Mittwoch, 1. September, um 20.35 Uhr - 31/08/10
Eric Laurent: „Der Kampf um Erdöl wird sich noch verschärfen“
Der Journalist und Schriftsteller Eric Laurent ergründet in einer bemerkenswerten Untersuchung die auf Manipulation und Desinformation beruhende Geschichte des Erdöls. Laurents Dokumentation beruht auf seinem Buch „La face cachée du pétrole“*. Ein Gespräch mit dem Mann, dessen Nachforschungen für Aufsehen sorgten.
Wie ist es Ihnen gelungen, derart gut gehütete Geheimnisse zu lüften?
Éric Laurent: Ich beschäftige mich mit dem Thema seit der ersten Ölkrise im Jahr 1973. Damals begann ich mich dem Machtzentrum der Erdölbranche anzunähern, knüpfte erste Kontakte zu ihren Schlüsselfiguren und bekam eine erste Vorstellung davon, in welchem Ausmaß das Schicksal der Welt vom Erdöl abhängt. Diese Art von journalistischem Handwerk, d.h. direkt an der Quelle nach Informationen zu suchen und zu überprüfen, ob sie übereinstimmen, verliert immer mehr an Wertschätzung. Die Erdölindustrie ist extrem komplex und undurchsichtig. Die Medien geben sich daher mit den offiziellen Pressemeldungen zufrieden, die fast immer unwahr sind. Unabhängige Statistiken existieren nicht. Sie werden von den Erdölkonzernen und den Erdöl exportierenden Ländern erstellt, die sie zugunsten ihrer eigenen Interessen manipulieren. Dadurch wird die Menge der weltweiten Erdölvorkommen seit 1986 um 300 Milliarden Barrel überschätzt. Zu diesem Zeitpunkt begannen die arabischen OPEC-Mitgliedstaaten nämlich, die Zahlen nach oben zu „korrigieren“, um ihre Förderquoten zu erhöhen.
Gibt es weitere Beispiele?
1928 haben die sieben großen westlichen Erdölkonzerne die Welt unter sich aufgeteilt. Dieses Geheimnis begann jedoch erst in den 1950er Jahren durchzusickern. Die Ölkrise von 1973, die als eine Reaktion der arabischen Erdölstaaten auf die Politik der westlichen Länder dargestellt wird, ist in Wirklichkeit diesen Konzernen selbst zuzuschreiben. Sie wollten hohe Gewinne erwirtschaften, um vermehrt in die Erdölprospektion investieren zu können. Und wie im Film zu sehen ist, gelang es dem damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan, die Sowjetunion durch seine Erdölpolitik zu Fall zu bringen.
Der Film endet mit einer bedrohlichen Zukunftsvision
Das 21. Jahrhundert hat mit der Intervention im Irak 2003 den Beginn eines neuen Zeitalters erlebt. Es war der Startschuss für einen Kampf um das Schwarze Gold, der sich in Zukunft noch verschärfen wird. Denn die weltweiten Erdölvorkommen gehen zur Neige, und die Erdölkonzerne besitzen nur knapp 7 % dieser Reserven. Die Karten werden neu gemischt: Einerseits beabsichtigt China, sich eine absolute Vormachtstellung im Bereich der Rohstoffe sichern und verfügt dazu auch über die nötigen Mittel; andererseits halten vier Erdölstaaten - der Iran, Saudi-Arabien, Venezuela und Russland - die Schlüssel für die Zukunft in Händen, und keiner dieser Staaten pflegt gute Beziehungen zu den westlichen Ländern. Um jedoch der weltweiten Nachfrage gerecht werden zu können, müssten viermal größere Erdölvorkommen entdeckt werden, als derzeit in Saudi-Arabien vorhanden. Daher besteht die Gefahr, dass Umweltkatastrophen wie unlängst im Golf von Mexiko gehäuft auftreten, denn die Suche nach Erdöl ist mit immer größeren Risiken verbunden.
Das Gespräch führte Irène Berelowitch.
* erschienen bei Plon (2006)
Erstellt: 26-08-10
Letzte Änderung: 31-08-10