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Manifeste des Hasses

Filmemacher Antoine Vitkine zeichnet in historischen und aktuellen Dokumenten, sowie in Gesprächen mit Historikern und Zeitzeugen die Geschichte eines Buches (...)

Manifeste des Hasses

Dienstag, 6. Mai 2008 um 21.00 Uhr - 01/09/08

Über Antisemitismus

Neues im Bereich der Antisemitismusforschung


Simon Epstein, Wirtschaftswissenschaftler, Historiker und Autor mehrerer Veröffentlichungen zum Thema Rassismus und Antisemitismus lebt seit 1974 in Jerusalem.

Über Antisemitismus wurde schon viel geforscht. Die Menge an erarbeitetem Material ist beeindruckend, die Qualität deutlich weniger. Bedauerlicherweise folgen die Forscher allzu bereitwillig dem großen Strom und vernachlässigen dabei bislang noch wenig erforschtes und weitgehend unbekanntes Terrain. Viele spannende Fragen bleiben unbeantwortet, weil ihnen nur selten nachgegangen wird.
 
Gründe dafür gibt es viele, manche sind universal gültig: der Hang zur Nachahmung, zum Konformismus und zur Redundanz der akademischen Forschung, unabhängig vom Thema. Im Zusammenhang mit der Antisemitismusforschung ist jedoch ein weiterer Grund zu beachten. Antisemitismus ist real und stets präsent, zuweilen unterschwellig, dann wieder stärker. Auch variiert seine Erscheinungsform je nach Zeit und Ort. Antisemitismus ist nach wie vor ein Thema und wird es weiterhin bleiben. Forscher, die sich damit befassen, glauben angesichts aktueller und möglicher zukünftiger Entwicklungen des Antisemitismus bewusst oder unbewusst, den Pfad der wissenschaftlichen Neutralität verlassen zu müssen. Beobachtung und Analyse erscheinen ihnen unzureichend; sie geben der Versuchung nach, erzieherisch einzuwirken und missachten damit das Grundprinzip der Neutralität von Forschung und Wissenschaft. Dieses Verhalten mag vom menschlichen Standpunkt her nachvollziehbar und verständlich sein, doch wird damit die Grenze zwischen (objektiver) Analyse und (vehementem) Anprangern überschritten.
 
Dazu ein Beispiel: Antisemitismus ist ein überwiegend zyklisches Phänomen. Heiße und ruhigere Phasen wechseln einander ab. Dies gilt für die gesamte westliche Welt und wird durch einschlägige Statistiken aus zahlreichen Ländern belegt. Die Antisemtismusforschung ist jedoch offensichtlich nicht in der Lage, Antisemitismus als zyklisches und rekurrentes Phänomen zu begreifen und als Tatsache zu akzeptieren. Nachdem sie jahrelang mit dramatischen Appellen vor dem Wiederaufflammen des Antisemitismus warnte, fällt es ihr schwer hinzunehmen, dass die Entwicklung nun mehrere Jahre in die andere Richtung geht. Dieses Eingeständnis widerstrebt ihr und wird oft verweigert, aus Angst, die Wachsamkeit der Öffentlichkeit könnte nachlassen. Eine absurde, aber durchaus nicht seltene Reaktion, die auch im Zusammenhang mit den massiven antijüdischen Bewegungen der Jahre 2000-2005 zu beobachten war. Die westliche Welt wurde damals von der heftigsten Antisemitismus-Welle nach dem Zweiten Weltkrieg erschüttert. Die Situation war kritisch. Die Welle flaute ab, aber bestimmt nicht dauerhaft. Es wird zu neuen antisemitischen Ausbrüchen kommen. Dennoch kann man im damaligen Verhalten der Wissenschaftler ein klassisches Beispiel für eine Haltung sehen, die die Abschwächung des Phänomens nicht zur Kenntnis nehmen will.
 
Aber was bei Antirassismus-Aktivisten und engagierten Journalisten legitim ist, darf sich ein Wissenschaftler noch lange nicht erlauben: Zum Beispiel, Artikel schreiben oder Bücher mit apodiktischen Äußerungen zu Ländern veröffentlichen, deren Sprache er nicht beherrscht und über die er auch sonst fast nichts weiß. Vor einigen Jahren schrieb ein Wissenschaftler und Professor an der Universität Jerusalem, der Arabisch weder lesen noch sprechen konnte, eine Abhandlung über antijüdische Ressentiments in der arabischen Welt. Seine entrüsteten Schlussfolgerungen stützten sich ausschließlich auf englischsprachige Sekundärquellen, Arbeiten von Dritten, denen er lediglich seine eigene Interpretation hinzufügte. Hier sieht man wieder, wie das obsessive Verlangen, auf eine Gefahr hinzuweisen, gepaart mit dem unbedingten Willen, in den Chor der Empörung einzustimmen, die elementarste Regel wissenschaftlichen Arbeitens außer Kraft setzt, nämlich, dass ein Wissenschaftler in der Lage sein muss, das Material, das er wortreich und mit Nachdruck kommentiert, selbst zu recherchieren, zu lesen und auszuwerten.
Bezogen auf die Antisemitismusforschung bedeutet dieser allgemeingültige didaktische Ansatz, dass man sich auf simple Tatsachen und das Offensichtliche zu konzentrieren und komplexeren, schwierigeren Fragen auszuweichen hat. Eine dieser fundamentalen Fragen ist die der Mutation: Erklärte Philosemiten und Antirassisten wandeln sich zu Antisemiten, Antisemiten überdenken ihren Standpunkt und bekehren sich vom Judenfeind zum Judenfreund. Ich habe soeben ein Buch zu diesem Thema geschrieben und kann bezeugen, dass hier noch ein ergiebiges, weitreichendes und unerschlossenes Forschungsgebiet brach liegt[1].
 
Ich möchte zwei Beispiele aus meinem Buch anführen, die einen direkten Bezug zu den hier vorgestellten Filmen haben:
a) "Die Protokolle der Weisen von Zion" bringen mich auf Henri Rollin, einen Marineoffizier von bestem Ruf. Rollin arbeitete als Aufklärungsoffizier und kämpfte in den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts gegen Antisemitismus und Rassismus. In einem seiner Bücher greift er "Die Protokolle der Weisen von Zion" heftig an und erbringt den Nachweis, dass es sich um eine widerliche, grobe Fälschung handelt. Sein Werk "Apocalypse de notre temps" (erschienen 1939) fehlt bis heute in keinem der umfangreichen Literaturhinweise zu den Protokollen. Doch was tat Rollin während des Zweiten Weltkriegs? Rollin, der Vertraute von Admiral Darlan, wird zum Direktor der Staatssicherheit ernannt. Mit anderen Worten, der Mann, der gegen den Antisemitismus kämpfte und die Protokolle als Fälschung entlarvte, arbeitet relativ lange Zeit als Chef der Staatspolizei des Vichy-Regimes[2].
b) Einer der bedeutungsvollsten, obgleich häufig vergessenen Abschnitte in Adolf Hitlers Buch "Mein Kampf" ist der, in dem er über seine eigene Wandlung vom Philosemiten zum Antisemiten in seiner Jugend berichtet. Die Passage ist von großer politischer Tragweite und rechtfertigt eine wissenschaftliche Analyse, die mit Umsicht und großem Bedacht zu führen ist. Von großer Bedeutung ist schließlich auch die Vorbildfunktion und die mitreißende Wirkung von Hitlers persönlicher Entwicklung hin zum Antisemiten. Bei meinen Forschungen bin ich auf drei Franzosen gestoßen, die in den 1930er-Jahren Rassismusgegner waren, jeder auf seine Art, und sich später zu Antisemiten wandelten. Nach dem Grund befragt, bezogen sich alle drei explizit auf Hitler und führten dessen Werdegang als Erklärung und Rechtfertigung für ihren eigene Wandlung vom Antirassisten zum Judenhasser an[3].

Die Frage nach dem Wie und Warum solcher Wandlungen ist wesentlich, ganz gleich, ob es dabei um einzelne Aktivisten oder Intellektuelle geht, um ideologische Strömungen oder ganze Bereiche der Öffentlichkeit, die sich plötzlich dem zuvor bekämpften Rassismus zuneigen. Die Suche nach einer Antwort auf diese Fragen führt zu einem besseren Verständnis des Antisemitismus sowie der Geschichte und der Politik im Allgemeinen. Sie erweitert den Horizont und öffnet den Blick für Ziele, die wir anstreben sollten.

Solche Wandlungen gab es in allen Ländern, vor allem aber in Deutschland. Von der Wissenschaft wurde dieses Phänomen bisher nur wenig untersucht und diskutiert. Eine historiografische Nachlässigkeit, die jedoch kein Zufall ist, im Gegenteil: Im Zusammenhang mit Antisemitismus und Rassismus verwässert der Begriff "Wandlung“ die Klarheit und Effizienz der didaktisch-ablehnenden Botschaft, da er den Diskurs um etwas Unbestimmtes, Verunsicherndes und Beunruhigendes erweitert. Er verändert die Ausgangslage für eine Argumentation, die emotional und eindimensional geführt werden muss, um verstanden und angenommen zu werden. Er verwischt die Trennlinie zwischen „Gut“ und „Böse“, denn er verweist auf „Gute“, die „böse“ und Böse, die „gut“ werden. Diese Wandlungen sind wissenschaftlich betrachtet in hohem Maße lehr- und aufschlussreich. Doch sie haben keine „erzieherische“ Wirkung, weder auf die jüngere Generation noch auf die breite Öffentlichkeit. Daher die Neigung, sie totzuschweigen, wenn politischer Eifer die wissenschaftliche Logik des Historikers verdrängt.
 

[1] Simon Epstein, Un paradoxe français. Antiracistes dans la Collaboration, antisémites dans la Résistance, Albin Michel, 2008.
[2]  Ebenda, Seite 68-73.
[3]  Ebenda, Seite 386-387.

Erstellt: 30-04-08
Letzte Änderung: 01-09-08