27/12/09
Aktivisten besetzen Haus
(Paris, ARTE Info, 29.12.2009) In Paris sind sie für ihre Aktionen bekannt. Es geht um die Gruppe "Jeudi Noir" - zu deutsch:"Schwarzer Donnerstag". Es sind Hausbesetzer. Die meisten unter ihnen sind Studenten und hochqualifizierte Berufsanfänger. Mit ihren Aktionen wollen sie auf unbezahlbare Mietpreise und fehlende Sozialwohnungen in Paris hinweisen. Seit Oktober halten die Aktivisten ein seit mehr als 50 Jahren leerstehendes Haus besetzt. Die Eigentümerin hat dagegen geklagt. Sie fordert die Räumung und 115.000 Euro Schadenersatz. Das zuständige Gericht soll nun darüber beraten.
Eine der besten Adressen in Paris - die Place des Vosges mit ihren Arkaden und noblen Stadthäusern aus dem 17. Jahrhundert. In einem dieser Häuser hat das Kollektiv "Jeudi Noir" - schwarzer Donnerstag - mehrere wohnungslose Studenten untergebracht. José Morin vom Kollektiv "Jeudi Noir" lebt seit zwei Monaten in dem denkmalgeschützten Anwesen: "Das Gebäude gehört uns nicht, trotzdem ist es unser Zuhause. Im Moment sind wir 33 Leute. Das bringt ein bisschen Leben in das seit 45 Jahren unbewohnte Haus."
Für diese mittellosen Studenten ist es ein Skandal, dass das teilrenovierte Gebäude leer stand, obwohl viele Menschen wie sie keine bezahlbare Bleibe finden. Damien Beslot, Architekturstudent, sagt: "Es reicht einfach nicht. Mir geht es zwar nicht extrem schlecht, aber ich kann mir eine normale Wohnung finanziell nicht leisten. Ich kann nicht einmal die verlangte Kaution bezahlen."
Das architektonische Juwel, das unbewohnt blieb, weil die Renovierungsarbeiten nie beendet wurden, gehört einer älteren Pariserin. Sie möchte das Haus räumen lassen. Der von den Hausbesetzern angeprangerte Wohnungsmangel sei nicht ihr anzulasten, so ihr Anwalt Me François Ameli: "Dass diese Leute die Öffentlichkeit auf dieses Problem aufmerksam machen, in Ordnung. Aber dass sie einfach das Haus einer 87jährigen Dame besetzen, nein. Ich hoffe, dass, sobald wir ein Gerichtsurteil haben, der Staat seiner Aufgabe nachkommt und das Kollektiv zur Räumung zwingt."
Das Kollektiv indes wirft genau diesem Staat angesichts des Wohnungsmangels Untätigkeit vor. "In Frankreich müssten massenweise Wohnungen gebaut werden", so Laurent Dubouchet vom Kollektiv "Jeudi Noir". "Eine Million 200.000 Personen stehen auf den Wartelisten für eine Sozialwohnung - weil es nicht genug solcher Wohnungen gibt. Sie müssen erst noch gebaut werden."
Gleichzeitig stehen in Frankreich 2 Millionen Wohnungen leer. Auch darauf wollen die Aktivisten hinweisen. Die Regierung beteuert, massiv in den sozialen Wohnungsbau zu investieren. Benoist Apparu ist Wohnungsbau-Staatssekretär. Er betont: "Wir tun etwas. Im Jahr 2000 wurden 40.000 neue Sozialwohnungen gebaut. 40.000. Heute sind wir bei 125.000. Wir haben die Zahl der Neubauten und der Finanzmittel für Sozialwohnungen im ganzen Land verdreifacht."
Andere wiederum sind weder in einem Studentenwohnheim noch in einer Sozialwohnung untergekommen, wie zum Beispiel Margaux, Geographie-Studentin: "Ich mache in der Schule nebenan Pausenaufsicht, um mein Studium zu finanzieren. Damit verdiene ich 600 Euro im Monat, das sind gerademal 100 Euro mehr als die Miete für ein Dienstbotenzimmers. Ich werde kaum etwas Bezahlbares finden. Falls hier geräumt wird, werde ich deshalb sicher in ein anderes vom Kollektiv besetztes Haus ziehen." Die Aktivisten fordern vom Staat, leerstehende Wohnungen zu konfiszieren. Die Regierung will davon jedoch nichts wissen.
Erstellt: 08-01-10
Letzte Änderung: 08-01-10