Der kalte Krieger und der Kommunist
Es ist eine wahrhaft historische Freundschaft, die den Pfälzer Kohl und den Kaukasier Gorbatschow verbindet. Unter ihr endet der Kalte Krieg, zerfallen Berliner Mauer und Ostblock. Sie ist untrennbar mit der Deutschen Wiedervereinigung verbunden und führt schließlich dazu, dass Gorbatschow Kohl 2007 für den Friedensnobelpreis vorschlägt. Dabei ließ die gegensätzliche weltanschauliche Sozialisation beider Staatsmänner zunächst kaum erahnen, dass sie einmal in die besondere Intimität der inzwischen sprichwörtlichen „Strickjacken-Diplomatie“ münden würde.
Michail Gorbatschow befindet sich 1986 ein Jahr im Amt des KPdSU-Generalsekretärs, als er angesichts massiver ökonomischer und sozialer Probleme in der Sowjetunion ein „neues Denken“ fordert: Glasnost und Perestroika, Transparenz und Umgestaltung, lauten die Schlüsselbegriffe, mit denen Gorbatschow eine historisch-politische Zäsur einleitet. Dass der deutsche Regierungschef in dem neuen Generalsekretär hinter dem Eisernen Vorhang anfangs weniger den Reformer, als einen „modernen kommunistischen Führer“ sieht, lässt er im Herbst 1986 die US-amerikanische Zeitung „Newsweek“ wissen. „Ich bin kein Narr, ich halte ihn nicht für einen Liberalen“, sagt Kohl und legt nach: Gorbatschow verstehe etwas von PR – „Der Goebbels verstand auch was von PR.“ Aus Kohl spricht noch einmal der überzeugte Anti-Kommunist Adenauerscher Prägung. Und der kalte Krieger: Das Interview erscheint unter dem Eindruck von Abrüstungsverhandlungen zwischen USA und Sowjetunion, die von Bonner Konservativen argwöhnisch beobachtet werden, schließlich sehen sie sich an vorderster Front gegenüber dem Warschauer Pakt.

DAS WENDEJAHR 1989
17. April: In Polen wird die 1980 gegründete Gewerkschaft „Solidarnosc“ unter ihrem Vorsitzenden Lech Walesa legalisiert.
2. Mai: Ungarn beginnt mit dem Abbau der Grenzbefestigungen zu Österreich.
4. Juni: Erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg finden in Polen freie Wahlen statt, Tadeusz Mazowiecki wird der erste nicht-kommunistische Regierungschef des Ostblocks.
23. August: Im Baltikum erinnern rund zwei Millionen Bürger mit einer 650 Kilometer langen Menschenkette an den Hitler-Stalin-Pakt und die Annexion durch die UdSSR.
4. September: Die erste Montags-demonstration in Leipzig findet statt.
10. September: Ungarn lässt alle DDR-Flüchtlinge in den Westen ausreisen.
23. Oktober: In Budapest proklamiert Parlamentspräsident Mátyás Szürös die Republik Ungarn.
9. November: Fall der Berliner Mauer.
25. Dezember: Rumäniens Staatschef Nicolae Ceausescu wird nach seinem Sturz hingerichtet.
28./29. Dezember:
Alexander Dubcek wird zum Parlamentspräsi-denten, Schriftsteller Václac Havel zum Staatspräsidenten der Tschechoslowakei gewählt.

Der Beginn einer Freundschaft
Der Goebbels-Vergleich lässt die Beziehungen zwischen Bundesrepublik und Sowjetunion erkalten. Vereinbarte Ministertreffen werden von Kreml-Seite abgesagt, Kohl verweigert bis 1987 eine offizielle Entschuldigung. Das erste Treffen von Gorbatschow und Kohl verzögert sich, als sich die Bundesregierung 1987 zunächst gegen den Abzug von Pershing-II-Raketen aus Westdeutschland wehrt und damit erneut das Misstrauen der Sowjets weckt. Auch rhetorisch rüstet Kohl nur nach und nach ab. Eine Einladung zum Frühjahr 1988 nach Moskau lehnt er ab: „Der deutsche Kanzler ist nicht bestellbar.“ Schließlich lenkt Kohl ein. Mit der ersten Begegnung zwischen ihm und Gorbatschow in Moskau im Oktober 1988 beginnt eine neue Phase im Verhältnis beider Staaten und Politiker. Gegenüber dem „Spiegel“ sagt Gorbatschow: „Ich trage nichts nach.“ Der Goebbels-Vergleich ist nicht vergessen, wohl aber verziehen. Bei einem gemeinsamen Konzertbesuch des Münchner Sinfonieorchesters im Säulensaal des Kremls kommen sich die Staatsmänner und ihre Ehefrauen näher. Eine freundschaftliche Atmosphäre entsteht, die auch Raum für Privates bietet: „Das war tatsächlich ein herrlicher Abend, an dem wir hauptsächlich über allgemeine Probleme und Sorgen sprachen“, erinnert sich Gorbatschow. Kohl selbst trägt zur Harmonie bei. Er teilt den Wunsch Gorbatschows, „ein neues Kapitel in den sowjetisch-bundesdeutschen Beziehungen aufzuschlagen“ und betont, auch „als Bürger Kohl“ nach Moskau gereist zu sein. Seine Schwärmereien über die biografischen Parallelen der beiden im Krieg geborenen Männer verfehlen nicht ihre Wirkung und schaffen Vertrauen. „Eine solche Herangehensweise imponierte mir“, gibt Gorbatschow später zu.
Das Happy End
Kohls Besuch in Moskau legt den Grundstein für eine Freundschaft, die sich im Wendejahr 1989 noch weiter verfestigt und die Basis der Deutschen Wiedervereinigung bilden sollte. Mit „Gorbi“-Rufen wird der sowjetische Parteichef im Juni auf dem Bonner Rathausplatz begrüßt. Die Deutschen feiern ihn als Friedensbringer, manche haben die Nacht im Zelt verbracht, um bei seinem Auftritt in der ersten Reihe stehen zu können – „unvergessliche Szenen“ für Gorbatschow, der mit seinem deutschen Gastgeber in mitunter stundenlangen Dialogen zu einem „wirklich guten, nicht nur politischen, sondern auch menschlichen Einvernehmen“ gelangt. Kohl resümiert: „Als das Ehepaar Gorbatschow schließlich den Bungalow verließ, umarmten wir uns zum Abschied. Für mich war dieser Abend ein Schlüsselerlebnis.“
Noch am 13. Juni 1989 unterzeichnen Kohl und Gorbatschow in Bonn die Gemeinsame Erklärung über das deutsch-sowjetische Verhältnis. Sie hob nicht zuletzt das Recht jedes Staates hervor, das eigene politische und soziale System frei zu wählen: Ein Vertrag, an den sich der Kreml während der Ereignisse des Mauerfalls im November 1989 hält. 36 Jahre nachdem sowjetische Panzer den Arbeiteraufstand in Ost-Berlin niedergewalzt hatten, trägt auch das vertrauensvolle Verhältnis zweier Staatsmänner dazu bei, dass die Revolution in der DDR eine friedliche bleibt.
Text von Eike Frenzel
>> zurück zum Dossier "Wir sind das Volk"









per E-Mail verschicken
Facebook
Twitter
RSS


Ihre Meinungen
0 Kommentar(e)
Kommentieren