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360° - GEO Reportage

Die Reportagereihe zeigt die aufregende Arbeit und den spannenden Alltag außergewöhnlicher Menschen.

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360º - Geo Reportage - 18/01/10

Making-of - Spitzbergen, eisige Insel

Ein Film von Lutz Neumann


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Making Of: Spitzbergen, eisige Insel

Von Lutz Neumann

 

 



Ich unternahm bereits Filmproduktionsreisen nach Spitzbergen, meist mit dem Fokus auf Umwelt und Tourismus. Mit jeder Reise lernte ich andere Menschen auf der Inselgruppe kennen, die mich beeindruckt und fasziniert haben. Es entwickelten sich die Idee und der Wunsch, einen Film über die raue Arktis und ihre Bewohner zu machen.

Bevor wir uns auf die Reise begaben, bereiteten wir uns und unsere Ausrüstung entsprechend vor. Bislang war ich immer nur im arktischen Sommer unterwegs. Diesmal planten wir, im Herbst zu reisen. Wichtig ist vor allem die richtige Bekleidung wie Regenjacken, Wanderschuhe und Wollunterwäsche. Der Herbst auf Spitzbergen ist ein launischer Geselle. Sturm und Regen wechseln sich ab, oft kommt Schnee hinzu. Die Temperaturen sind mit 7 Grad Celsius zwar recht moderat, aber Wind und Feuchtigkeit gehen früher oder später an die körperlichen Reserven. Im Vorfeld absolvierte meine Crew ein Schießtraining in Berlin, um in einem Ernstfall mit dem Karabiner zur Selbstverteidigung gegen Eisbären umgehen zu können.

Nach einem Mehretappenflug über Norwegen landeten wir - Kamerafrau Sabine Streckhardt, Ton- und Kameraassistent Sascha Czycykowski und ich auf dem Flughafen in Longyearbyen. Zuerst trafen wir alte Bekannte: der Naturfotograf und Eisbärenspezialist Norbert Rosing kam nach Spitzbergen, da er Kannibalismus unter Eisbären fotografisch einfangen wollte. Und am Taxistand vor dem stillen Hangar wartete mein guter Freund Rolf Stange. Wir lernten uns im Jahr 2008 auf Spitzbergen bei Dreharbeiten kennen. Er ist Buchautor und Spitzbergenexperte und bereitete nun seine letzte Expedition des Jahres 2009 vor.

Der Flughafen von Longyearbyen wird im Sommer zweimal und im Winter einmal täglich von einer SAS-Maschine angesteuert. Bei Nebel fallen die Flüge aus und das passiert häufig. Einen Linienbus gibt es nicht und so wickeln die wenigen Angestellten der zwei ortsansässigen Taxigesellschaften alle Transfers mit ihren klapprigen Kleinbussen ab. Es sind wohl zehn Minuten Fahrzeit in das 2000 Einwohner zählende Longyearbyen. Schon während der Fahrt bekam ich mein „Spitzbergengefühl“, was vereinfacht gesagt so etwas wie eine schleichende, angenehme, innere Ruhe ist. Die Landschaft war so karg, dass sich das Auge entspannte und die Luft so klar, dass der Sauerstoff sofort rote Wangen und eine wohlige Schläfrigkeit verursachte. Die kleine Stadt empfing uns mit einer rot untergehenden Sonne, die hinter den schwarzen Pässen der umliegenden Berge verschwand.

In den ersten Tagen drehten wir mit dem Meeresbiologen und Logistiker Rupert Krapp, der die Hauptperson des Filmes ist. Mit 1300 PS rasten wir im Schnellboot durch die Fjorde, besuchten Forschungsstationen und „sammelten“ die verstreut herumwandernden Expeditionsgruppen in den entlegenen Buchten der Fjorde ein. Beeindruckende Landschaften, spiegelndes Licht und das sich zum Guten wandelnde Wetter bestätigen die richtige Wahl des Drehtermins. Kaum ein Tourist und kein Kreuzfahrtschiff begegneten uns. Die Arktis gehörte wieder denen, die hier leben.

Longyearbyen ist sehr klein und nach wenigen Tagen kannte man die meisten Menschen. Oder zumindest kannten die Menschen uns, die deutschen Filmemacher. Auf der Straße oder beim Pausenkaffee kamen Menschen auf mich zu und gaben mir Tipps, was für meinen Film interessant sein könnte. Ich ging den Empfehlungen nach und lernte so zum Beispiel die beeindruckende Linda Vasdall kennen, die trotz ihres jungen Alters von erst 20 Jahren große Radlader im Hafen fährt und von allen Männern respektiert wird. Ebenso entwickelte sich eine Freundschaft zu unserer Dolmetscherin  Elke Morgner, die ins Norwegische übersetzte. Sie lud unser Filmteam später auf eine gemeinsame Rentierjagd ein, die sie mit ihrem Freund Malte Jochmann zu unternehmen plante. Dies traf sich gut, da Malte Geologe ist und ohnehin ein Protagonist des Filmes werden sollte.

Die Rentierjagd ist ein besonderes Abenteuer für Stadtmenschen aus Berlin. Mit geschulterter Kameratechnik und 30 Kilogramm Gepäck machten wir uns auf eine dreitägige Wandertour durch unwegsames Gelände. 25 Kilometer Fußmarsch waren nötig, um die Jagdgebiete zu erreichen. Flussquerungen, steile Geröllhänge, Schneefelder, Sumpf und Sandhänge machten das Vorankommen und Drehen sehr schwierig. Die Tour ähnelte stark einer hochalpinen Kletterwanderung mit extremen Wetterumschwüngen. Selbstverständlich zelteten wir und sicherten unsere Behausungen mit einer Eisbärenfalle, die wie ein Stolperdraht mit Silvesterböllern funktionierte. Zur Sicherheit schlief ich immer mit einer großkalibrigen Waffe unter meinem Kopfkissen und kam mir dabei wie in einem schlechten Western vor. Die Temperaturen sanken nachts weit unter Null Grad Celsius und sorgten für leichte Unterkühlung und Schwellungen im Gesicht und an den Gliedmaßen. Doch der erste morgendliche Blick aus dem Zelt, ließ alle Strapazen schnell vergessen. Die grandiosen Täler, die tiefe Stille und schließlich auch das Jagdglück entschädigten vollends für die Mühen.

Erfreulicherweise trafen wir auf keinen Eisbären. Im Herbst sind die Einzelgänger sehr hungrig und aggressiv und können zu einer Bedrohung werden. Eines Abends im dichten Nebel versagte unser GPS-Gerät und wir verloren vollends die Orientierung. Wir konnten kaum drei Meter weit schauen, als ich meiner Meinung nach einen Bären roch. Ich konnte ihn nicht sehen, aber ein derber Raubtiergeruch wehte zu uns hinüber. Vielleicht waren es auch nur Rentiere, denn Eisbären haben die besten Nasen der Welt, denen unser leckerer Menschenduft mit Sicherheit nicht entgangen wäre. Na, wir belassen es mal bei dieser abenteuerlichen Vermutung. Viel wichtiger war auch, wie wir nun zurückkommen würden. Nur Malte Jochmanns Kenntnissen ist es zu verdanken, dass wir anhand der Moränenausläufer zu unserem Camp zurückfanden. Später sahen wir auf der Karte, dass wir uns schon mehr als zwei Wegstunden von unserer vorgenommenen Route entfernt hatten.

Abenteuer anderer Art erlebten wir in den Schächten der Grube 7. Malte Jochmann, der als Geologe für den örtlichen Grubenbetreiber arbeitet, organisierte für uns eine Genehmigung für Dreharbeiten in der Kohlemine. Der Schacht ist normalerweise nicht für die Öffentlichkeit zugänglich, zu viele Gefahren lauern für Nichtprofis in einer solchen Umgebung. Wir aber hatten mit dem erfahrenen Steiger Kurt Olsen einen Mann an unserer Seite, der sich „blind“ in seinem Bergwerk auskannte. Ich bin kein großer Freund von engen, dunklen Räumen aber die witzige, freundliche Art des Steigers ließ meine Ängste erträglich werden. Gleichzeitig wurde mir aber auch klar, unter welchen unglaublich harten Bedingungen die Kumpel in den letzten einhundert Jahren die Kohle auf Spitzbergen förderten.

Nach drei Wochen ging eine aufregende Produktion zu Ende. Wir sammelten soviel Material, welches für mehr als einen Film reichen könnte. Am Ende fiel uns der Abschied von den neuen Freunden und der schönen Insel sehr schwer. Aber bei einem bin ich mir sicher – es gibt ein Wiedersehen mit den wunderbaren Bewohnern der eisigen Küste.


Literaturtipp:

 

  • Umbreit, Andreas: Spitzbergen mit Franz-Joseph-Land und Jan Mayen (6. überarbeitete Auflage 2002, erscheint regelmäßig neu im Konrad Stein Verlag. 501 Seiten, ISBN 3-89392-266-0). Sehr ausführliches Standardwerk zu den im Titel genannten Gegenden (Schwerpunkt: Spitzbergen), mit ausführlicher Bibliographie.

  • Krekel, Philipp: Kanu Spezial: Grönland. Sommer an der Westküste (2001 im Thomas Kettler Verlag, ISBN 3-934014-15-1). Einem Erlebnisbericht von einer Faltbootour von Sisimiut bis nach Qeqertaq (Diskobucht) folgen praktische Hinweise. Schön zur Einstimmung auf eine Reise nach Westgrönland, gleich ob mit oder ohne Faltboot!
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360° - GEO Reportage
Spitzbergen, eisige Insel
(Deutschland, 2009, 43mn)
ARTE

Erstellt: 18-01-10
Letzte Änderung: 18-01-10

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1 Kommentar(e)

Beeindruckend | Irina

19.01.2010 - 10:05

Echt beeindruckend dieses MakingOf! Ich warte schon gespannt auf die Reportage selbst!

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