Raschi – der große Gelehrte
In den drei mittelrheinischen Bischofsstädten wurden die jüdischen Gemeinden zu intellektuellen und religiösen Zentren, die weithin ausstrahlten. In Mainz machten sich die „Weisen von Mainz“ mit ihren Bibelkommentaren und synagogalen Hymnen einen Namen. In Worms wirkte von 1055 bis 1065 der jüdische Gelehrte Schlomo ben Jizchak, genannt Raschi. Auf ihn geht der wichtigste Talmud-Kommentar des Mittelalters zurück. Die von ihm und seinen Schülern entwickelte Methode von Frage und Gegenfrage begründete eine wichtige Form von jüdischer Wissensaneignung und –weiterentwicklung.

Wer auf den Spuren der reichen jüdischen Geschichte wandeln will, wird in Worms gleich an mehreren Stellen fündig:
Die Stadt beherbergt den ältesten erhaltenen jüdischen Friedhof in Europa, auf dem noch Grabsteine aus dem 11. Jahrhundert erhalten sind, eine auf das 12. Jahr-hundert zurück-gehende Synagoge (die nach den Zerstörungen durch die Nationalso-zialisten 1961 wieder-aufgebaut worden ist) und ein rituelles Kultbad (Mikwe) aus dem 12. Jahrhundert. Die unterirdische Badeanlage ist in Sandstein gemauert, eine leicht gesch-wungene Treppe führt in den tonnen-gewölbten Vorraum. Das Tauchbad wird mit Grundwasser gespeist.
In dem hinter der Synagoge gelegenen Raschi-Haus, an dessen Stelle man die mittelalterliche Talmudschule vermutet, sind das Jüdische Museum und das Stadtarchiv untergebracht. Die Ausstellung vermittelt anhand von Modellen, Urkunden, Plänen, Kultobjekten und Fotografien Eindrücke der langen und reichen Geschichte des jüdischen Lebens in Worms.

Wirtschaftlich kam den rheinischen Juden gleichfalls große Bedeutung zu. Kaiser Heinrich IV. erließ 1074 ein umfangreiches Zollprivileg, in das die Juden explizit mit aufgenommen wurden. Dies belegt ihre Bedeutung für den Handel in jener Zeit. Der Speyrer Jude Kalonymos ben Mair war ein Vertrauter Kaiser Friedrichs I. Barbarossa und besorgte dessen Finanzgeschäfte.
Niedergang und neues jüdisches Leben
In der zweiten Hälfte des 13. und der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts endete die große Zeit der SCHUM-Gemeinden. 1283 gab es bereits ein Pogrom in Mainz, 1349 mussten die Juden als Sündenböcke beim Ausbruch der großen Pest herhalten. Dahinter versteckten sich allerdings oft auch handfeste wirtschaftliche Gründe, denn viele Christen hatten hohe Schulden bei den Juden. Im 15. Jahrhundert kam es zur Wiedergründung jüdischer Gemeinden in Worms, Mainz und Speyer, wobei allein Worms bis in die Neuzeit ein Zentrum blühenden jüdischen Lebens geblieben ist – ausgelöscht erst durch die Nationalsozialisten 1942. Doch das jüdische Leben ist wieder zurückgekehrt: Heute gibt es wieder eine jüdische Gemeinde in Mainz, die auch für Worms und Rheinhessen zuständig ist.
Ein Gebetbuch für die großen Festtage
Aus der Blütezeit der Wormser jüdischen Gemeinde stammt ein Faksimile des Wormser Machsor von 1272 (das Original befindet sich in der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem). Das hebräische Wort „Machsor“ bezeichnete ursprünglich den Sonnen- und Mondzyklus, später den Zyklus der Feiertage. Die schließlich ebenfalls als Machsor bezeichneten, reich illustrierten Bücher enthalten die Gebete, Schriftlesungen und andere liturgische Texte für die hohen Feiertage des Jahreslaufs. Der zweibändige Wormser Machsor gehört zu den bedeutendsten hebräischen Gebetbüchern des Mittelalters überhaupt. Themen der farbenfrohen Malereien sind Szenen aus dem jüdischen Leben, das himmlische Jerusalem, aber auch Löwen, Elefanten und Tierkreiszeichen finden sich. Einige Blätter zeigen Noten und verweisen auf synagogalen Gesang.
Der älteste Beleg für Jiddisch
Eine Besonderheit sind zwei in Jiddisch geschriebene Zeilen, der wohl älteste Beleg für diese in Mittel- und Osteuropa verbreitete Volkssprache, die zu den germanischen Sprachen zählt, aber auch viele hebräische und slawische Elemente enthält. Geschrieben wurde Jiddisch mit hebräischen Schriftzeichen; in das lateinische Alphabet übertragen lautet der Segensspruch aus dem Wormser Machsor wie folgt: „gut tak im betage se wer dis machasor in beß hakneßeß trage“ („Ein guter Tag sei dem beschieden, der diesen Machsor in die Synagoge trage“).

Der Themenabend
"Geduldet, verdächtigt, verfolgt -
Juden im Mittelalter" am 8.2.2009 wirft einen Blick auf jüdisches Leben am Rhein und präsentiert den Spielfilmklassiker "Ivanhoe" mit Robert Taylor in der Hauptrolle.
Detektivgeschichte.

Hochzeit unterm Baldachin

Raschi-Haus
Hintere Judengasse 6
D-67547 Worms
Jüdisches Museum im Raschi-Haus
April-Oktober
10-12.30 Uhr
13.30-17 Uhr
November-März
10-12.30 Uhr
13.30-16.30 Uhr


Historisches Museum der Pfalz
Europas Juden im Mittelalter
Speyer 2005
Gerd Mentgen
Die Juden in den SCHUM-Gemeinden Speyer, Worms und Mainz
in: DAMALS 12/2004, S. 36-41.
Fritz Reuter Warmaisa. 1000 Jahre Juden in Worms
Worms 1984

Uwe A. Oster
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