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360° - GEO Reportage

Die Reportagereihe zeigt die aufregende Arbeit und den spannenden Alltag außergewöhnlicher Menschen.

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360° - GEO Reportage

Die Reportagereihe zeigt die aufregende Arbeit und den spannenden Alltag außergewöhnlicher Menschen.

360° - GEO Reportage

11/05/10

Drehbericht

Indiens Dschungelbuchklinik


Nebel kriecht durch die hohen Gräser am Ufer. Die Sicht reicht gerade einmal zwanzig Meter. Es ist noch vor Sonnenaufgang und entsprechend dunkel. Rufe dringen aus dem Nebel, die Rufe eines großen Tieres. Das Schilf knackt und es klingt, als würde sich eine Dampfwalze auf uns zu bewegen. Dann steht er plötzlich vor uns, der große Büffel. Er ist genauso überrascht wie wir. Ein paar Schrecksekunden, dann geht er in den gestreckten Galopp über und bricht durchs Schilf davon.

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Wir sind im Kaziranga Nationalpark, einem der wenigen Orte Indiens, an dem noch wilde Tiere in ansehnlicher Zahl vorkommen. Der Park hat nach eigenen Angaben die größte Tigerdichte weltweit. Zu sehen bekommen wir keinen. Aber er könnte da draußen um uns herumschleichen im Nebel.

Nebel ist schicksalhaft für diese Reise. Als wir im unsichtbaren Delhi landeten, bestellte der Pilot unserer 747 einen Wagen, um die Maschine zum Terminal zu lotsen. Er hatte zwar mit elektronischer Hilfe landen können, aber am Boden war er blind. Umso mulmiger wurde uns, als wir mit einem Bus in einer etwa 15 Minuten langen Fahrt vom Internationalen zum Nationalen Terminal transferiert wurden, scheinbar mitten über das Rollfeld und mitten durch den Nebel. An jeder Startbahn, die wir kreuzten, fragten wir uns, ob von rechts oder links nicht gleich die Scheinwerfer eines Jets auftauchen würden.
Wir sind in Assam, um die Arbeit der Tierärzte des IFAW Wildlife Rescue Center zu begleiten. Die Wildtierklinik mit Rehabilitationszentrum ist die einzige wissenschaftlich geführte Einrichtung dieser Art in Indien. Tierärztin Phulmoni Gogoi und ihr Ehemann Prasanta Boro sind herzliche Menschen, die sich die allergrößte Mühe geben, jedes Tierleben zu retten, das eingeliefert wird. Oft fahren sie selbst mit ihrer Tierambulanz hinaus, um Tiere, die sich in die Zivilisation verlaufen haben, wieder zurück in den Nationalpark zu bringen.

Es ist erschreckend, aber außerhalb des Parks stören die Tiere, ist für sie kein Platz. Jeder Flecken ist landwirtschaftlich genutzt, überall sind Menschen. Wildtiere sieht man außerhalb des Parks nicht, auch wenn ihre Wanderwege sie früher oder später zwangsläufig durch die Zivilisation führen, oft heimlich nachts. Manches Tier kommt dabei zu Schaden und landet im Zentrum.
Wir lernen sie alle kennen, den Tiger, der vor anderthalb Jahren als Baby eingeliefert wurde, das drei Monate alte Elefantenbaby und den schwarzgefleckten Panther. Fast alle Tiere des Dschungelbuchs sind hier vertreten, sogar ein vorwitzig frecher Elefant, der mal ausprobiert, wie unser Kameramann auf einen Scheinangriff reagiert. Schon bald sind unsere Klamotten vollgespeichelt von sabbernden Nashornbabys, Elefantenrüsseln und eingestaubt von den sandigen Pisten des Nationalparks. Die Natur im Park ist großartig, voll Ruhe und Sauberkeit. Draußen auf den Straßen herrscht Lärm und Dreck. Plastikmüll wird am Straßenrand entsorgt, gehupt wird, um zu überholen. Was man bei uns einen Beinahzusammenstoß nennen und abends aufgeregt der Freundin berichten würde, das erleben wir hier alle zwei Minuten; kein Überholmanöver, bei dem nicht drei Autos auf die zweispurige Straße passen müssten. Unser Fahrer hat den Seitenspiegel auf der Beifahrerseite eingeklappt, um noch knapper an Radfahrern, Fußgängern und Kühen vorbeifahren zu können. Der Wagen hat keine Gurtschlösser mehr. Wir fügen uns unangeschnallt in unser Schicksal und schauen einfach nicht mehr nach vorn.
Das IFAW Wildlife Rescue Center liegt in Assam, im absoluten Nordosten Indiens. Es gilt als Unruheprovinz. Verschiedene Volksgruppen würden sich gerne selbständig machen. Die Militärpräsenz ist groß, die Sicherheitsbestimmungen unendlich und das Misstrauen der Behörden gegenüber Ausländern riesig. Auf Luftaufnahmen vom Nationalpark und dem angrenzenden Brahmaputra müssen wir deshalb verzichten, Mobilfunkempfang gibt es für ausländische Mobiltelefone nicht und in die von China beanspruchte Provinz Arunachal Pradesch dürfen wir gar nicht erst einreisen, trotz einer drei Monate vor Abreise beantragten Genehmigung.

Was man im fernen Europa nicht mitbekommt wird vor Ort deutlich, Indien ist überraschend instabil und sehr viel mehr Entwicklungsland, als eine Diskussion um „Computerinder“ vermuten lässt. Erst kurz vor Abflug erhalten wir überhaupt erst die Drehgenehmigung für das Land. Es gibt etwa eine Milliarde Einwohner, aber nur achtzig Millionen haben laut CIA World Factbook Internet. Außerhalb der großen Ortschaften finden wir in Assam nur die State Bank of India, wo weder Geldautomaten unsere Kredit- und EC-Karten, noch die Schalterbediensteten unsere Traveller Checks akzeptieren wollen.
Wir spazieren mit der kleinen Herde junger Elefanten, die von ihren Pflegern an die Natur gewöhnt werden, durch den Wald. Wir schauen ihnen fasziniert zu und fühlen uns geehrt, wenn sie sich ab und zu für uns interessieren und mit ihren Rüsseln nach uns schnuppern. Hier sind sie zu Hause, hier sind wir nur Gäste. Aber sie erlauben uns, dabei zu sein. Nach allem, was wir ihnen als Menschen angetan haben, sind wir ihnen für diese Gastfreundschaft sehr dankbar. Wir wünschten, wir könnten hier bei ihnen im Wald bleiben. Aber wir müssen wieder da raus auf die staubige Straße, in unsere Hotelburg, zum überfüllten Flughafen. "Geh weiter Mowgli, geh weiter."
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360º - Geo-Reportage
Indiens Dschungelbuchklinik
16:9 / 43 Min. , Deutschland/Frankreich 2009, ARTE
Regie: Heiko de Groot
In Zusammenarbeit mit GEO

Erstellt: 16-12-08
Letzte Änderung: 11-05-10