Gespräch mit Jean Ziegler - 27/04/09
Der Welthunger
Jean Ziegler, ehemaliger UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, greift voller Elan die Maschinerie der Nahrungsmittelindustrie an. Ein Gespräch mit dem engagierten Aktivisten, der wie in seinem letzten Buch, La haine de l’Occident(1) kein Blatt vor dem Mund nimmt.
Einem Bericht der FAO(2) zufolge könnte die Weltlandwirtschaft doppelt so viele Menschen wie die aktuelle Weltbevölkerung ernähren. Dennoch verhungert alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren. Wie lässt sich diese Situation erklären?
Jean Ziegler: Das Problem ist nicht die Produktion, sondern der Zugang zu den Nahrungsmitteln. Hunderttausend Menschen sterben täglich am Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen. Und jeder sechste Mensch ist schwer unterernährt. Dieses tägliche Massensterben hat vor allem Ursachen. Zum einen beläuft sich die Auslandsverschuldung der 122 Länder der südlichen Erdhalbkugel auf 2.100 Milliarden Dollar! Mit dem Ergebnis, dass diese Länder ihre geringen Einnahmen für die Rückzahlung von Zinsen ausgeben anstatt zu investieren, um mehr zu produzieren. Zum anderen hat die Politik des IWF den Export gefördert und arme Länder in völlig aberwitzige Situationen gebracht. Zum Beispiel hat Mali letztes Jahr 380.000 Tonnen Baumwolle exportiert und dabei den größten Teil seiner Nahrungsmittel importiert ... Und schließlich gibt es das Agrardumping, das vor allem die EU praktiziert. So können Sie in jedem beliebigem afrikanischen Land französische, griechische oder italienische Produkte für die Hälfte des entsprechenden afrikanischen Preises kaufen. Und dann wundert man sich, dass Hunderte von Hungerflüchtlingen sich nach Europa aufmachen, in der Hoffnung, dort Arbeit zu finden ...
Gleichzeitig wird die Nahrung für die ärmsten Menschen zu teuer.
Anfang 2008 sind die Preise für Grundnahrungsmittel explodiert: Reis (+ 83 %), Weizen (+ 62 %) und Mais(+ 38 %). Seither schwanken die Kurse. Mit dem Zusammenbruch der Finanzmärkte sind die großen Spekulanten an die Börsen für Agrarrohstoffe gewandert. Einem Bericht der UNO zufolge beträgt ihr Spekulationsgewinn 37 % der Steigerung des Weltmarktpreises für Grundnahrungsmittel! Diese Preisexplosion hängt auch mit der Erzeugung von Biokraftstoffen zusammen. 2008 haben die USA 138 Millionen Tonnen Mais verbrannt, mit dem die Menschen hätte ernährt werden können.
Das ist in den schwärzesten Farben gemalt ...
Es ist ja kein unabwendbares Schicksal. Alles, was zu dem täglichen Massensterben beiträgt, ist von Menschenhand gemacht. Dem kann man also auf dieselbe Weise entgegentreten. Wie? Indem man zum Beispiel das Agrardumping und die Börsenspekulation verbietet, die ärmsten Länder entschuldet und die Bioethanolprogramme stoppt.
Und wie können wir uns als Konsumenten anders verhalten?
Auf jeden Fall kann man sich weigern, gentechnisch veränderte Lebensmittel sowie Obst und Gemüse außerhalb ihrer Jahreszeiten zu kaufen. Man kann auch den Fairen Handel unterstützen, indem man für ein Glas Honig aus einer Kooperative in Nicaragua einen Euro mehr bezahlt. Das alles müssen wir tun, aber es reicht bei Weitem nicht! Die öffentliche Meinung muss auch auf die Regierungen und die zwischenstaatlichen Organisationen (WTO, IWF, Weltbank) Druck ausüben, damit sie grundlegende Maßnahmen für Recht auf Nahrung ergreifen.
Ihre Redebeiträge gehören zu den wichtigsten Aussagen des Dokumentarfilms We feed the world, der diese Woche von ARTE ausgestrahlt wird. Kann seine radikale Botschaft denn wirkungsvoll sein?
Dieser Dokumentarfilm ist auf furchterregende Weise wirkungsvoll, weil er es geschafft hat, die Herren der Welt zum Sprechen zu bringen. Er verurteilt sie nicht, doch die Wahrheit wird gnadenlos aufgerollt. Darin liegt die große analytische und politische Stärke des Films. Und das braucht es, um die äußerst mächtigen Nahrungsmittelkartelle zu bekämpfen, die die Strategie der Verdummung so gut beherrschen.
Mitten in der Rezession geht es McDonald’s und Nestlé geradezu unverschämt gut. Man gewinnt den Eindruck, die Finanzkrise bereichere die Nahrungsmittel-Multis.
Dem neoliberalen Wahnsinn zufolge entscheidet der sich selbst regulierende Markt, der das Problem des Hungers auf der Welt angeblich allein lösen kann. Heute erkennt man, dass das eine komplette Lüge ist! Die Finanzkrise wird die Situation noch verschlimmern, wenn die Staaten nicht reagieren. Der einzig positive Aspekt: Auf der Ebene des kollektiven Bewusstseins haben wir Fortschritte gemacht und sind über solche Profite jetzt entrüstet. Endlich sind die Masken gefallen.
Das Interview führte Lise Bollot.
Jean Ziegler ist zurzeit Mitglied des Menschenrechtsrats in der Generalversammlung der Vereinten Nationen.
(1) La haine de l’Occident de Jean Ziegler, paru chez Albin Michel - 2008; etwa: Der Hass auf den Westen, noch nicht auf Deutsch erschienen
(2)FAO : Food and Alimentation Organisation (Welternährungsorganisation)
Jean Ziegler ist zurzeit Mitglied des Menschenrechtsrats in der Generalversammlung der Vereinten Nationen.
Erstellt: 03-03-09
Letzte Änderung: 27-04-09