Seit Jose und Umberto ihre Aufklärungsrunden drehen, ist AIDS im Viertel kein Stigma mehr. Wer HIV positiv ist, muss keine billige Prostituierte sein. Das ist im Macholand Kolumbien immer noch weit verbreitete Vorstellung:„Die Lage ist wirklich schlimm. Die Bewohner dieses Viertels kommen aus allen Teilen des Landes. Sie sind Vertriebene des Krieges. Einige haben AIDS, ohne eine Ahnung zu haben, was das bedeutet. Weil sie nicht wissen, wovon sie hier leben sollen, landen sie in der Prostitution. Da stecken sie dann noch mehr Menschen an.“
Auf den Stassen von Picachito, einem Randbezirk von Medellin, ist der Chef einer selbstgegründeten Vorbeuge-Organisation inzwischen ein gesuchter und viel beschäftigter Experte. Jose Peña, selbst mit dem Virus infiziert, vermittelt seine Erfahrung im Umgang mit der Krankheit vor allem an Vertriebene und ehemalige Paramilitärs.Darunter Alex Pulgarin. Damals wurde der Neunjährige zum bewaffneten Kampf aufs Land rekrutiert. Seit einem Jahr wohnt Alex wieder in Medellin, zusammen mit seinem Bruder William. Die Mutter ist tot, der Vater unbekannt. Mit vierzehn darf der stolze Paramilitär zum ersten Mal eine Waffe halten, erhält dafür einen Monatssold von fünfzig Euro und Ausgang am Wochenende. Dabei infiziert er sich:
„Anderhalb Jahre im Busch und Du bist alles andere als glücklich. Das erste, was Dir fehlt, sind Frauen. Weil, ... die gibt es da nun mal nicht. Und wenn Du dann endlich mal in die Stadt darfst, gehen Dir die Augen über wegen all der hübschen Mädchen, die hinter Dir herrennen und scharf auf Dich sind, weil Du eine Uniform trägst. Ja wirklich, da stehen die Frauen drauf. Du bist dann Ihr Held. Da gibt es Frauen, die schlafen sich durch das ganze Batallion durch, vom Kommandanten angefangen. Und keiner nimmt ein Kondom.“
Fiesta fatal. Die Dorffeste sind die einzige Abwechslung im öden Soldatenalltag des jugendlichen Alex. Irgendwann wird er selbst zum Überträger des tödlichen Virus.
Auch Yurany Andrea infiziert sich beim Sex mit einem Uniformierten. Mit fünfzehn verläßt das Mädchen Medellin, um in Andes, einem Ort südwestlich der Großstadt anschaffen zu gehen. Der kranken Mutter sagt sie, sie hätte Arbeit als Kaffeepflückerin gefunden und überweist monatlich hundert Euro zur Versorgung der Familie:
„Eine Cousine hat mich darauf gebracht. Was sie mir erzählte, fand ich ziemlich aufregend: Dass sei eine sichere Sache und eine ganz normale Arbeit, die gut bezahlt werde. Ich lernte dann diesen tollen Typen in Uniform kennen, bei dem ich richtig schwach wurde. Mit so einem wollte ich schon immer mal schlafen. Das war irgendwie mein Traum. Also tat ich es. Er hieß Diego.“
Drei Jahre bleibt Jurany bei Diego und den anderen. Dann kehrt die junge Frau ins Rotlichtmillieu der Großstadt zurück. Das Machogehabe der Selbstverteidigungstruppen, die sich und andere nicht schützen wollen, ist langweilig geworden. Außerdem fangen die Männer an, sie zu schlagen. In der Metropole kann die Zwanzigjährige Gewalttätigkeiten leichter ausweichen:
„Hier in Medellin eine Arbeit zu finden, ist sehr schwierig. Also mache ich das, was ich immer gemacht habe. Und wenn Du dann mit all den Männern schläfst, die Deinen Weg kreuzen, kannst Du am Ende gar nicht wissen, wer Dich eigentlich angesteckt hat.“
Auch Jose Peña hat die Gewalt auf dem Land hautnah miterlebt. Der Vater und ein Bruder geraten zwischen die Fronten und werden erschossen. Er selbst wird verschleppt und gefoltert. Dabei, so vermutet Jose, ist er mit dem Virus infiziert worden:
„Wenn Du in den Verdacht gerätst, mit den Paramilitärs zu sympathisieren, tötet Dich die Guerilla und umgedreht. Und genau so kam auch meine Familie um. Weil sie zwischen die Fronten eines Konfliktes geriet, den keiner mehr versteht. Auch ich sollte dran glauben, weil ich angeblich mit der Gegenseite kolaborierte. Sie lauerten mir auf, folterten mich und wollten mich umbringen. Naja, da bin ich geflüchtet.“
Es gibt keinen Bürgerkrieg in Kolumbien. Im offiziellen Sprachgebrauch von Regierungsbehörden und Entwicklungshilfeorganisationen heisst das Gemetzel in dem südamerikanischen Land „bewaffneter Konflikt“. Ihm fallen jedes Jahr Tausende Menschen zum Opfer. Ihren Kampf gegen Armee und Paramilitärs finanziert die Guerilla mit der Produktion von Kokain in nicht immer gut versteckten Drogenküchen.
Was die Regierungssoldaten entdecken, vernichten sie sofort, doch zur Lösung des inzwischen vierzig Jahre währenden Konfliktes haben ihre Einsätze nicht beitragen können.
Jose Peña: „Die Menschen auf dem Land wollen mit dem Drogenkrieg, den Paramilitärs und der Guerilla nichts zu tun haben. Doch wer nicht kooperieren will, wird gezwungen, sein Haus zu verlassen.“
Drei Millionen Menschen sind derzeit auf der Flucht in Kolumbien. Wer nicht schnell genug Haus und Hof verläßt, riskiert sein Leben. Schon der Verdacht, dem Gegner einen Maiskolben überlassen zu haben, ist Grund ihn zu exekutieren.
Der Staat ist hilflos. Gegen den Terror auf dem Land gibt es ein Wundpflaster, mehr nicht.
Ein Flüchtling:
-„Wir hatten uns gerade eine kleine Finca gekauft. Wir waren sehr glücklich und stolz darauf. Endlich mal was eigenes. Es schien voran zu gehen. Und niemand, der uns etwas vorschreiben wollte.....“
-„Werden Sie dahin zurückkehren?“
-„Bitte? Nein, natürlich nicht ... damit ist es vorbei.“
Wer vor dem Sperrfeuer flüchtet, kann wenig mehr retten als die eigene Haut. Ein paar Hilfsorganisationen helfen beim Überleben.Doch nach der Notversorgung ist jede Familie mit ihrer Trauer, Wut und Verzweiflung sich selbst überlassen - Nährboden, der aus den Opfern von heute die Täter von morgen macht.Bloß weg hier! In den dörflichen Zentren der Konfliktregionen sind die Flüchtlinge zwar relativ sicher vor Übergriffen bewaffneter Gruppen. Doch kann hier keiner auf einen Aus- oder Arbeitsplatz hoffen. Selbst für Gelegenheitsjobs und Aushilfsarbeiten gibt es keinen Bedarf. Den versprechen nur die Metropolen des Landes.
Doch selbst die sind randvoll mit Armensiedlungen, in denen es am Nötigsten fehlt. Selbst Wasser und Strom sind nicht selbstverständlich.
Als Jose Peña nach langem Fluchtweg in Medellin ankam, hatte er Hunger und kein Geld. Um überleben zu können, verkaufte er seine Medikamente. Ein lohnendes Geschäft in einem Land, in dem ein Kondom mehr kostet als eine Mahlzeit. Inzwischen kommt Jose auch ohne den Handel aus.
Dagegen ist er für Maria Elizabeth die einzige Chance, den Lebensunterhalt zu sichern. Immerhin hat Jose die bereits stark geschwächte Freundin dazu bewegen können, die Medikamente nicht ersatzlos zu verkaufen. Marias Mutter sorgt für die Beschaffung der viel günstigeren Generika. Zu spät für Enkelin Marina. Sie kam infiziert auf die Welt und starb.
Weil die Medikamente unter zehn Grad gelagert werden müssen, ist Maria auf die Hilfe ihrer Nachbarin angewiesen. Selbst kann sie sich einen Kühlschrank nicht leisten:
„Ich allein kenne zehn Aids-Kranke, die mit Medikamenten handeln. Ich bin also nicht allein. Elf Tabletten muß ich täglich schlucken. Aber auf leeren Magen? Das ist doch furchtbar! Also, besorge ich mir die billigen Ersatzprodukte und verkaufe die Original-Medikamente.“
Um den Verkauf der teueren Arzneien kümmert sich Marias Mutter Marta. Gegen Mittag trifft sie auf der „Oriental“, der Hauptverkehrsstraße in Medellins Zentrum, einen Zwischenhändler. Für wen der Mann arbeitet, weiß Marta nicht:
„Die Guerilla hat überall ihre Mittelsleute, auch in der Stadt. Bei denen kaufen sie ihre Waffen, Mörser, Granaten und besorgen sich alles, was sie brauchen. So verschaffen sie sich auch Zugang zu den Patienten-Listen sämtlicher Gesundheitsämter oder schicken ihre Leute zu den monatlichen Treffen, die die Ämter in ihren Bezirken veranstalten.“
Banges Warten auf die Gewissheit. Joses Gesellschaft zur Vorbeugung von AIDS bietet heute einen kostenlosen Bluttest in Picachito an. Dreitausend Menschen leben in diesem Teil der Stadt. Die meisten sind Vertriebene oder sogenannte Reinsertados, ehemalige Paramilitärs oder Guerilleros, die ihre Waffen abgelegt haben.
Jose Peña: „Die größte Hilfe sind die Frauen. Das spüren wir jeden Tag. Mit den Männern können wir oft nicht rechnen. So sind sie, die Machos!“
Achtzig Leute sind zu der Blutprobe erschienen, die bereits nach 15 Minuten ein Ergebnis liefert. Wenn der Teststreifen auf positiv erkennt, ist Einfühlungsvermögen gefragt. Jose bittet die Frau, zu Sicherheit einen Arzt aufzusuchen.
Sein nahezu einsamer Kampf gegen die weitere Ausbreitung der Seuche hat Jose wieder Kraft und neuen Lebensmut gegeben. Seine Arbeit ist dringend nötig. Die Zahl der Aids-Infizierten in Kolumbien könnte sich bis zum Jahr 2010 vervierfachen. Die UNO zählt derzeit 200.000 Fälle. Jose Peña: „Mit der Unterstützung für uns ist es hier wie mit der Unterstützung für Künstler – es gibt keine. Sie behandeln uns wie Aussätzige und lassen uns die Schuld ganz allein tragen. Der Staat will nicht wahr haben, dass es uns gibt und sieht daher auch keine Notwendigkeit, uns zu helfen. Für unsere Arbeit können wir keinerlei Unterstützung erwarten.“
Noch nie haben die Gesundheitsbehörden in Medellin eine nennenswerte Aufklärungskampagne gestartet.
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ARTE Reportage
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mittwochs gegen 21.45 Uhr









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