Wenn Meinungsforscher nach der "wichtigsten historischen Persönlichkeit Frankreichs" fragen, dann liegt Charles de Gaulle unangefochten an der Spitze - weit vor Napoleon, Karl dem Großen oder Jeanne d'Arc.
Als General und Politiker hat Charles de Gaulle, geboren am 22. November 1890, die französische Geschichte im 20. Jahrhundert entscheidend geprägt. Durch seinen berühmten Aufruf zum Widerstand vom 18. Juni 1940 wurde er im Zweiten Weltkrieg zur Symbolfigur des "Freien Frankreich" und der Résistance gegen die deutsche Besatzung. Auch nach dem Krieg stand de Gaulle für eine "Politik der nationalen Unabhängigkeit". Unter seiner Regie wurde 1958 die Verfassung der V. Republik ausgearbeitet, deren erster Staatspräsident er von 1959 bis zu seinem Rücktritt 1969 war.In dem französischen Dorf Colombey-les Deux-Eglises ist dem Staatsmann und Politiker jetzt ein neues Museum gewidmet, das "Mémorial Charles de Gaulle".Colombey-les-Deux-Eglises liegt im Département Haute-Marne, in den grünen Hügeln des "Pays Chaumentais" - oder anders gesagt: mitten in der "France profonde", auf deutsch: "jwd" - fernab der TGV oder ICE-Trassen, der Autobahnen und Flughäfen, dort also, wo Frankreich am profundesten ist. Hier ließ sich der General de Gaulle 1934 mit seiner Familie nieder, hier schrieb er später seine Memoiren, und hier starb er auch, am 9. November 1970.
Über Colombey-les-deux-Eglises thront zu Ehren de Gaulles seit mehr als 30 Jahren ein monumentales Lothringer Kreuz, das Symbol des Freien Frankreich im 2. Weltkrieg. Direkt darunter, in den Hügel hineingebaut, beherbergt nun ein ockerfarbenes rechteckiges Gebäude das neue "Memorial Charles de Gaulle".
Auch im Innenraum des Memorial steht man erst einmal im Wald. Kein Bild des Generals, sondern Fotos der Umgebung, Wiesen und Wälder auf riesigen Plexiglasplatten, dazu Naturgeräusche eröffnen die Ausstellung.
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Natur im Memorial Charles de Gaulle - Tondokument 1 - Klicken Sie auf den entsprechenden Link in der obigen Audio-Box
Die Historikerin Frédérique Dufour hat die Schau kuratiert: "Wir sind in der Landschaft, die der General de Gaulle auserwählt hat, und in dieser Landschaft suchen wir nach der Privatperson de Gaulle, sozusagen nach seiner Seele, und so dringen wir auch in die große Geschichte ein."
Es ist eine Ausstellung mit einem gewissen Pathos, eine fast schon romantische Präsentation, die nicht nur nüchtern historische Fakten präsentiert, sondern auch Emotionen wecken möchte. De Gaulles Erlebnisse im Ersten Weltkrieg etwa werden in der Kulisse eines Schützengrabens zwischen braun-grauen Sandsäcken und untermalt mit Kriegsgeräuschen erzählt. Der Schauspieler Robin Renucci liest Briefe de Gaulles an seine Mutter:
"Meine liebe Mama,
dieser Krieg ist ein Vernichtungskrieg. Besiegt sein wird der, der zuerst sein moroses Material erschöpft haben wird. Ich glaube in dieser Hinsicht haben wir es gut angepackt. (...) Wir müssen siegen. Sieger ist der, der es am energischsten will."
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Der Brief De Gaulles, vorgelesen von Robin Renucci - Tondokument 2 (in französischer Sprache) - Klicken Sie auf den entsprechenden Link in der obigen Audio-Box
Geradezu opernhaft - manchmal auch kitischig - ist die Inszenierung des Lebens und Wirkens von Charles de Gaulle in diesem Memorial.
Bühnenreife Installationen versetzen die Besucher vom Schützengraben des Ersten Weltkriegs in die libysche Wüste des Zweiten Weltkriegs oder auf die Champs-Elysées bei der Befreiung von Paris.
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Die Befreiung von Paris - Tondokument 3 (in französischer Sprache) - Klicken Sie auf den entsprechenden Link in der obigen Audio-Box
Gleichzeitig aber - und das ist ein interessantes Paradox - wird großen Wert auf historische Exaktheit gelegt. So ist zum Beispiel ausgerechnet de Gaulles legendärer Appell vom 18. Juni 1940 in der Ausstellung nicht zu hören, sondern nur zu lesen. Die Erklärung der Historikerin Frédérique Dufour: "Ganz einfach, weil dieser Appell niemals aufgenommen wurde. Die Aufnahmen wurden im Nachhinein gemacht. Ich habe mich geweigert, eine nicht authentische Version dieses Appells zu verwenden. Außerdem waren die Machtverhältnisse im Juni 1940 so, dass Pétain dominierte. Er hatte jegliche mediale Unterstützung, während Charles de Gaulle überhaupt keine Legitimität hatte und am 18. Juni kaum gehört wurde."
Nicht der nationale Mythos also, sondern die historische Persönlichkeit Charles de Gaulles steht im Mittelpunkt. Mit allen Licht- und Schattenseiten, die die französische Geschichte - und nicht nur diese - im 20. Jahrhundert geprägt haben, von der Resistance über den Algerienkrieg bis zum Mai 68, erläutert Alexandre Mora, der Direktor des Memorials:
"Charles de Gaulle war ein Mann, der gleichermaßen verehrt und verabscheut wurde. Er stand für eine Politik, mit der längst nicht alle Franzosen einverstanden waren. Man denke nur an den Algerienkrieg, der unsere Geschichte geprägt hat.
Es ist wie bei allen Leidenschaften - wie in der Liebe - es gibt positive und negative Seiten. Das Memorial steht heute für einen befriedeten Umgang mit der Geschichte."
Zur Eröffnung zeigt das Memorial auch eine Wechselaustellung über die Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen. Im Zentrum der Präsentation steht der historische Beginn dieser Beziehungen: der Besuch von Konrad Adenauer bei Charles de Gaulle in Colombey-les-Deux-Eglises, am 14. September 1958.
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Das Treffen von Adenauer und de Gaulle - Tondokument 4 (in französischer Sprache) - Klicken Sie auf den entsprechenden Link in der obigen Audio-Box
An diesen historischen Moment sollte erinnert werden, als Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Staatspräsident am Samstag, den 11. Oktober gemeinsam das Memorial Charles de Gaulle eröffneten, denn, so sagt Direktor Alexandre Mora:
"Die deutsch-französischen Beziehungen, 'das ist sehr wichtig für uns'. Aus einem ganz einfachen Grund, denn hier, in dieser Region, in diesem Département haben Charles de Gaulle und Konrad Adenauer, zwei Männer des 19. Jahrhunderts, zwei Männer, die den Ersten Weltkrieg erlebt hatten, zwei Männer, die den Zweiten Weltkrieg kennengelernt haben, diese beiden Männer haben, lange vor Kohl und Mitterrand bereits gesagt: Nie wieder! Am Samstag, den 11. Oktober haben wir hier wieder ein deutsch-französisches Paar, das Einheit demonstrieren wird, Einheit für Europa, für ein gemeinsames Handeln. Mir erscheint es wesentlich, fast natürlich, dass hier in Colombey-les-Deux-Eglises - als Hommage an Adenauer und de Gaulle - Bundeskanzlerin Merkel und Staatspräsident Sarkozy gemeinsam dieses schöne Memorial eröffnen."
Konrad Adenauer kam damals, im September 1958, übrigens mit zweistündiger Verspätung in Colombey-les-Deux-Eglises an. Er hatte sich verfahren und war zunächst im 120 km entfernten Colombey-les-Belles gelandet - "jwd", in der "France profonde".
Von Kathrin Hondl