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Der Zweite Weltkrieg und die US-Army

The War: Wie haben Amerikaner den Krieg erlebt, wie empfanden Deutsche und Franzosen die Ankunft der Amerikaner?

> Interview mit Ken Burns

Der Zweite Weltkrieg und die US-Army

The War: Wie haben Amerikaner den Krieg erlebt, wie empfanden Deutsche und Franzosen die Ankunft der Amerikaner?

Der Zweite Weltkrieg und die US-Army

Im Fokus: der zweite Weltkrieg und Amerika - 08/02/10

„Den wahren Preis des Krieges zeigen“

In seinem Doku-Epos „The War“ zeichnet Ken Burns ein bewegendes Bild des Zweiten Weltkriegs aus der Sicht von Zeitzeugen. Ein Interview.

Grußbotschaft von Ken Burns (auf Englisch, 5'14")

Ken Burns ist einer der großen Regisseure des epischen Genres, und zwar im Brechtschen Sinne. Blitzartig wechselt er von der Einzahl zur Mehrzahl, vom Besonderen zum Allgemeinen, vom Einzelnen zum Kollektiv, vom Brief zum Archivbild oder zum Artikel eines Kriegskorrespondenten oder Provinzreporters, von der Front ins Hinterland.


Wie und warum ist das Projekt „The War“ entstanden?
Nach meinem Film über den Sezessionskrieg im Jahr 1990 wurde ich vielfach aufgefordert, über andere Kriege zu drehen, insbesondere über den Zweiten Weltkrieg. Doch ich wollte mich nicht auf dieses Genre spezialisieren und verspürte keine Lust, mich auf dieses Terrain zu wagen. Dann erfuhr ich, dass in den USA jeden Tag über eintausend amerikanische Veteranen sterben. Wie der afrikanische Schriftsteller Amadou Hampâté Bâ bin auch ich überzeugt, dass jedes Mal, wenn ein alter Mensch stirbt, eine Bibliothek verbrennt. Daher schien es mir dringend geboten, die Erinnerungen dieser ehemaligen Soldaten zu bewahren. Ich kam auf die Idee, sie zu interviewen und das alltägliche Gesicht des Krieges zu zeigen. Diese persönliche Perspektive ist komplex genug, um für andere Ebenen des Konflikts zu sensibilisieren. Um die Abstraktion vieler anderer Filme über das Thema zu vermeiden, die in einer Art morbider Faszination den Zuschauer mitten in den Konflikt stürzen, wollten wir vor allem den Kontext verdeutlichen und dadurch dem Geschehen Sinn geben. Es ging darum, Kriegserfahrungen mit Symbolcharakter wiederzugeben, die zeigen, was vor sich geht, wenn Menschen einander umbringen. Es mag notwendige Kriege geben – wir wollten ihren wahren Preis zeigen.

Wie haben Sie die vier Städte ausgewählt, die im Mittelpunkt des Geschehens stehen?
Anfangs wollten wir uns auf einen einzigen Ort konzentrieren, und zwar auf Waterbury im Staat Connecticut, eine dieser anonymen Industriestädte, an denen man stets vorbeifährt, ohne anzuhalten. In Waterbury gab es auch eine jüdische und eine italienische Gemeinschaft. Da jedoch jeder Ort seine Besonderheiten hat, haben wir letztlich vier Städte gewählt: eine im Nordosten (Waterbury), eine im Süden (Mobile), eine im Westen (Sacramento) und die letzte im Mittleren Westen (Luverne). Mobile, weil ich „With the old breed“ von E.B. Sledge gelesen hatte, die ergreifenden und schonungslos ehrlichen Memoiren eines ehemaligen Soldaten der Marines, der in der Hölle von Peleliu und Okinawa gekämpft hatte.

Von vier Städten und einigen Duzend von Einzelschicksalen ausgehend, gibt Burns Einblicke in einen Krieg, den wir in- und auswendig zu kennen glaubten. „The War“ überrascht und wühlt auf, genau wie schon „The Civil War“. Sprachlos und erschüttert bleibt man zurück und weiß, dass „The War“ fortan Teil unseres Lebens sein wird. Für immer.

Bertrand Tavernier

Er war inzwischen verstorben, aber sein Sohn hat uns mit seinem besten Freund bekannt gemacht, und schrittweise haben wir ein Netz von Kontakten geknüpft. Wir wollten auch das tragische Schicksal der japanischstämmigen Amerikaner an der Westküste zeigen, die von heut auf morgen ihre Häuser und Farmen verlassen mussten und in Lagern interniert wurden.

Die Kleinstadt Luverne haben wir ausgesucht, weil ein ehemaliger Pilot der amerikanischen Luftwaffe hier aufgewachsen war. Im Stadtarchiv von Luverne haben wir einen wahren Schatz gefunden: die hervorragend geschriebene wöchentliche Kolumne eines Lokalreporters aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Diese Texte durchziehen den gesamten Film wie der Chor einer griechischen Tragödie. Dem Journalisten war es gelungen, in dieser Kleinstadt – damals wohl einer der sichersten Orte der Welt – den Zeitgeist auf ungeheuer eindringliche Weise einzufangen.

Sie sprechen von Archiven. Wie haben Sie damit gearbeitet?
Wir wollten nicht auf Dokumente zurückgreifen, die bereits tausendmal ausgeschlachtet wurden, und haben daher nicht nur im Washingtoner Nationalarchiv, sondern im ganzen Land recherchiert. Wir haben unzählige Unterlagen aus Tokio, Berlin, Moskau und London durchgesehen ...


Warum muss man heutzutage einen Film wie „The War“ zeigen?

Zunächst einmal kennen die jungen Leute in den USA diesen Teil der Geschichte überhaupt nicht, denn sie interessieren sich nur für die Gegenwart.

Indem wir diesen Krieg aus der Sicht ganz normaler Menschen erzählen, die damals ebenso jung waren wie sie, wollen wir die Jugend von heute sensibilisieren und sie dazu bringen, sich Fragen zu stellen.

Außerdem wird diese Katastrophe, die über fünfzig Millionen Menschen das Leben kostete, hier als ein guter Krieg betrachtet, wohl deshalb, weil er nicht auf amerikanischem Boden stattfand. Deshalb ist es wichtig, die schreckliche Realität zu zeigen.

Lynn Novick, Koregisseurin und Koproduzentin von "The War"
Dabei haben wir sogar Reportagen mit Fotos gefunden, deren Originalnegative in Farbe waren. Plötzlich war der Zweite Weltkrieg kein abstrakter Konflikt mehr, der durch das Schwarz-Weiß der Bilder auf Distanz gehalten wurde. Da waren Männer, die litten, starben und töteten – wie auf modernen Kriegsaufnahmen, die wir aus den Nachrichten kennen. Der Krieg war damals nichts Unsichtbares. Roosevelt selbst hatte die Veröffentlichung trostloser Bilder von toten amerikanischen Soldaten genehmigt, die vor der Insel Tarawa im Pazifik trieben, um seinen Landsleuten den Sinn ihres Einsatzes vor Augen zu führen. Wenn heute der Durchschnittsamerikaner über die mageren offiziellen Informationen hinaus mehr darüber wissen möchte, was im Irak vor sich geht, so gilt er als sensationslüstern und fast schon obszön. Der Krieg wird unseren Blicken entzogen.

Ihr Film ist auch ein Porträt der amerikanischen Gesellschaft, in dem es unter anderem um Rassentrennung geht ...
In gewisser Weise drehe ich immer denselben Film – von „Brooklyn Bridge“ über den Sezessionskrieg bis zu meinen Werken über Jazz oder Baseball – und versuche damit, eine einfache Frage zu beantworten: Wer sind wir? Man kann kein Bild des damaligen Amerika zeichnen, ohne zu erwähnen, dass das Land einen Krieg für die Freiheit führte und zugleich selbst vom Rassismus zerfressen war.

Was haben Sie aus dieser intensiven Beschäftigung mit dem Konflikt gelernt?
Wir waren alle sehr beeindruckt über die Bescheidenheit dieser alten Männer, die mit achtzehn oder neunzehn Jahren an der Landung in der Normandie teilgenommen, Konzentrationslager befreit oder auf Iwo Jima gekämpft haben – in einem Alter, wo die meisten von uns nur den Luxus eines unbeschwerten Lebens kennen gelernt haben. Jede Familie, jede Straße in jeder Stadt war in den Vereinigten Staaten vom Zweiten Weltkrieg betroffen, daher auch das Gefühl, gemeinsam für dieselbe Sache zu kämpfen und dafür Opfer zu bringen. Diese ganz gewöhnlichen Menschen wurden in die größte Katastrophe der Geschichte hineingerissen und haben ihren Mann gestanden. Sie haben unglaublichen Mut bewiesen, aber auch Gräueltaten begangen. Ihre tiefsten und mitunter auch dunkelsten Geheimnisse zu teilen erschien uns als Wohltat in unserer vom Starkult verblendeten Zeit. Viele der Befragten hatte noch nie über ihre Erlebnisse gesprochen, und wir waren Zeugen, wie ihre lange verdrängte Erinnerung wieder erwachte. Am Ende ihres Lebens gestatteten sie es sich endlich, darüber zu reden. Ich drehe seit dreißig Jahren historische Dokumentationen, doch noch nie hat mich ein Film so tief bewegt.

Erstellt: 22-02-08
Letzte Änderung: 08-02-10

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