Die Legitimitätsbasis der kommunistischen Herrschaft in Jugoslawien wurde durch die wirtschaftliche Dauerkrise der achtziger Jahre entscheidend geschmälert. Eine gewaltige Inflation, hohe Arbeitslosigkeit und ein drastisch sinkender Lebensstandard diskreditierten die sozialistische Ideologie und ließen das Ansehen des Staates auf den Nullpunkt sinken. Natürlich verfehlte auch der Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa seine Wirkung nicht.In Slowenien und Kroatien erklärten Spitzenpolitiker, Jugoslawien sei tot und werde nie wieder erstehen. Beide Republiken erklärten am 25. Juni 1991 ihre Unabhängigkeit. In Slowenien kam es daraufhin zu einem kriegerischen Intermezzo, das nach zehn Tagen mit dem Abzug der jugoslawischen Bundesarmee sein Ende fand.
In Kroatien lagen die Dinge anders. Dort stellten die Serben 12 Prozent der Bevölkerung. Slobodan Milošević übernahm bereitwillig die Rolle eines Protektors der Serben in Kroatien und Bosnien. Er betonte immer wieder, er werde nicht zulassen, dass ein Viertel aller Serben außerhalb Serbiens leben müsse, benachteiligt und entrechtet, vielleicht sogar dem Genozid ausgeliefert.
Milošević entschloss sich zum Krieg. Er finanzierte die jugoslawische Bundesarmee, ebenso wie die berüchtigten serbischen Freischärler, die „Tiger“ und die „Tschetniks“. Offiziell war Serbien am Krieg in Kroatien nicht beteiligt, aber Milošević zog alle Fäden im Hintergrund. Die serbischen Truppen brachten ein Drittel des kroatischen Territoriums unter ihre Kontrolle. Kroatien hatte mehr als 12 000 Tote zu beklagen. Hunderttausende wurden vertrieben.Die Meinung der europäischen Öffentlichkeit wurde durch zwei Ereignisse entscheidend geprägt: die Tragödie der dem Erdboden gleichgemachten Stadt Vukovar und das brennende Dubrovnik. Als die Medien die Bilder dieser Katastrophen zeigten, nahm man in Europa Partei für Kroatien. Die EG erkannte den neuen Staat völkerrechtlich an. In den kroatischen Gebieten unter serbischer Kontrolle wurden UN-Blauhelme stationiert. .
Anfang April 1992 anerkannten die USA Bosnien-Hercegovina. Wenig später vollzog auch die Europäische Gemeinschaft diesen Schritt. Aber das bedeutete keinen Schutz für Bosnien. Im Osten des Landes vertrieben paramilitärische serbische Banden Hunderttausende von Muslimen. Die Armee der bosnischen Serben brachte 70 Prozent von Bosnien in ihre Gewalt und umzingelte die Hauptstadt Sarajevo. Die bosnischen Kroaten eroberten die Westhercegovina und vertrieben die dortige serbische und muslimische Bevölkerung. Im Sommer 1992 standen weite Teile Bosniens in Flammen. Gefangenenlager wie Omarska, Keraterm und Manjaca wurden errichtet. Die schrecklichen Bilder aus diesen Lagern gingen um die Welt und lösten Abscheu und Empörung aus. Serbische Scharfschützen in den Bergen um Sarajevo töteten unschuldige Menschen, die nach Brot oder Wasser anstanden.
Im Juli 1995 eroberten die bosnischen Serben die Stadt Srebrenica, eine sogenannte „UN-Schutzzone“. Sie vertrieben mehr als 40 000 bosnische Muslime, die hier auf Rettung gehofft hatten, und ermordeten über 7 000 zumeist junge Männer. Die Verantwortung für dieses Massaker trug General Ratko Mladić. Jetzt gab es einen Meinungsumschwung in den USA. Die Clinton-Administration gab der mit amerikanischer Hilfe aufgerüsteten kroatischen Armee die Erlaubnis, die Serben aus Kroatien zu vertreiben. Zunächst eroberten die Kroaten im Mai 1995 Westslawonien und Wochen später mit der Operation „Oluja“ (Sturm) die Krajina. Zwischen 150 000 bis 200 000 Serben wurden vertrieben, etwa 150 getötet. Milošević unternahm nichts, um den Landsleuten zur Hilfe zu kommen.Am 21. November wurde der Friedensvertrag von Dayton geschlossen, der den Krieg in Bosnien beendete. Als Milošević sich weigerte, das Abkommen von Rambouillet zu unterzeichen, das die Stationierung von Nato-Soldaten in Kosovo vorsah, entschloss sich die Nato zu Luftangriffen auf Jugoslawien, die am 23. März 1999 begannen. Jetzt startete die jugoslawische Armee eine Vertreibungsaktion in Kosovo, der bis zu 800 000 Albaner zum Opfer fielen. Morde, Vergewaltigungen und das Plündern und Niederbrennen von Häusern begleiteten die Aktion. Bis zu 10 000 Kosovo-Albaner starben während der Nato-Kampagne. Nach dem Einmarsch der Nato-Truppen am 12. Juni 1999 wendete sich das Blatt. 165 000 Serben flohen aus Kosovo.
Zieht man Bilanz, so ergibt sich, dass Milošević die meisten Schlachten gewonnen, aber alle Kriege verloren hat. Er war auch kein Nationalist, denn die heiligsten Güter der Nation waren ihm völlig gleichgültig. Bildlich gesprochen hat er das serbische Tafelsilber bis auf den letzten Teelöffel verspielt. Er ließ die bosnischen Serben im Stich, und ebenso die Serben in Kroatien. Am Ende verspielte er auch Kosovo. Er war ein eiskalter Zyniker, unfähig zu menschlichen Regungen. Verpflichtet nur der Macht und dem Machterhalt.Ratko Mladić und Radovan Karadzić sind traumatisierte Persönlichkeiten, ihre Verbrechen mit normalen Maßstäben nicht zu messen. Die jugoslawischen Nachfolgestaaten haben erkannt, dass die Europäische Union die einzige Option für ihre Zukunft ist. Selbst in Serbien bricht sich diese Erkenntnis allmählich Bahn.
Text: Jens Reuter
Bilder: aus der Dokumentation "Milosevic - das letzte Gericht"







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