Schriftgröße: + -
Home > Alltag im Vatikan > "Die Welt nachhaltig verändert"

11/03/08

"Die Welt nachhaltig verändert"

Andreas Englisch lebt seit 1987 als Journalist in Rom und leitete zehn Jahre lang das italienische Korrespondentenbüro des Axel-Springer-Verlages. Heute schreibt er exklusiv für "Bild" und "Bild am Sonntag" aus Italien und kommentiert das Geschehen hinter den Kulissen des Vatikans. Seit 1995 begleitete Andreas Englisch den Papst auf allen Auslandsreisen. Seine Biografie "Johannes Paul II." (2003) stand monatelang auf den Bestsellerlisten.

© Andreas Englisch
ARTE : Sie haben Einblick hinter die Kulissen des Vatikan. Gibt es für einen Papst überhaupt so etwas wie Privatleben ?
Andreas Englisch: Auf jeden Fall nicht so, wie viele Leute sich das vorstellen. Das ist keineswegs ein Leben im Luxus, sondern eher eine sehr bescheidene Angelegenheit. Das Privatleben etwa von Papst Johannes Paul II. hat sich auf 10 Minuten beschränkt, in denen er zwischen seinen sonstigen Aktivitäten einfach nur in Ruhe gelassen werden wollte. Ganz am Anfang ist er gerne gewandert oder im Winter Ski gefahren, mit seinen uralten Skiern in der Nähe von Rom. Er hat die Pisten nie absperren lassen, sondern ist immer zwischen den ganz normalen Leuten heruntergefahren – und unten standen Kinder mit Poesiealben, in die er seinen Namen geschrieben hat. Die letzten Jahre vor seinem Tod waren sehr einsam, er hat viel Zeit mit seinem Sekretär oder alleine verbracht, gerne Gedichte gelesen und sehr viel geschrieben.

In Ihrer Biografie Johannes Pauls II beschreiben Sie unter anderem, wie sich Ihre Einstellung dem Papst gegenüber im Laufe der Zeit geändert hat. Wie kam es dazu ?
Ich hatte zu Beginn meiner Zeit in Rom wie viele meiner Generation eine richtige Anti-Haltung, dem Papst und der ganzen katholischen Kirche gegenüber; mit den Angelus-Reportagen vom Petersplatz habe ich eher aus Geldmangel angefangen. Ich hielt den Papst für konservativ, frauenfeindlich, weltfremd - am Anfang war die Distanz riesig. Im Laufe der Jahre hat sich meine Einstellung sehr stark geändert. Weil ich gesehen habe, dass ein im Grunde hilfloser Mensch – der Vatikan ist immerhin ein winziger Staat, mit einer nur symbolischen Armee – die Welt ganz nachhaltig verändern konnte. Als ich den Papst später auf seinen Reisen in Osteuropa, durch Polen und Ungarn, begleitet habe, haben dort sehr viele Menschen gesagt, dass ohne ihn das Sowjetreich niemals zusammengebrochen wäre. Das hat mich sehr stark beeindruckt.

In wichtigen Alltagsfragen ist er unbeugsam geblieben…
Ich sehe das etwas anders. Natürlich gab es in einigen Fragen keine Diskussion, aber Johannes Paul II hat so viele revolutionäre Elemente und Öffnungen auf den Weg gebracht, dass man ihn eher als den am wenigsten konservativsten Papst im letzten Jahrhundert in Erinnerung behalten sollte. Zum Beispiel hat er als erster Papst in einer evangelischen Kirche gebetet. Der Friedensschluss 1999, die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre, war meiner Meinung nach eine große Revolution, in der katholischen Kirche bis dahin völlig unvorstellbar…Auch für seine Friedensgebete zusammen mit Menschen anderer Glaubensrichtungen, mit Muslimen, Shintuisten, Buddhisten, ist er angefeindet worden.
Seine zweite mindestens ebenso große Leistung war die Aussöhnung mit den Juden. Die Tatsache, dass die katholische Kirche endlich das Haupt gebeugt - und zugegeben hat, dass sie den Juden großes Unrecht angetan und im Grunde in beiden Weltkriegen völlig versagt hat.

Geht Papst Benedikt XVI diesen Weg weiter? Glauben Sie, dass er es schwerer haben wird, seine Botschaft an die Menschen zu bringen ?
Papst Benedikt hat natürlich ein ganz anderes Profil. Einen klaren Bruch sehe ich zum Beispiel in der Frage der religiösen Aussöhnung. Interreligiöse Gebete wie bei Papst Johannes Paul II wird es bei Benedikt nicht geben, das ist ganz klar. Andere Sachen führt er weiter, und dass ihm der Kontakt zu den Menschen schwerer fällt, glaube ich auch nicht. Die Zahlen der Audienzen sind gerade unter Benedikt astronomisch angestiegen, fragen sie mich nicht, woran das liegt. Auch die Weltjugendtage waren wider alle Erwartungen sehr gut besucht, obwohl zuvor viele gedacht hatten, dass Ratzinger einfach zu kühl ist, um so etwas zu schaffen.

Welches ist Ihre eindringlichste Erinnerung an Johannes Paul II. ?
Es ist die letzte Begegnung mit ihm, die mir immer in Erinnerung bleiben wird. Als er im Sterben lag, bin ich in die Gmelli-Klinik gefahren, mein damals fünfjähriger Sohn hatte ein Bild für ihn gemalt, das ich dem Sekretär gegeben habe. Zwei Wochen vor seinem Tod wurde ich in den apostolischen Palast gerufen und bekam dieses Bild zurück. Darauf stand sein Name und der Satz „Vergesst mich bitte nicht“, das hat mich sehr berührt.

Die letzten Wochen im Leben Johannes Pauls II waren sehr umstritten. Haben Sie sein öffentliches Sterben als logische Konsequenz seines Lebens erlebt ?
Auf jeden Fall, er wollte öffentlich sterben, das war ein wichtiger Teil auch seiner religiösen Botschaft, zum Schluss vielleicht der Wichtigste – und desto weniger er reden konnte, desto mehr Menschen hörten ihm auf einmal zu. Dieses Leid nicht zu verstecken, das war für ihn ganz wichtig, man sperrt einen alten Mann nicht weg, nur weil er krank ist. Man hat ihn in den letzten Jahren immer wieder gedrängt, zurückzutreten oder seine Reisetätigkeit zu unterlassen, er hat sich darauf nicht eingelassen und sich durchgesetzt.

Wie hat man sich das Verhältnis zu den Medien vorzustellen. Gibt es Zensur ?
Die Spekulationen über Zensur oder religiösen Klüngel im Vatikan ärgern mich wirklich, weil sie schlicht nicht wahr sind. Der Vatikan hat im Gegenteil ein hochprofessionelles Verhältnis zu den Medien. Ich glaube ich bin der lebendige Beweis dafür: In meiner Zeitung sind jede Menge nackter Frauen, und ich habe als einziger deutscher Journalist im Vatikan ein Büro… Ich habe immer wieder meine kritische Meinung geäußert, zum Beispiel zum Ausstieg aus der Schwangerenkonfliktberatung in Deutschland, und das in einem durchaus aggressiven Ton und mit Schlagzeilen wie „Kann man diesem Papst noch glauben?“. Sicher hat man mit mir darüber gesprochen, aber von Zensur kann nicht die Rede sein.

Das Interview führte Nicola Hellmann

Erstellt: 11-03-08
Letzte Änderung: 11-03-08