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Judith Kuckart - 12/01/09

Die Verdächtige

Ein Mann ist verschwunden, in der Geisterbahn. Seine Geliebte arbeitet dort als „Kalte Hand“. Der Kommissar hat sich schon in sie verliebt. Judith Kuckart erzählt in „Die Verdächtige“ von dem, was Männer und Frauen auf verwirrende Weise miteinander verbindet und was sie trennt: Ähnlichkeit und Angst zum Beispiel.

Die Welt ist ein Labyrinth aus Ähnlichkeiten, jedenfalls in den Romanen von Judith Kuckart. Ist die Frau, die mit dem Rücken zu ihm und zur Tür sitzt, nun 60 Jahre alt oder 17?, fragt sich Robert Mandt. Als sich die Blonde im altmodischen Mantel zu ihm umdreht, zu dem Kommissar, der aussieht wie Hollywoodstar George Clooney und ein Herz für traurige Frauen hat, ist sie Ende dreißig. So wie er.
Die Anfangsszene des Romans „Die Verdächtige“ ähnelt natürlich der Anfangsszene im klassischen Privatdetektivroman von Dashiell Hammett oder Raymond Chandler. Danach bleibt Judith Kuckart den Genremeistern nahe (oder ähnlich) und schreibt doch ein ganz anderes Buch als sie: eines über Ähnlichkeiten und Ängste, über das, was Männer und Frauen miteinander verbindet und was sie trennt. Tote gibt es im Roman auch. Zu ihnen kommt es immer dann, wenn die Angst überhandnimmt. Oder die Ähnlichkeit mit dem Kriminalroman...

Die „Kalte Hand“

Marga Burg, die Frau Ende dreißig mit den aufgerissenen Augen, meldet auf der Wache, ihr Freund Matthias Böhm sei seit zwei Wochen verschwunden – in einer Geisterbahn. Robert lacht nicht und schiebt den Gedanken beiseite, der Mann habe sich einfach einer anstrengenden Geliebten entzogen. Die Ermittlungen in der ungenannten Kleinstadt bei Wuppertal führen ihn in das Loft des Vermissten. Er lernt Margas übergewichtigen, geistig zurückgebliebenen Bruder Andreas kennen und die verwahrloste Wohnung, in der die Geschwister wie Eheleute leben. Dann besucht Robert Marga auf dem Jahrmarkt. Sie hat im Straßenverkehrsamt Urlaub genommen und arbeitet in der Geisterbahn, in der sie Böhm zum letzten Mal sah, als „Kalte Hand“. Als der seit kurzem alleinstehende Robert neben ihr im von Schreien erfüllten Dunkel steht, hat er sich schon verliebt.
Etwa skurril wirkt dieser Kriminalfall. Kuckarts Roman ist ein Geisterfahrer auf der Autobahn der Spannungsliteratur, obwohl es eine typische Kollegin des Kommissars gibt: die junge, hübsche und nicht auf den Mund gefallene Nico, die Robert immer den „kleinen Robert“ nennt, so wie das französische Wörterbuch. Selbständig, sportlich, einfühlsam und penetrant kess ist diese Amazone, die in der Freizeit auch noch Erzählungen schreibt. Sie ist die einzige Person, mit der Kuckart die Genregrenze Richtung Parodie überschreitet. Denn Nico bleibt außerhalb der Angst und der Liebe, die alle Figuren miteinander verstricken.

Räume der Angst

Die Verdächtige
von Judith Kuckart
DUMONT Literatur
und Kunst Verlag
August 2008
ISBN-10: 3832180729
ISBN-13: 978-3832180720
Nico ist das Gegengewicht zu den vorherrschenden Gefühlen der Melancholie und der Verlorenheit. Robert, der als Polizist die Wahrheit sucht, wird von der Rätselhaftigkeit Margas angezogen, dieser Grenzgängerin, die die Arbeit im Straßenverkehrsamt für die Geisterbahn verlässt und die geordnete Welt mit der ungeordneten vertauscht. Auf andere wirkt Marga geistig verwirrt. Robert aber scheint sie, wann immer sie mit ihm spricht, stets seine eigene Geschichte zu erzählen: die Geschichte eines Kindes, das von den Eltern allein gelassen wurde und sich fürchtet. Um die Angst endlich zu verlernen, warf sich Marga in die Arme von Matthias Böhm. Ausgerechnet: Denn ihre wohl erste Liebe ist Filmausstatter und besessen von Räumen der Angst. Marga erkennt ihren Irrtum, als er in der Geisterbahn neben ihr laut lacht, während sie sich fürchtet.

Der Geruch von Brisk

Von zweieinhalb Monaten erzählt der Roman. In ihnen hält Robert Vorträge, liebt voller Schuldgefühle Marga, schläft mit seiner Ex-Frau, wird von Unbekannten angeschossen und findet schließlich zwei Leichen sowie eine neue Liebe, die sowohl Marga wie seiner Ex-Frau in manchem ähnelt. Er beschließt die Neue zu heiraten und mit ihr „eine mir unbekannte Menge von Frauen, wenn ich ehrlich bin“. Ähnlichkeiten können das Leben ungemein bereichern.
Judith Kuckart, die auch als Tänzerin und Choreografin gearbeitet hat und 1959 im westfälischen Schwelm geboren wurde, widmet sich den verwirrenden Gefühlen zwischen Männern und Frauen in all ihren Romanen („Der Bibliothekar“, „Lena‘s Liebe“). Sie vermag mit wenigen Sätzen Figuren und Szenen in filmreifer Plastizität heraufzurufen: Mit „Eine Frau verdeckte die andere“ charakterisiert sie Glück und Qual des attraktiven Robert. Frau Schlegel, die Mitinhaberin der Geisterbahn, lässt Kuckart stets Blusen tragen, die zu den schweren Stores in den Fensternischen ihres Wohnwagens passen. Die ganze Verlorenheit Margas zeigt sich an dem Geruch einer Rasiercreme: Die Männer, heißt es einmal, riechen „nach Brisk bis zu ihr herüber“.

Rätselhafte Abweichung des Ähnlichen

Mit solchen Wahrnehmungen ist Kuckarts Erzähler den Figuren stets nah. Immer wieder rufen Ereignisse, Worte und Gedanken Erinnerungen herauf, so dass ein dichtes atmosphärisches Gewebe entsteht, in dem das Wenigste ausgesprochen wird. Wie sehr dieser Erzählton den Roman trägt, wird am Ende deutlich, wenn Kuckart in aller Deutlichkeit den Kriminalfall beenden und Täter wie Opfer benennen muss.
Schon als Heranwachsender hatte Robert sich entschlossen, fortan selbst zu bestimmen, was ihm wehtue. Doch in der Geisterbahn, als die sich das Leben ihm darstellt, ist das, was Angst erregt, gar nicht zu erkennen. In der Dunkelheit sieht alles grau aus. Dass dieses Grau eine sehr attraktive Farbe sein kann, zeigt Judith Kuckart. Denn was ähnlich erscheint, birgt auch ein Geheimnis: das der rätselhaften Abweichung der einander Ähnlichen.

Eine Rezension von Jörg Plath

Erstellt: 16-12-08
Letzte Änderung: 12-01-09


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