur unter deutschem Besatzungsrecht. Vielmehr suchte sie mittels Verträgen, die sie mit der deutschen Regierung abschloss, eine aktive Rolle in der Zusammenarbeit mit den Deutschen einzunehmen. Diese aktive Teilnahme passt 1944 nicht mehr ins Bild des Unternehmens als Pfeiler der Résistance. In der Konsequenz ergibt sich das bis heute existierende Verhältnis der SNCF zu ihrer Vergangenheit in den Jahren 1939 bis 1944 und im Besonderen zu ihrer Rolle unter der deutschen Besatzung und als französisches Staatsunternehmen unter Vichy: Es ist geprägt vom interpretatorischen Verhältnis zwischen Résistance und Kollaboration.

Die SNCF von 1940 bis 1944 war ein Mischunternehmen; d.h. zum einen vom französischen Staat, Vichy, kontrolliert und zugleich ein Privatunternehmen. Sie wurde von einer Elite geführt, die ausnahmslos aus der école polytechnique kam. Die SNCF als nationalisiertes Transportunternehmen, fuhr Massen vom nicht industrialisierten, agrarisch geprägten Süd- ins industrialisierte Nordfrankreich. Sie galt neben dem Automobil als Symbol der Moderne. Und sie war 1940 der größte französische Betrieb, der einer halben Millionen Angestellte Arbeit gab. Wie war es möglich geworden, dass diese Firma und ihre Elite sich genau so verhielt wie das politische und polizeiliche Frankreich um Pétain, Touvier, Laval, Doriot, Déat, Bousquet oder Darlan? Warum konnte die SNCF zum Handlager der nationalsozialistischen Rassenpolitik in Europa werden? Diesen Fragen ging die provisorische Regierung nur in einem kurzen Zeitraum, nämlich 1944, nach. Die épuration (1944-1946), d.h. der vom Widerstand gewollte Selbstreinigungsprozess beschäftigte sich vielmehr entweder mit der Staatsspitze um Pétain/Laval und anderen Ministerialen oder mit einzelnen Individuen.

Die SNCF als Hort der Résistance?
Mit der libération kam es bei der SNCF zu einem Résistance-Mythos. Die ganze französische Gesellschaft war davon erfasst und in dieser Atmosphäre entstanden eindrucksvolle Filme wie etwa „La bataille du rail“ (1946) oder „Der Zug“(1964). Ersterer wurde durch finanziellen Zuwendungen der SNCF (1945) ermöglicht. Politisch waren sowohl Gaullisten als auch Kommunisten daran interessiert, dem einfachen Menschen zu zeigen, dass sie nicht alleine im Kampf gegen die deutsche Besatzungsmacht gestanden hatten.

Dieses Beispiel soll zeigen, wie ein bestimmter Film die Realität verklärt und das Spiel mit der Erinnerung über Jahrzehnte kontrolliert. Gerade der Film „La bataille du rail“ beeinflusste das Bild, das man sich von der SNCF als (Haupt-)Trägerin des französischen Widerstandes machte. Betrachtet man den Film genauer, so erscheint darin das französische Volk als Stütze des Widerstandes, während die Führung der SNCF gar nicht gezeigt wird: Sie ist nicht existent. Gezeigt wird vielmehr das gewünschte, gewollte Bild von der Eisenbahnergesellschaft SNCF in der Rolle des Opfers in den Klauen des deutschen Besatzers.

Erst nach 1990 interessierte sich eine neue Generation von Historikern für die Rolle der SNCF während der „années noires“. Bis dato versuchte es der Dokumentarfilmer Marcel Ophüls in den 70er Jahren vergeblich, die SNCF in ihrem wahren Licht zu zeigen. Ab 1990 mussten die Politik und die Gesellschaft wie auch die verschiedenen Widerstandsorganisationen in Frankreich von einem lieb gewordenen Bild, der SNCF als Hort der Résistance, Abschied nehmen.

Haben sich die Historiker bisher zu wenig mit dem Thema beschäftigt?

So sieht es die renommierte französische Historikerin Anette Wieviorka:

vgl. unsere Rubrik „Die Kontroverse. Meinungen zum Thema“.
Offenlegung der Archive
Das Thema, das bis heute debattiert wird: Wie kam es bei den Deportationen zur aktiven Kollaboration, d.h. zu Verträgen mit den Deutschen? Um dieser Frage nachzugehen wählte die SNCF zuerst den Weg der Offenlegung eines Teils ihres Archivs. Nach 2000 änderte sich ihre Haltung. Im Zuge der von den Opfern der Deportationen angestrengten Verwaltungsprozesse von 2001 bis 2007 in Frankreich und in den USA, zog sich die SNCF in ihr Schneckenhaus zurück. Der SNCF kam 2007 die Wahlkampfreden des heutigen französischen Präsidenten Sarkozys gelegen. Er forderte das Ende der historischen Aufarbeitung und der eigenen moralischen Schuldzuweisung.

Dem gegenüber steht eine wissenschaftliche Pionierarbeit, die exemplarisch für die Zeit des offenen Umgangs der SNCF mit ihrer Vergangenheit steht. Die Arbeit des Historikers Christian Bachelier. „La SNCF sous l´occupation allemande. 1940- 1944“, (1992- 1996) ist bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht für ein größeres Publikum veröffentlicht worden. Sie kann jedoch im Internet und beim Institut d´Histoire du Temps Présent (IHTP, Paris), dem französischen Zentrum für Zeitgeschichte, eingesehen werden. Diese erste seriöse und wissenschaftliche Arbeit wollte die Rolle der SNCF aufklären und diente nach 2001 als Grundlage und Begründung für die Klagen der Opfer gegen den französischen Staat und die SNCF. Hat der französische Staat 2006 das Urteil des Verwaltungsgerichts in Toulouse akzeptiert, ging die SNCF hingegen in Revision; und hatte damit bis 2007 Erfolg.

Vom ehrlichen Umgang mit der Zeit der Kollaboration zur kontrollierten Offenheit
Der Prozessverlauf brachte die SNCF zum Umdenken. Anstatt jetzt eine Expertise von außen in Auftrag zu geben, betreibt sie mittels ihrer eigenen Association pour l´Histoire des Chemins de fer (AHICF) Aufklärung ihrer Betriebsgeschichte. Vom ehrlichen Umgang mit der Zeit der Kollaboration ist die SNCF übergegangen zu einer Form der kontrollierten Offenheit. Anders gesagt: sie möchte keine unabhängige historische Aufarbeitung ihrer Rolle während der années noires. Jeder, der es zur Zeit wagt, ihre Rolle zu kritisieren, muss sich mit ihren „Hofhistorikern“ auseinander setzen. Leider teilen auch nicht alle unabhängigen französischen Historiker/-innen die Kritik der Geschichtsbildsäuberung ihrer Kollegen/-innen an die Adresse der SNCF.

Um die Rolle der SNCF besser verstehen zu können, benötigt der Historiker den uneingeschränkten Zugang zu den Archiven. Der Zugang zu den französischen Archiven wird 2008 immer noch durch den Zusatz Staatsgeheimnis oder Wahrung der Persönlichkeitsrechte erschwert. Weiterhin ist bis heute nicht geklärt, welches Archivmaterial die SNCF bewusst zwischen 1944 und 2008 zerstört hat oder welches durch Brand wie 1981 zerstört worden ist. Es fehlt an Klarheit.

Nach Fahrplan in den Tod. Europas Bahnen und der Holocaust

Mittwoch 7.Juli 2010
ab 20.15 Uhr

Wiederholung am Samstag 10. Juli um 15.55 Uhr

(Deutschland, 2008, 52mn) SWR
Kein Pfeiler des Widerstands
Die Auseinandersetzung mit der Rolle der SNCF während des Zweiten Weltkriegs liegt nicht nur in den Händen der Historiker. Sie ist ein Politikum. Erst das wissenschaftliche und öffentliche Interesse zwangen die SNCF in der Vergangenheit zur Klärung ihrer Haltung gegenüber der deutschen Besatzungsmacht in Frankreich. Die Motive der aktiven Teilnahme am Plan der Nationalsozialisten, Europa vom Judentum und vom Kommunismus zu befreien, waren vielschichtig: Egoismus, Überzeugung, Ideologie, Antisemitismus, Antikommunismus, sozialer Aufstieg, Patriotismus. Dabei war die SNCF eins nicht: Sie war kein Pfeiler des Widerstandes. Nur einzelne waren im Widerstand gegen die Deutschen aktiv und zahlten dies mit ihrem Leben.

2008 ist nüchtern festzuhalten, dass es der SNCF an Einsicht und mangelnder Bereitschaft mangelt, sich kritisch mit der Vergangenheit auseinander zu setzen. Unterstützt wird diese Haltung durch den französischen Staat, einige Historiker, Teile der französischen Justiz und durch die französische Gesellschaft, die sich seit kurzem erneut abwartend bis ablehnend zu diesem Thema verhält.

Erstellt: 28-08-08
Letzte Änderung: 03-08-10