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21/02/05

Pierre Mendès France, ein Politiker mit Leib und Seele

Biografie


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1907: Pierre Mendès France wird am 11. Januar in Paris geboren. Als wahres Vorzeigekind des Elitesystems der französischen Republik legt er bereits mit 15 Jahren sein Abitur ab.

1923: Trotz seiner Neigung zum Lehrerberuf entscheidet sich Mendès France für eine Anwaltskarriere; er beginnt ein Jura- und Politikstudium an der Pariser Hochschule für Politikwissenschaften „Sciences Po“.

1924: Aus Bewunderung für Edouard Herriot, den führender Politiker des Parti radical socialiste (PRS, Radikalsozialistische Partei) tritt Mendès France dieser Partei sowie der Ligue d’action républicaine et socialiste (LAURS; Republikanisch-sozialistische Liga) bei.

1926: Mendès France wird Gerichtsreferendar bei der Anwaltskammer von Paris und damit der jüngste Anwalt Frankreichs. 1929 lässt er sich als Anwalt in Louviers im westfranzösischen Departement Eure nieder.

1928: Mendès France verteidigt seine Doktorarbeit über die Finanzpolitik der Poincaré-Regierung („L’oeuvre financière du gouvernement Poincaré“) und absolviert seinen Militärdienst als Obergefreiter bei der Luftwaffe. Im PRS schließt er sich mit anderen jungen Politikern (u.a. Jean Zay, Pierre Cot, Jacques Kayser) der radikalen Modernisierungsbewegung Jeunes Turcs an.

1932: Mendès France wird im Wahlkreis der Kleinstadt Louviers als jüngster Abgeordneter Frankreichs in die Nationalversammlung gewählt. Auf dem PRS-Parteitag in Toulouse prangert er die Wirtschaftspolitik der Partei im Namen der Jeunes Turcs vehement an.

1935: Mendès France wird Bürgermeister von Louviers. Dieses Amt bekleidet er 23 Jahre lang. 1937 wird er in den Conseil Général (oberstes Gremium eines frz. Departements) gewählt. 1958 legt er nach der Niederlage bei den Parlamentswahlen im Departement Eure sein Bürgermeisteramt sowie seine Funktionen im Conseil Général nieder und widmet sich verstärkt der politischen Theorie.

1936: Erneute Wahl zum Abgeordneten des Departements Eure. Mendès France stimmt als Einziger gegen die Teilnahme Frankreichs an den von den Nazis in Berlin ausgerichteten Olympischen Spielen. Er unterstützt die Volksfront, missbilligt aber deren Währungspolitik und das Nichteingreifen im Spanischen Bürgerkrieg.

1938: Mit nur 38 Jahren wird Mendès France vom Ministerpräsidenten der Volksfront Léon Blum mit der Verwaltung der Staatsfinanzen betraut. Er macht in dieser Funktion durch seine hohe wirtschaftspolitische Kompetenz auf sich aufmerksam.

1939: Mendès France ist Reserveleutnant. Obwohl er als Abgeordneter Anspruch auf einen risikofreien Einsatz hätte, zieht er die Luftwaffe vor und wird zunächst im Nahen Osten eingesetzt; aber Mendès France will kämpfen und lässt sich an die Front versetzen.

1940: Zum Zeitpunkt des Einmarschs der Nazitruppen in Frankreich ist der Luftwaffenleutnant Pierre Mendès France im Fronturlaub. Er versucht, wieder zu seiner Einheit in Bordeaux zu stoßen, wo Pétain die Verhandlungen mit Hitler vorbereitet. Weiter zum Kampf entschlossen, setzt Mendès France gemeinsam mit anderen Abgeordneten auf der Massilia nach Marokko über. Dort wird er von den Vichy-Behörden als Deserteur verhaftet. In Clermont-Ferrand wird er vor ein Kriegsgericht gestellt, dies zu einer Zeit, in der den Linken, insbesondere den Juden, die Schuld für den Niedergang angelastet wird.

1941: Ein höchst ungerechter Prozess gegen Mendès France, bei dem dieser trotz der Aussagen seiner Vorgesetzten, die – mit einer Ausnahme – geschlossen seinen Kampfesmut loben, wegen Fahnenflucht verurteilt wird. Es gelingt ihm, aus dem Gefängnis von Clermont-Ferrand zu fliehen, „um seine Ehre zu verteidigen“, wie er Pétain schreibt.

1942: Nach einigen Monaten im Untergrund erreicht Mendès France das Freie Frankreich (France Libre) in London. Er verpflichtet sich in der Fliegergruppe Lothringen und nimmt an zahlreichen Bombardierungen deutscher Stützpunkte in Frankreich teil.

1943-1944: General de Gaulle ruft Mendès France im November nach Algier, wo er als Finanzkommissar im „Comité français de libération nationale“ (Französisches Komitee zur nationalen Befreiung), dem Vorläufer der späteren Regierung, mitarbeitet.

1944: Nach der Befreiung von Paris wird Mendès France Wirtschaftsminister in de Gaulles Übergangsregierung. Er leitet drastische Maßnahmen in die Wege, die im Gegensatz zu der weniger rigorosen Politik stehen, die Finanzminister René Pleven vertritt. De Gaulle lobt Mendès France zwar in seinen „Memoiren der Hoffnung“, doch er unterstützt ihn nicht, was Mendès France 1945 zum Rücktritt veranlasst.

1946: Mendès France wird für ein Jahr französischer Executive Director der Internationalen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (IBWE), zudem französischer Gouverneur des Internationalen Währungsfonds (bis 1959). Weiterhin kann sich Mendès France als Abgeordneter des Départements Eure behaupten.

1950: Erste Parlamentsreden gegen den Indochinakrieg. Mit Ausnahme der Kommunisten, die sich ihren vietnamesischen Genossen gegenüber solidarisch zeigen, sowie einiger Intellektueller, ist Mendès France der einzige, der ab 1950 öffentlich erklärt, dass Frankreichs Militärpräsenz in Indochina nicht haltbar sei. Seine Haltung hat ursprünglich nichts mit der bei den Linksradikalen entstehenden Dritte-Welt-Bewegung gemein. Als strenger Ökonom macht er vielmehr eine Bestandsaufnahme seines durch den Krieg stark geschwächten Landes und kommt zu dem Schluss, dass Frankreich nicht mehr die Mittel hat, um im 10.000 km entfernten Indochina ausreichend stark vertreten zu sein und respektiert zu werden. Sollte sich Frankreich darauf versteifen, beträchtliche finanzielle Mittel zur Verteidigung seiner Präsenz in Indochina einzusetzen, so würde es damit die Entwicklungsmöglichkeiten im Mutterland gefährden, so Mendès Frances Argumentation. Langfristig würde man dann an beiden Fronten verlieren, denn das Kolonialreich geriete ins Wanken, und Frankreich würde in wirtschaftlicher Hinsicht schnell hinter seinen europäischen Nachbarn zurückbleiben, da diese kein vergleichbares Kolonialreich zu verteidigen haben.

1953: Mendès France ist designierter Regierungschef, jedoch misslingt der Amtsantritt am 3. Juni. Am 6. Juli wird Mendès France zum Vorsitzenden des Finanzausschusses der Nationalversammlung gewählt, eine Funktion, die er bis zu seinem Amtsantritt 1954 innehat. Joseph Laniel wird zum Regierungschef gewählt.

1954: Ganz unerwartet gibt die Schlacht von Dien Bien Phu in Indochina Mendès France Recht. Mit 419 Ja-Stimmen und 143 Enthaltungen beauftragt die Nationalversammlung Mendès France, das Land aus der gefährlichsten Indochina-Krise seit 1940 herauszuführen. 7 Monate und 17 Tage lang ist die Regierung Mendès France an der Macht.

1955: Die Regierung Mendès France wird von der Nationalversammlung gestürzt. Er selbst wird zum ersten Vizepräsidenten des Parti radical gewählt, versucht, die Partei zu erneuern und führt eine Kampagne für den Front républicain.

1956: Staatsminister unter der Regierung Guy Mollet, Rücktritt aufgrund der Algerienpolitik, 1957 Austritt aus dem Parteivorstand des Parti radical.

1958: Mendès France stellt sich der Rückkehr General de Gaulles entgegen. Dies geschieht jedoch nicht aus einer grundsätzlichen Ablehnung heraus, sondern aufgrund der Bedingungen, unter denen die Rückkehr erfolgen soll. Denn Mendès France ist der Ansicht, dass nichts ohne Zustimmung der Abgeordneten geschehen dürfe. Die politische Krise im Mai 1958 folgt keineswegs dieser Regel, sondern wird zu einer wahren Kraftprobe zwischen den Anhängern Französisch-Algeriens und und dem Staatspräsidenten René Coty. Als die Nationalversammlung Pierre Pflimlin zum Regierungschef wählt, der Verhandelungen mit dem „Front de libération nationale“ befürwortet, brechen Aufstände in Algier aus, mit denen sein Amtsantritt verhindert und die Rückkehr General de Gaulles erwirkt werden soll. Angesichts des unter diesen Umständen drohenden Bürgerkriegs entschließt sich René Coty, de Gaulle ohne vorherige Befragung des Parlaments zu Hilfe zu rufen.

1959: Mendès France wird aufgrund seiner Zugehörigkeit zur „Union des forces démocratiques“ (Union der demokratischen Kräfte) aus dem „Parti radical“ ausgeschlossen und tritt dem „Parti socialiste autonome“ (PSA, Autonome sozialistische Partei) bei, der sich im folgenden Jahr mit anderen Gruppen zum „Parti socialiste unifié“ (PSU, Vereinte sozialistische Partei) zusammenschließt.

1962: Veröffentlichung von La République moderne. Mendès France nimmt gegen die allgemeine Wahl zum Staatspräsidenten Stellung und wird bei den Parlamentswahlen in Evreux bereits im ersten Wahlgang geschlagen.

1965: Bei den Präsidentschaftswahlen unterstützt Mendès France François Mitterand gegen de Gaulle, ebenso wie bei den Wahlen 1974 und 1981.

1967: Mendès France wird Abgeordneter von Grenoble.

1968: Mendès France nimmt am Mai 68 teil: Er begibt sich insbesondere ins Pariser Charléty-Stadium; verliert seinen Sitz als Abgeordneter von Grenoble und tritt aus dem PSU aus.

1972: Nach einem Schlaganfall ist Mendès France gezwungen, kürzer zu treten.

1976: Am Lebensende widmet sich Mendès France dem Friedensprozess im Nahen Osten; im folgenden Jahr trifft er Sadat und Begin in Jerusalem.

1982: Mendès France stirbt am 18. Oktober an seinem Schreibtisch. Frankreich ehrt ihn mit einem Staatsbegräbnis.

Deustche Übersetzung von Irène Selle
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Geschichte am Mittwoch
Mittwoch 16.02.2005 um 20.45
Pierre Mendès France
Dokumentar von Jean-Christophe Rosé - Frankreich 2004 -54'
Kommentar von dem französischen Historiker Jean Lacouture

ARTE France, Kuiv Productions

Erstellt: 11-02-05
Letzte Änderung: 21-02-05