11/05/06
Die Stunde der Wahrheit
"Die Welt zu Gast bei Freunden": Im Juni trifft sich die Elite des Fußballs zum Stelldichein in Deutschland. Der viel zitierte Slogan suggeriert eine schöne heile Sportwelt. Nach dem Anpfiff wird sie jedoch umgehend mit einer harten Wirklichkeit vertauscht – und gewinnt eine politische Dimension.
von Dr. Christoph Bieber
Beim Fußball geht es – frei nach Bill Shankly, dem ehemaligen Coach des FC Liverpool – nicht nur um Leben und Tod, sondern um mehr. Dies zeigt ein Blick auf die zahlreichen Konfliktsituationen, die sich bei der Sortierung der Länderauswahlen in acht Gruppen zu je vier Mannschaften ergaben. Nur selten stehen sich gute Freunde beim Kampf um den Einzug in die nächste Runde gegenüber, weitaus häufiger erleben jahrelang gehegte und gepflegte Rivalitäten eine Neuauflage. Dass es beim WM-Turnier nicht nur friedlich zugehen wird, liegt in der Natur der Sache, denn nicht alle Mannschaften können gewinnen. Dass es dabei gelegentlich auch recht rau werden könnte – dafür spricht die Debatte über den Umgang mit gewaltbereiten Hooligans. Ein Grund für das besondere Konfliktpotenzial der WM-Endrunde liegt in der Entwicklung des modernen Vereinsfußballs, denn die Internationalisierung der Mannschaftsaufstellungen eröffnet den Fans nur noch selten lokale oder regionale Identifikationsangebote – klassische Länderwettkämpfe erscheinen daher umso stärker von national gebündelten Interessen geprägt. So entstehen neben den oft über Jahrzehnte gewachsenen sportlichen Rivalitäten stets auch solche Konfliktpotenziale, die im multikulturellen Vereinsfußball längst überwunden scheinen.
Streitfälle im Strafraum
Treffen kann es dabei jeden: So wurde Ex-Weltmeister Frankreich im Eröffnungsspiel der WM 2002 von der eigenen Kolonialvergangenheit eingeholt: Im Spiel gegen den Senegal, gespickt mit Profis aus der französischen Liga, setzte es eine Niederlage, die den sang- und klanglosen Abschied der "Equipe Tricolore" vom Turnier einläutete. Der historisch-politische Hintergrund färbt besonders häufig auch die sportliche Konkurrenz: Mit schöner Regelmäßigkeit messen Engländer und Argentinier auf dem Rasen ihre Kräfte – und werden stets an den Falkland-Krieg von 1982 erinnert. Streitfälle zwischen den USA und Mexiko gibt es nicht nur entlang des "Tortilla Curtain", sondern gelegentlich auch an überwindbaren Hindernissen in Höhe der Strafraumgrenze. Und für die nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Polen gelten ohnehin besondere Regeln – die zuletzt wieder heftiger geführte Diskussion um Antisemitismus und Vertreibung unterlegt aktuell das Aufeinandertreffen in der Gruppe A.
Sportliche Traumata
Die Liste lässt sich fortsetzen, doch schon eine kleine Zusammenschau deutet an, dass neben dem Geschehen auf dem Rasen sehr häufig ein Subtext zum Spiel existiert, der die sportliche Auseinandersetzung begleitet und nicht selten direkt darauf einwirkt. Die Halbwertszeit solcher Differenzen kann getrost in Jahrzehnten gemessen werden: In den Niederlanden hat sich die Wahrnehmung, 1974 als Vizeweltmeister gegen Deutschland die weit bessere Mannschaft gewesen zu sein, ins nationale Gedächtnis eingebrannt. Der Journalist Auke Kok spricht in seinem Buch "1974, wij waren de besten" von einer wahren "Fußballfeindschaft", deren Wurzeln bis in die Zeit des NS-Besatzungsregimes zurückreichen. In dieses Bild fügt sich auch ein ebenso ungewöhnlicher wie umstrittener Fanartikel für Anhänger des niederländischen Teams: ein Wehrmachtshelm aus Plastik in Orange. Doch längst nicht nur nachbarschaftliche Beziehungen stehen unter dem Eindruck sportlicher Traumata. So interpretiert etwa der schwedische Schriftsteller Per Olov Enquist den legendären 2:0-Erfolg Argentiniens über England bei der WM 1986 als direkte Folge des Falkland-Krieges: "Eine gedemütigte Nation rächte sich an denen, die sie entwürdigt und kastriert hatten." Die Analyse unternimmt dabei auch einen Flankenlauf zu politisch-psychologischen Empfindsamkeiten – denn das südamerikanische Land des "Machismo" sähe sich vom England der Thatcher-Regierung gleich mehrfach in der Ehre verletzt.
Erwärmung des Meinungsklimas
Eine wichtige Rolle für die Intensivierung und Ausbreitung solcher Konflikte übernimmt dabei die Berichterstattung. Gerade die Printmedien tragen regelmäßig zu einer Erwärmung des Meinungsklimas in den Teilnehmerländern bei, zuletzt bekam dies vor zwei Jahren der Schweizer Unparteiische Urs Meier zu spüren. Bei der EM 2004 hatte er die umkämpfte Partie zwischen Gastgeber Portugal und England geleitet und dabei nach Meinung der wenig zimperlichen britischen Boulevardpresse die Gastgeber bevorzugt: Auf Schlagzeilen wie "You Swiss Banker" und "Idiot Ref" folgte eine Flutwelle von E-Mails und sogar Morddrohungen gegen den Schiedsrichter – weitere diplomatische Verwicklungen konnten gerade noch verhindert werden.
Sogar die politische Neutralität der Schweiz bildet keinen Schutzmantel – so wurden die Eidgenossen bei den Play-Offs 2005 gegen die Türkei in einen neuen "Sportkonflikt" gerissen. Nach erfolgreicher Qualifikation wurden Schweizer Spieler und Offizielle bei den Tumulten im Stadion von Istanbul getreten und geschlagen – seitdem sind die Beziehungen zwischen den beiden Ländern deutlich belastet. Solche Krisen, die auf dem Fußballfeld entstehen, erlangen über die Bühne der Massenmedien mindestens nationale Öffentlichkeit und Relevanz. Aufgrund der großen Popularität des Fußballsports suchen politische Entscheidungsträger häufig die Nähe zum Sport und den zugehörigen Verbandsvertretern – damit ist der Weg zu einer "Politisierung" des sportlichen Kräftemessens nicht allzu weit.
Auch in der bevorstehenden Finalrunde gibt es interessante Konstellationen in den acht Vorrunden-Gruppen. So wird etwa das Thema "Kolonialvergangenheit" diesmal zwischen Portugal und Angola (Gruppe D) verhandelt, gleiches gilt für Frankreich und Togo (Gruppe G), und auch das Team Englands befindet sich mit Trinidad und Tobago (Gruppe B) in einer geschichtsträchtigen Konstellation. Generell bergen die Gegensätze von Mutterland und Kolonie die meisten politischen Hintergrundkonflikte, doch auch ohne solch direkte Beziehungen dürfte das Aufeinandertreffen von Europa und Afrika für Aufregung sorgen. So steht die Gegnerschaft von Italien und Ghana (Gruppe E) unter dem Eindruck eines zunehmend offenen Rassismus, der in der Serie A, der ersten italienischen Liga, in dieser Saison eine neue Eskalationsstufe erreicht hat.
Grundkurs internationale Beziehungen
Neben den "geopolitischen" Konflikten fällt noch eine andere Art Konflikt ins Auge: Das Aufeinandertreffen von Australien und Japan (Gruppe F) führt zwei Nationen ins Stadion, deren grundverschiedene Haltung zum Walfang 2005 zu erheblichen diplomatischen Verstimmungen geführt hat. Auch um das nordmittelamerikanische Freihandelsabkommen CAFTA gibt es Dissonanzen. Allerdings scheint ein direktes Aufeinandertreffen der Kontrahenten Costa Rica (Gruppe A) und USA (Gruppe E) eher unwahrscheinlich. Gleich mehrfach werden dagegen handelsbezogene Partnerschaften auf die Probe gestellt: Mit Tunesien und Saudi-Arabien stehen sich zwei Mitglieder der Arabischen Liga gegenüber, die enge Kultur- und Wirtschaftsbeziehungen pflegen und nun in der Gruppe H um einen Achtelfinalplatz konkurrieren.
Neben der politisch-historischen bildet die ökonomische Dimension demnach einen zweiten Ansatzpunkt zur Beschreibung möglicher Konflikte entlang der Auslosung des WM-Turniers. In Kombination mit sportlichen Rivalitäten ergibt sich so ein überaus reizvolles Konfliktpanorama – ein etwas anderer Grundkurs in internationalen Beziehungen: Im Fußball zeigt sich die Welt aus einer überraschend politischen Perspektive.
Erstellt: 11-05-06
Letzte Änderung: 11-05-06