ARTE en Français

Schriftgröße: + -
Home > Die Welt verstehen > 20 Jahre Mauerfall

"Wir sind das Volk"

* "Mein Mauerfall": Egal ob sie in Berlin, Prag oder woanders waren, unsere User haben uns Fotos oder Filme geschickt und ihre Geschichte erzählt. * Geteilte Stadt, geteiltes Leben": Vier Hörbilder vom Leben an der Mauer in Berlin. Interaktive Animation * Blog „Mein 1989. Winds of change in Osteuropa“: Historiker und Schriftsteller aus Osteuropa erinnern sich an ein Datum, das 1989 in ihrem Land das Ende der Diktatur brachte * Das Wunder von Leipzig: Erleben Sie diesen historischen Tag, in einem interaktiven Rundgang durch Leipzig, als wären Sie dabei gewesen. * Mein Leben mit der Mauer: Video-Porträts von Männern und Frauen, die bis November 1989 mit und trotz der Mauer gelebt haben.

> Die DDR: (K)ein Unrechtsstaat?

"Wir sind das Volk"

* "Mein Mauerfall": Egal ob sie in Berlin, Prag oder woanders waren, unsere User haben uns Fotos oder Filme geschickt und ihre Geschichte erzählt. * Geteilte (...)

"Wir sind das Volk"

05/11/09

Die DDR: (K)ein Unrechtsstaat?

Joachim Gauck,
der frühere Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen:
"Man muss klären, in welchem Zusammenhang der Begriff gebraucht wird - in einer politischen oder einer wissenschaftlichen Debatte. Politisch gesehen muss man sagen: Der Begriff trifft zu, weil es in der DDR keine Unabhängigkeit der Justiz gab, keine Gewaltenteilung. Es gab keine Herrschaft des Rechts, weil eine Instanz wie die herrschende SED in den Bereich des Rechts eingreifen konnte. Nicht jedermann konnte das, aber die zentralen Führungsinstanzen der Partei sehr wohl. Zudem war es unmöglich, staatliches Handeln auf dem Gerichtsweg anzugreifen, man hätte dazu Verwaltungsgerichte gebraucht.
Aber die gab es ebensowenig wie ein Verfassungsgericht.
Man konnte allerdings, wie im Feudalismus, Eingaben an die Herrschenden richten und appellieren: Hier geschieht Unrecht. Und dann hatte man vielleicht Glück. Oder eben nicht. Das spricht alles dafür, das Regime der DDR ein Unrechtsregime zu nennen, auch wenn es im Land zum Beispiel ein Zivil- und ein Verkehrsrecht gegeben hat, was die Verteidiger der DDR immer wieder anführen." (mz-web.de, 17.04.09)

DAS SCHLIMME ist nicht
In einer Zelle zu sitzen
Und verhört zu werden
Erst danach
Wenn Du wieder vor einem Baum stehst
Oder eine Flasche Bier trinkst
Und dich freuen willst
Richtig freuen
Wie vorher
Erst dann

Jürgen Fuchs

Lothar Bisky,
Vorsitzender der Partei "Die Linke":
"Unrechtsstaat ist "ein Kampfbegriff aus dem Konrad-Adenauer-Haus. So hat auch die SED funktioniert: Wehe, man betete deren Begriffe nicht nach, sonst war man gleich ein Gegner. Man muss mit der DDR kritisch umgehen, aber man kann sie nicht auf einen solchen Kampfbegriff reduzieren. Da wehren sich die Ossis zu Recht.“ (bild.de, 01.03.09)


Gesine Schwan,
SPD-Politikerin:
"Die DDR war „ganz eindeutig kein Rechtsstaat.“ „Es gab keine Gewaltenteilung und keine unabhängigen Gerichte. Das begünstigt immer Willkür. Und Willkür ist Unrecht. Es war ein System, das die Freiheit Andersdenkender mit Füßen getreten hat." ("Schweriner Zeitung", 03.04.2009)


Wolfgang Thierse,
Bundestags-Vizepräsident:
„Der Umgang mit der DDR-Geschichte leidet daran, dass sie in den 90er-Jahren politisch und medial vermarktet worden ist als eine Skandalgeschichte von Feigheit und Verrat. Die Stasi war das Faszinosum.

Debatte

Die DDR - (k)ein Unrechtsstaat? Wie sehen Sie die DDR?

Diskutieren Sie hier mit anderen Usern im Forum des MDR-Specials "Damals im Osten" !

Foren-Moderator ist der Historiker Dr. Stefan Wolle.

>> zum Forum
Das ist verständlich, aber darin geht die DDR-Geschichte nicht auf. Das Urteil über die DDR ist eindeutig: Sie war kein Rechtsstaat. Sie war eine Diktatur. Sie war ein System der Misswirtschaft, das deshalb am Schluss auch in sich zusammengebrochen ist. Das System ist gescheitert, aber die Menschen sind nicht gescheitert. Jeder Versuch, genauer und differenzierter über die Geschichte der DDR zu urteilen, endet aber gegenwärtig mit einem Bannfluch gegen diejenigen, die das tun.“ (welt.de, 09.04.09)


Franz Müntefering
Bundesvorsitzender der SPD:
„Man muss zwei Dinge auseinanderhalten: Die DDR war ein Unrechtsstaat, eine Diktatur, es gab einen Schießbefehl, die Menschen waren eingesperrt. Das darf man nicht verniedlichen. Aber die allermeisten Menschen, die in der DDR gelebt haben, hatten keinen Dreck am Stecken. Sie haben versucht, so menschlich zu leben, wie es eben ging.“ (n-tv.de, 12.04.09)


Die Zitate hat unser Kooperationspartner MDR zusammengestellt. Weitere Statements können Sie bei "Damals im Osten" nachlesen.

Das Gedicht von Jürgen Fuchs stammt aus:
Jürgen Fuchs. TAGESNOTIZEN, Gedichte, RTV, 1979, S. 10

Jürgen Fuchs war Schriftsteller und Psychologe. Als Student trat er der SED bei, da er an den Sozialismus glaubte und meinte, die DDR sei von innen her zu reformieren. Doch nach einem gemeinsamen Auftritt mit regimekritischen Künstlern wurde er aus der Partei ausgeschlossen. Wegen seiner politisch unliebsamen Gedichte und Prosawerke durfte er das Studium nicht beenden. Seine Proteste gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann brachten ihm eine Haftstrafe im Gefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen ein. Nach neunmonatiger Haft und internationalen Protesten wurde er „freigekauft“. Obwohl er im Lande bleiben wollte, entzog man ihm die DDR-Staatsbürgerschaft, zwang ihn zur Ausreise und entließ ihn nach Westberlin. Im Westen war er weiterhin „operativen Zersetzungsmaßnahmen“ des MfS ausgesetzt.

Als Psychologe analysierte er die Strategien seiner Unterdrücker und entwickelte eigene Widerstandstechniken: auf Distanz bleiben, verstehen, das innere Gefühl schützen, nicht die Sprache der Macht sprechen, aber dennoch nicht auf das Wort verzichten. Um sich nicht zu verraten.

Als Schriftsteller leistete er Widerstand mit dem Wort. Jedes gelesene oder geschriebene Wort ist ein Sieg über die Leere und die Lüge. Der erbärmlichen Sprache der Stasi und ihrer Akten setzte er seine innere Stimme entgegen, die nur ihm gehören und für jede Art von Bespitzelung unerreichbar sein sollte. Aber gerade diesen unveräußerlichen, ihm wesenseigenen Kern wollte man entschlüsseln, beschmutzen und zerstören. Sich nicht selbst verleugnen, kein Fremder für sich selbst werden, das war Fuchs’ Anliegen: „du willst doch dein Gesicht noch ertragen können am Morgen / im Spiegel über dem Wasserhahn“.

Diese innere Dimension offenbaren seine Texte. Es ist die stumm gebliebene Stimme, die sich ins Innere des Körpers geflüchtet hat, die Stimme des erzwungenen Schweigens. Es ist eine eindringliche Stimme, die Zeugnis ablegt.

>> zurück zum Dossier "Wir sind das Volk"

Erstellt: 21-04-09
Letzte Änderung: 05-11-09

Ihre Meinungen

4 Kommentar(e)

Herr | ralf

26.06.2011 - 19:39

Das es in der DDR keine Reisefreiheit gab war definitiv FALSCH. Wer aber so tut als könne man an einer Systemgrenze, an der sich über 40000 Atomsprengköpfe gegenüberstehen, mal eben so neben einem Grenzübergang über die Grenze spazieren, der sollte sich fragen wer hier die Realität verklärt.

Unrechtsstaat? | Antonio

18.06.2010 - 11:20

Nobby, es ist wirklich schlimm, wenn Du die DDR mit dem 3.Reich vergleichst. Damit machst du genau das, was die bundesrepublikanische rechte Geschichtswissenschaft beabsichtigt: Die Relativierung der Nazi-Verbrechen, auf deren Konto 6 Mio industriemäßig getötet Juden gehen. Bei aller Kritikberechtigung an Honecker und Co.: Wenn man den Vergleich mit den Nazis herstellen will, dann war die DDR geradezu ein Hort der Menschenrechte.

Titel | Nobby

17.06.2010 - 10:44

Mein Gott Walter, Ihre Argumentation ist hanebüchen. Sicherlich kann man über die völkerrechtliche Legitimation der Kriegseinsätze diskutieren. Die DDR als Diktaktur deshalb mit dem Rechtsstaat BRD auf eine Stufe stellen zu wollen, ist sicherlich nicht gerechtfertigt. Seitenweise kann man Argumente für einen Unrechtsstaat DDR anführen, keine Gewaltenteilung, keine freien Wahlen, keine freie Meinungsäußerung, keine unabhängige Justiz, etc. etc. Entscheidend dürfte jedoch sein: Ein Menschenrecht schlechthin, nämlich seinen Aufenthaltsort selbst bestimmen zu dürfen, wurde von der DDR mit Füßen getreten. Ergo: die DDR war nicht besser als das 3. Reich!

Kommentieren alle Kommentare anzeigen
schließen