Ich schaue hinunter. Unter uns liegt das Ende der Welt. Es gleitet aus meinem engen Sichtfeld des Flugzeugfensters. Schon sehe ich nur noch Blau. Das „Landsend“, der letzte Zipfel Cornwalls liegt nun hinter uns. Ich sitze in einer kleinen Propellermaschine mit acht anderen Reisenden. Mehr passen auch kaum hinein. Wir sind auf dem Weg zu den Isles of Scilly, einem versprengten Haufen Inseln, etwa vierzig Kilometer vor der britischen Küste. Nur sechs der rund 140 Felsbrocken sind bewohnt. Zweitausend Menschen leben dort. Ein Passagierschiff steuert die Scillies nur von März bis Oktober an. Mein Ziel ist St. Martin’s, eine Insel im Archipel mit etwa hundert Einwohnern.
Eine friedliche Welt erwartet uns, ein untergegangenes Atlantis
Sehr schnell lerne ich, wie weit hinter dem Ende der Welt die Inseln wirklich liegen. Kameramann und Tonmann kommen aus dem Ruhrgebiet mit einer anderen Flugverbindung als ich. Ihr Flug ab Düsseldorf hat Verspätung; sie verpassen in Paris den Anschlussflug. Als sie in Bristol ankommen, ist der Flug auf die Isles of Scilly schon weg. Meistens gibt es nur einen Flug am Tag. Diesmal geht der nächste Flieger überhaupt erst zwei Tage später. Nach wildem Recherchieren und Umplanen gelingt es, einen Flug für den nächsten Tag zu buchen, aus Exeter, statt aus Bristol. Die Beiden nehmen einen Mietwagen und fahren quer durch England. So warte ich nur einen Tag auf den Scillies, bis es endlich losgehen kann.

Buchtipp
Underwater Scilly
Anna Cawthray & Tim Allsop
2009, Marshfield Underwater Publications, Scilly
ISBN: 978-09561874-0-6

Eine friedliche Welt erwartet uns, ein untergegangenes Atlantis, das Avalon aus der Artus-Sage. So mancher hält die Scillies für die realen Vorlagen dieser Orte, in symbolischer Form sind sie es allemal. „Sie können ihre Taschen da in den Warteraum stellen und sich umgucken gehen. Hier kommt nichts weg“, sagt der Busfahrer, als er mich am Kai absetzt. Das Boot, das mich von der Hauptinsel St. Mary’s nach St. Martin’s bringen wird, fährt erst in einer Stunde. Noch steckt mir das Misstrauen des Stadtbewohners in den Knochen. Sobald ich mich mehr als zwanzig Meter von meinem Gepäck entferne, spüre ich einen Druck auf meinen Gelenken, der mich zu meinen Taschen zurückzieht. So müssen sich Eisenspäne in der Nähe eines Magneten fühlen. Es dauert, bis ich mich an das Inselleben gewöhne. Erst als ich die Menschen auf St. Martin’s kennenlerne, bin auch ich überzeugt. Wir werden herzlich aufgenommen. Sie bieten uns jede Unterstützung an, die wir uns wünschen könnten. Es geht die Geschichte, dass man sein Portemonnaie tagelang auf der Straße liegen lassen könne. Würde es irgendwann regnen, würde lediglich jemand eine Plastiktüte darum herumwickeln. Aber sonst würde es niemand anrühren. So schließe auch ich mein Pensionszimmer nach ein paar Tagen nicht mehr ab. Etwas später stelle ich meine Spiegelreflexkamera täglich an einsamen Orten auf der Insel auf, damit sie ohne mich über die nächsten zwölf Stunden jede Minute ein Bild macht, Zeitraffer von den beeindruckenden Gezeiten. Jeden Abend finde ich die Kamera unberührt wieder und kann mir in ihrem Speicher anschauen, was sie den Tag über so erlebt habt.
St. Martin’s ist keine drei Kilometer lang. Ein Auto wäre hier unsinnig. Dennoch müssen wir unsere Ausrüstung transportieren. Einen Fahrradverleih gibt es nicht. Das freundliche Angebot, die Schubkarren der Farm benutzen zu dürfen, lehnen wir ab. Zu groß ist das Risiko, dass die empfindliche Elektronik dort herausfallen könnte. Die Lösung heißt, Fahrradanhänger. Natürlich gibt es auch diese nicht auf den Inseln, doch eine deutsche Firma ist bereit, sie kostengünstig dorthin zu liefern. Die Anhänger kommen in Einzelteilen an, aber wir haben unsere drei Gefährte schnell zusammengebaut. Die Plastikboxen auf zwei Rädern erweisen sich als großartige Lösung. Sie fassen neunzig Liter, lassen sich an einem Handgriff auch ohne Fahrrad ziehen und sind unglaublich geländegängig. Jeden Tag schieben wir mit diesen Handkarren über die Feldwege der Farm, durch den Schlamm und über die heideartigen Flächen des Hinterlandes. Am Ende der Drehzeit hinterlassen wir unsere liebgewonnenen Fahrzeuge der Farmerfamilie und unserem Pensionswirt, aus Dankbarkeit für ihre Gastfreundschaft. Wir können an ihren Augen ablesen, dass es die besten Geschenke sind, die wir machen konnten.







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