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19/08/08

Die Steinzeit an der Schule

Aus der Sicht von Deutschland und Frankreich


Grit Tümmler-Kästner und Christophe Clognier sind beide Geschichtslehrer. Die eine am Pädagogium Baden-Baden und der andere im elsässischen Molsheim an der Schule Henri Meck. Sichtwechsel.

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Anlässlich des ARTE-Themenabends „Reise in die Steinzeit – Auf den Spuren unserer Vorfahren“, der am 4. November ausgestrahlt wird, haben sie sich bereit erklärt, zum Thema Ur- und Frühgeschichte Rede und Antwort zu stehen. Die Lehrer und Historiker erläutern, wie dieses Thema an deutschen und französischen Schulen behandelt wird, und warum es auch im 21. Jahrhundert von so großer Bedeutung ist, diesen geschichtlich weit zurückliegenden Zeitabschnitt zu unterrichten.

Es gibt immer mehr Fernseh- und Kinofilme zum Thema Ur- und Frühgeschichte. Das junge Publikum lernt diese historische Epoche durch Trick- und Spielfilme, aber auch durch Dokumentarfilme kennen. Welche Rolle spielt heutzutage die Schule bei der Vermittlung von Kenntnissen über die Ur- und Frühgeschichte?

G. Tümmler-Kästner: Die Filme gehen doch ein bisschen anders als die Schule an das Thema heran. Wir können andere Medien nutzen, wie z.B. Kinderbücher oder Lehrbuchtexte. Wir arbeiten auch mit Bildern und natürlich zeichnen wir auch gerade in den ersten Stunden als Einführung eine ganze Menge. Das macht den Schülern Spaß und dadurch erhalten sie noch zusätzliches Wissen. Wenn sie sich die Filme noch nicht angeschaut haben, bekommen sie von uns erläuternde Hinweise, um die Filme gut verfolgen zu können.


Ab welchem Alter, also in welcher Klassenstufe, wird die Vorgeschichte in Deutschland, bzw. in Frankreich unterrichtet?

G. Tümmler-Kästner: In Baden-Württemberg - ich kann jetzt nur für BW sprechen, wird sie in der 7. Klasse, bzw. im Gymnasium in der 6. Klasse unterrichtet.

C. Clognier: Die Ur- und Frühgeschichte stehen auf dem Geschichtslehrplan der 6. Klasse. Dieser Zeitabschnitt ist sehr bedeutend, denn er ermöglicht eine Einführung in die Entstehung von Ackerbau und Schrift.


Die Ur- und Frühgeschichte umfasst eine lange Zeitspanne. Geben Sie Ihren Schülern einen eher allgemeinen Überblick über diesen Zeitraum?

G. T-K: Natürlich picken wir uns spezielle Themen heraus: die Entwicklung des Menschen, u.a. der Neandertaler. Das Leben in der Altsteinzeit und in der Jungsteinzeit und schließlich die Kelten und der Ötzi. Wir arbeiten aber immer mit einem Zeitstrahl, so dass die Schüler einen Überblick bekommen, wie lange diese Epoche gedauert hat.

C. C.: Wir konzentrieren uns auf die Jungsteinzeit, das heißt die Periode von 10 000 bis 3500 v.Chr. Die davor liegende Zeit, also die Altsteinzeit, wird hingegen nicht vollständig behandelt.


Welche bedeutenden Themen aus dieser Periode sind im Geschichtsprogramm vorgeschrieben? Welche Ereignisse soll sich der Schüler laut Lehrplan einprägen? Was sind für Sie die Meilensteine? Bereichern Sie das Lernprogramm um zusätzliche Details?

G. T-K: Die Schüler sollten unbedingt verstehen, dass die Frühzeit des Menschen durchaus für uns noch heute von Bedeutung ist, weil wir hier sozusagen unsere Wurzeln finden. Sie sollten auch mitbekommen, wie diese Entwicklung stattfand. Von wo ging diese Entwicklung aus? Was sagen uns die Quellen und die Funde dazu? Es ist für die Schüler auch wichtig, die Berufe der Menschen von damals kennen zu lernen.

C. C.: Der Lehrplan stellt besonders zwei Bereiche in den Mittelpunkt, zum einen die Entstehung des Ackerbaus im 8. Jahrtausend v.Chr. sowie die Kenntnis der verschiedenen Schriften, die im 4. Jahrtausend v.Chr. entstanden sind. Anhand dieser beiden großen Themen sollen die Schüler die tief greifenden Veränderungen erfassen und verstehen, die die Menschheit seit dieser „neolithischen Revolution“ durchlaufen hat.


Um noch einmal zum Titel des ARTE-Themenabends zu kommen: „Reise in die Steinzeit“ – benutzen Sie diese Wendung ebenfalls in Ihren Kursen oder ist sie Ihrer Ansicht nach veraltet?

G. T-K: Die Bezeichnung „Steinzeit“ benutze ich immer noch. Ein Tafelbild steht auch unter dieser Überschrift. Dann gehen wir immer von den Buchstaben aus und benennen Dinge, die man sich zur Steinzeit merken muss, wie z.B. der Buchstabe „S“ für Steinbearbeitung oder „N“ für Nahrung sammeln.


C. C.: Als große Überschrift wird der Begriff „Steinzeit“ als solcher im Unterricht nicht verwendet. Er eignet sich jedoch besonders zur Bestimmung der beiden Zeitabschnitte Neolithikum und des davor liegenden Paläolithikums. Die Bedeutung von Neolithikum (Jungsteinzeit) wird aus dem Griechischen ‚neo’ für neu oder jung und ‚lithos’ für Stein abgeleitet, folglich ist das Paläolithikum die Altsteinzeit, von „paleo“ – alt. Die Frage nach der Bedeutung des Begriffs Steinzeit ergibt sich also, wenn die Schüler die Definitionen zum Thema erarbeiten.


Welcher besonderer Unterrichtsmaterialien bedienen Sie sich, um den Schülern diese doch sehr weit zurückliegende Periode näherzubringen?

G. T-K: Ich arbeite sehr gerne mit Kinderbuchauszügen, z.B. Die Wildpferdjäger. Ich benutze natürlich auch Auszüge aus dem Lehrbuch, das Verweise auf bestimmte Kinderbücher enthält. Wir arbeiten auch mit Zeichnungen, vor allem wenn es um die Jagdwaffen geht. Die Schüler können sich zwei Jagdwaffen heraussuchen und diese abzeichnen. Es ist auf jeden Fall wichtig, mit dem Zeitstrahl zu arbeiten, damit die Kinder eine Vorstellung davon bekommen, wie lange diese Periode im Vergleich zu den Jahrhunderten danach gedauert hat und wie lange sie schon zurückliegt. Mit den Karten, die in dem Lehrbuch zu finden sind, arbeiten wir auch.

C. C.: Wir können im Elsass und im Departement Bas-Rhin für alle im Unterricht relevanten Themen zum Neolithikum glücklicherweise auf den so genannten pädagogischen Lehrkoffer des Archäologischen Museums Straßburg zurückgreifen. Dieser Koffer enthält verschiedene Werkzeuge und Gegenstände des Urmenschen, deren Fundstätten sich im Übrigen im Elsass befinden. Die Schüler können die Gegenstände ausprobieren, beurteilen und sie wie Nachwuchsarchäologen analysieren. So können sie Schlüsse ziehen, ihr Wissen über diese Zeit vertiefen und sie richtig einordnen.


Der Themenabend verdeutlicht insbesondere durch den Film von Jean-Jacques Annaud „Am Anfang war das Feuer“, doch auch über die im Anschluss gesendete Dokumentation „Experiment Steinzeit“ und den Film über den Fall „Ötzi“, dass sich die Lebensweise des frühgeschichtlichen Menschen je nach geographischer Lage unterschiedlich weiterentwickelte. Wie vermitteln Sie im Unterricht die Veränderungen dieser unterschiedlichen Lebensweisen? Gehen Sie besonders auf bestimmte Regionen ein, z.B. ausschließlich auf Europa?

G. T-K: Der Schwerpunkt liegt schon auf Europa, speziell auf Mitteleuropa, weil die Schüler damit vielmehr anfangen können. Am Anfang wird natürlich auf Afrika eingegangen. Die Wissenschaftler nehmen an, dass dort der Ursprung der Menschheit liegt. Wenn es darum geht, dass Menschen sesshaft werden, dann kommen wir noch auf den Vorderen Orient zu sprechen. Schwerpunkt ist auf jeden Fall Europa.

C. C.: Die Veränderungen, die die Menschheit in Europa erlebt hat, sind zwar von großer Bedeutung. Wir konzentrieren uns aber mit den Schülern der 6. Klasse überwiegend auf den Nahen Osten, insbesondere auf den Raum des Fruchtbaren Halbmondes. Dieses Gebiet umfasst Mesopotamien mit den Flüssen Euphrat und Tigris, Phönizien und den Jordan sowie Ägypten und den Nil.



Viele erinnern sich aus ihrer Schulzeit im Zusammenhang mit der Ur- und Frühgeschichte an die Hieroglyphen. Beschränken Sie sich im Unterricht auf die Bilderschrift der alten Ägypter oder kommen Sie auch auf andere Schriften zu sprechen?

G. T-K: Die Hieroglyphen? Ich verbinde sie eher mit Ägypten... Die Schrift in der Steinzeit an sich ist relativ schwierig. Es geht mehr um Kunst der Steinzeit, wie z.B. die berühmten Höhlemalereien, die natürlich im Unterricht angesprochen werden.

C. C.: Der Lehrplan hebt besonders auf die Entstehung der Schrift ab und somit auf mehrere Schriften. Wir befassen uns überwiegend mit den um 3500 bis 3000 v.Chr. entstandenen Hieroglyphen, machen aber auch einen Abstecher zu anderen Schriften, wie der Keilschrift. Zum Verständnis der Herkunft unseres lateinischen Alphabets gehen wir abschließend auf die phönizische Schrift sowie das phönizische Alphabet ein, aus dem sich über das griechische unser lateinisches Alphabet entwickelt hat.


Mit der Entstehung der Schrift trat der Mensch in die Geschichte ein. Schon als Kind haben uns wohl alle die Wandmalereien der Ur- und Frühmenschen fasziniert, besonders die in der Höhle von Lascaux im Südwesten Frankreichs. Wenn Sie jetzt so alt wie Ihre Schüler wären und ein Bild von der Ur- und Frühgeschichte malen sollten – hier denke ich an den Malwettbewerb auf unserer Internetseite www.arte.tv –, was würden sie dann zeichnen?

G. T-K: Ich würde sicherlich irgendein Tier darstellen, was gejagt wird... Das könnte ich mir gut vorstellen.

C. C.: Was ich malen würde? Einen kleinen interdisziplinären Kunststreich! Ich würde die verschiedenen Altersstufen darstellen, die drei Generationen einer Familie im Spiegel der verschiedenen Entwicklungsphasen der Menschheit. Eine Art reale und progressive Geburt der Menschheit, die mit Entstehung der Schrift in die Geschichte eintrat.


Frau Tümmler-Kästner, Herr Clognier, ich danke Ihnen für das Gespräch und diese lehrreiche Geschichtsstunde. Wir freuen uns jetzt auf die Zeichnungen Ihrer Schüler.


>> Zeichne mir die Urgeschichte

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Das Interview führte Aurélie Grosjean, ARTE.

Erstellt: 19-08-08
Letzte Änderung: 19-08-08