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29/10/08

Die Weltveränderer

Finanzkrise


Angesichts der derzeitigen Finanzkrise legen viele momentan eigene Konzepte vor, die mit der Logik der Marktwirtschaft brechen sollen.

Ein neues System muss her. Die Wirtschaft soll wieder in den Dienst der Menschen gestellt werden und nicht umgekehrt. Die zahlreichen Gegner des derzeitigen Wirtschaftssystems profitieren von der Finanzkrise, um sich mit eigenen alternativen Konzepten Gehör zu verschaffen. Für viele ist es ein schon seit langem geführter Kampf, zum Beispiel für die 1998 gegründete Organisation ATTAC (Abk. des französischen Titels der "Vereinigung für eine Besteuerung von Finanztransaktionen zum Nutzen der Bürger"). ATTAC ist heute in rund fünfzig Ländern vertreten und fordert u. a. die Besteuerung von Finanztransaktionen zur Eindämmung der Spekulation, die Kontrolle der Europäischen Zentralbank (EZB) und die Einschränkung der Kapitalfreizügigkeit.
"Infarkt des Liberalismus"
Interview mit Christian Chavagneux, Chefredakteur des französischen Wirtschaftsmagazins "Alternatives économiques"
"Eine andere Welt ist möglich"
Die neue Antikapitalismus-Partei des französischen kommunistischen Politikers Olivier Besancenot lehnt die aktuelle Rettungsaktion für die Finanzmärkte ab und fordert eine radikale "Umprogrammierung". Der stark mediatisierte Postbote aus Neuilly will höhere Gehälter, einen Entlassungsstopp und die Zusammenlegung aller Banken zu einem einzigen, öffentlichen Pool - kurz: eine bessere Verteilung der Reichtümer in der Gemeinschaft.

Auch die Globalisierungsgegner schlagen neue Gesellschaftsmodelle vor. Die Bewegung umfasst die Antiliberalen, die Souveränisten mit ihrer Forderung nach protektionistischen Maßnahmen, die Umweltschützer und "Wachstumsverweigerer". Alle stehen sie hinter dem Slogan des Weltsozialforums: "Eine andere Welt ist möglich." Die radikalsten unter ihnen, wie José Bové, schrecken nicht vor drastischen Maßnahmen zurück: Man erinnere sich an die Verwüstung von Genmais-Feldern oder die Zerstörung eines McDonalds-Restaurants in Millau im Jahr 1999. Mit derlei Aktionen bringen die Globalisierungsgegner, allesamt Anhänger des "zivilen Ungehorsams", ihre Entschlossenheit öffentlichkeitswirksam zum Ausdruck.
Finanzkrise, die Reportagen

Umweltschutz und gerechtere Verteilung
Zu den Konzepten, die ihren Ursprung in der Antiglobalisierungsideologie haben und derzeit in aller Munde sind, gehören natürlich die nachhaltige Entwicklung und der Kampf gegen den Klimawandel. Dies belegt u. a. das jüngst von der französischen Regierung beim so genannten "Grenelle de l’Environnement" verabschiedete Umweltreformpaket, mit dem sie den verschiedenen "grünen" Organisationen und Parteien des Landes mit zahlreichen Verpflichtungen entgegenkam.
Auf europäischer Ebene suchen die Grünen den Schulterschluss. Auf dem letzten Meeting der neuen, von Daniel Cohn-Bendit angeführten Liste "Europe Ecologie" sah man im Vorfeld der Europawahlen 2009 sowohl den Globalisierungsgegner José Bové als auch den Parteivorsitzenden der "Unabhängigen Umweltbewegung", Antoine Waechter, und die ehemalige Richterin Eva Joly. Prominente Persönlichkeiten also, die sich für ein neues Gesellschaftsmodell einsetzen, gestützt auf die Werte "soziale Gerechtigkeit, weltweite Solidarität, Maßhalten und Bewusstsein der Grenzen", mit "neuen Formen des Konsums, der Produktion und des Reisens".
Ein weiteres angesagtes Konzept ist der faire Handel. Es ist "in", seinen Kaffee, seine Schokolade und sogar seine Turnschuhe im fairen Handel zu kaufen. In den Regalen der Supermärkte und Kaufhäuser lernt der Verbraucher, dass die Nord-Süd-Beziehungen gerechter gestaltet werden müssen - Vereinigungen wie "Oxfam" oder "Artisans du Monde" vertreten diese Position seit Jahren.

Wachstumsverweigerer
Noch radikaler sind die Anhänger des "Antiwachstums". Sie fordern, aus der Wirtschaft auszusteigen, deren Grundlagen neu zu überdenken und so einfach zu leben wie möglich, ohne Konsum und unter Reduzierung der Produktion auf das Lebensnotwendigste. Die "Wachstumsverweigerer", wie sie sich gern selbst nennen, wollen die Wachstumsnotbremse ziehen und berufen sich auf den rumänischen Wirtschaftswissenschaftler und Mathematiker Nicholas Georgescu-Roegen (1906-1994).
Denn eine Tatsache ist heute schon fest im kollektiven Bewusstsein verankert: Die Ressourcen sind nicht unerschöpflich, und wir alle müssen unser Konsumverhalten überdenken.








Carine Feix

Erstellt: 23-10-08
Letzte Änderung: 29-10-08