25/09/08
Barack Obama - Hoffnungsträger des jungen Amerika ?
Christoph von Marschall hat die erste deutschsprachige Biografie über Barack Obama geschrieben. Mit ARTE sprach er über seine Botschaft des Wandels und die Faszination, die der politische Senkrechtstarter auf viele Amerikaner ausübt.
ARTE: Sie haben sich eingehend mit der Biografie Barack Obamas beschäftigt. Was macht für Sie die Faszination dieses Kandidaten aus?
Christoph von Marschall: Faszinierend sind sein Auftreten, seine Ausstrahlung, seine Rhetorik. Mit seiner positiven Botschaft gelingt es ihm, viele Menschen zu begeistern, das fällt vor allem im Vergleich zu Hillary Clinton auf. Nach sieben Jahren unter George W. Bush sehnt sich Amerika nach einer Gesellschaft, in der es seine eigenen Ideale verfolgt, sich selbst lieben kann, aber auch wieder von der Außenwelt geachtet wird. Barack Obama, Sohn eines schwarzen Gaststudenten aus Afrika und einer weißen Mutter aus Kansas, hat es von ganz unten nach ganz oben geschafft. Sein Erfolg ist somit auch die Botschaft, dass der amerikanische Traum noch (oder wieder) funktioniert.
Wandel, Neuanfang, Versöhnung… Sind die Amerikaner wirklich so unzufrieden und deprimiert ?
Die Tatsache, dass sich momentan im Land nichts mehr nach vorne bewegt, hat zu einer großen politischen Enttäuschung geführt. Die Ursache dafür wird gerne in der mehrfachen Spaltung der amerikanischen Gesellschaft gesucht - rechts gegen links, unten gegen oben, schwarz gegen weiß. Obamas Versprechen, in der Politik partei-übergreifend zu arbeiten und Amerika wieder zu « vereinen », nährt auch die Hoffnung, dass sich mit einem neuen politischen Stil vielleicht wieder mehr bewegen lässt. Die Spaltung hat sich unter Bush verstärkt, aber bereits unter den Clintons begonnen. Hillary Clinton ist daher auch nicht wirklich in der Lage, die Gesellschaft zu versöhnen.
Ist dieses Versprechen realistischerweise überhaupt zu erfüllen ? Und wird es auch noch ziehen, wenn es um das ganze Land geht?
Obamas Botschaft zieht seit dem Super Tuesday ganz offensichtlich, denn in den Umfragen gegen McCain verliert Hillary Clinton, Obama gewinnt. Ob sie letztendlich zu erfüllen ist, steht in den Sternen, ich habe aber keinen Zweifel daran, dass sie bis in den Herbst herein tragen wird. Und gegen den 72-jährigen gesundheitlich angeschlagenen Mc Cain wäre Obama auf jeden Fall der schwierigere Gegner, schon alleine auf Grund seiner Frische und Jugendlichkeit.
Sie nennen Barack Obama im Untertitel Ihres Buches den „schwarzen Kennedy“. Worin genau besteht seine „schwarze Politik“? Oder ist sein kultureller Hintergrund eher eine gute Möglichkeit, auch ethnische Minderheiten als Wähler zu gewinnen?
Minderheitenpolitik zieht bei Obama interessanterweise kaum. Die Hispanics wählen mehrheitlich die weiße Oberschichtenfrau Hillary Clinton – sie befinden sich mit den Schwarzen in Konkurrenz um die Billigjobs und haben durchaus sogar noch Rassenvorbehalte. Obamas weiße Anhänger – vor allem die gut gebildete Mittelschicht und jüngere Frauen – sehen in ihm gar keinen schwarzen Kandidaten, sondern einen Kandidaten jenseits von Rassen- und Gesellschaftsfragen, sozusagen den ersten „post-racial-Kandidaten“. Im neuen Lebensmodell des jungen Amerika sollen Gehalts-, Bildungs-, Rassen- und Herkunftsunterschiede keine so große Rolle mehr spielen.
Der Vor-Wahlkampf wird momentan eher über stark emotionale Ansprache als über das wirkliche Programm ausgetragen. Was weiß man über die Berater und Politiker hinter Obama ?
Barack Obama bezieht seine Berater vor allem aus seiner Zeit als Regionalpolitiker und Senator in Illinois und aus dem Umkreis von Harvard und anderen Eliteuniversitäten. Weitere einflussreiche Berater konnte er mit den ehemaligen Mitarbeitern Tom Daschle’s übernehmen. Der demokratische Leader im Senat verlor genau in dem Jahr sein Mandat, als Obama in den Senat kam. Vor einigen Wochen veröffentlichte er zudem eine Liste mit 43 Namen aus dem Personal des ehemaligen Präsidenten Bill Clinton, unter ihnen einer der Sicherheitsbeauftragten Clintons, der Navy-Staatssekretär und der Nahostunterhändler Ross. Wobei Hillary Clinton natürlich mit 83 Namen die längere Liste hat.
Kritisiert wird Obamas mangelnde außenpolitische Erfahrung – Welchen der drei Haupt-Kandidaten sollte man sich aus europäischer Perspektive wünschen ?
Bei der Kritik an Obamas mangelnder außenpolitischer Erfahrung werden zwei Punkte häufig übersehen, die durchaus Hoffnung auf eine etwas andere amerikanische Außenpolitk machen könnten : seine interkulturelle und interkonfessionelle Kompetenz. Er ist mehrere Jahre seine Lebens im Ausland aufgewachsen und versteht « aus dem Bauch heraus », dass Länder wie Asien und Afrika nach anderen Wertvostellungen und Regeln funktionieren als Amerika. Sein Verständnis der religiösen Kultur des Islam ist eine gute Botschaft, die hinsichtlich des Nahostkonfliktes durchaus Handlungsoptionen birgt.
Auch Hillary Clinton wäre eine relativ sichere Kandidatin, sie würde weniger Fehler machen als Bush, und die Tatsache, dass sie nicht in der Lage wäre, die amerikanische Gesellschaft zu versöhnen, würden wir in Europa nicht so zu spüren bekommen. Aber auch wenn man sich hierzulande schwer vorstellen kann, dass ein Republikaner nach den Bush-Jahren noch einmal die Wahl gewinnt – sogar McCain wäre keine schlechte Botschaft für die Außenwelt. Er hat zwar eine harte Irakpolitik, aber eine andere Vorstellung vom Umgang mit Verbündeten als Bush, viel mehr außenpolitische Erfahrung und verfügt über sehr gute Kontakte in Europa und der übrigen Welt.
Nach elf Niederlagen in Folge hat Hillary Clinton in Texas und Ohio jetzt wieder kräftig aufgeholt. Wie lautet Ihre weitere Prognose ?
Barack Obama ist mit elf Siegen in Folge seit dem Super Tuesday der große Favorit gewesen, aber Hillary ist seit dem 4. März wieder zurück im Rennen. Hinsichtlich der Delegiertenstimmen bleibt es vermutlich möglicherweis bis in den Parteitag hinein unentschieden. Und auch die Hauptwahl ist noch nicht gelaufen - die Republikaner können sie natürlich auch gewinnen - gegen Hillary Clinton leichter als gegen Barack Obama.
Das Interview führte Nicola Hellmann (März 2008)
Erstellt: 10-03-08
Letzte Änderung: 25-09-08