ARTE: Beim Thema Erdölreserven wird von gesicherten, bestätigten und vorhandenen Ölreserven gesprochen. Was versteht man genau darunter?
Hans Georg Babies: Grundsätzlich wird unter Reserven die Menge eines Energierohstoffes verstanden, der mit großer Genauigkeit erfasst wurde und mit den derzeit technischen Möglichkeiten wirtschaftlich gewonnen werden kann. Im Gegensatz dazu versteht man unter Ressourcen die Mengen eines Energie-Rohstoffes, die entweder nachgewiesen, aber derzeit nicht wirtschaftlich gewinnbar sind, oder aber geologisch noch erwartet werden können. Die Reserven werden weiter nach ihrem Grad der Sicherheit unterteilt – in sichere, wahrscheinliche und mögliche Reserven. Dabei sind sichere Reserven mit dem geringsten und mögliche Reserven mit dem höchsten Risiko behaftet.

Offizielle Internetseite der BGR

Regional betrachtet, liegen ca. 62 % der Erdölreserven im Nahen Osten, das heißt in den Staaten am Persischen Golf und weitere 10 % am Kaspischen Meer und im westlichen Russland. Diese politisch nicht sehr stabile Region bezeichnet man auch als "Strategische Ellipse". Die OPEC-Staaten allein verfügen über fast 73 % der Reserven was ihre Sonderstellung für die künftige Versorgung - sprich: Abhängigkeit - mit Erdöl verdeutlicht. Die bereits heute häufig als Reserven deklarierten Mengen der Ölsande Kanadas, die die BGR weiterhin zu den nicht-konventionellen Erdölreserven rechnet, sind in der Tat enorm und würden Kanada bei gemeinsamer Betrachtung beider Ölklassen hinter Saudi Arabien auf Platz 2 'hieven'. Aber auch wenn die Förderkosten mit denen für konventionelles Erdöl vergleichbar sind, wird die Förderkapazität in absehbarer Zeit bis etwa 2015 einen Anteil von 5% an der Gesamtweltförderung nicht übersteigen, da sehr hohe Investitionen in kurzer Zeit getätigt werden müssen. Hinzu kommen Umweltprobleme wie hohe CO2 Emissionen und ein enorm großer Land-, Wasser- und Erdgasbedarf.
Es wird allgemein angenommen, dass der Rohstoff Erdöl nur noch ca. 45 Jahre ausreicht. Optimistischere Voraussagen vermuten große noch nicht entdeckte Erdölreserven. Wie stehen Sie zu dieser Annahme ?
Diese Angabe der so genannten "statischen Reichweite" liegt schon seit langem um die 40 Jahre. Für diese Voraussagen wird der letzte weltweite Jahresverbrauch durch die augenblicklich bekannten Reserven dividiert. Das führt in der Regel zu Missverständnissen, denn entweder glauben Menschen, dass es in diesem Zeitraum keine Probleme in der Ölversorgung gibt, oder aber man schließt, dass es am Tage danach überhaupt kein Erdöl mehr gibt. Beide Schlussfolgerungen sind falsch. Es wird auch in 100 Jahren noch Erdöl geben, bloss werden wir es dann wohl nicht mehr einfach in Motoren verbrennen können.
Allerdings ist die Auffindung und Förderung dieser Quellen mit noch größerem technischem und finanziellem Aufwand verbunden als bisher, was in den Preisen beim Endverbraucher zu spüren sein wird. Die Zeiten des billigen Erdöls sind eindeutig vorüber. Ein Anstieg der Ölpreise hat einerseits eine verstärkte Suche nach neuen Ölquellen zur Folge, lässt aber auch nicht-konventionelle Energierohstoffe wie kanadische Ölsande und alternative Energien wie Wind- und Sonnenenergie in 'wirtschaftliche' Zonen rutschen. Dabei darf die Umweltverträglichkeit natürlich nicht außer acht gelassen werden.
Erdöl wird nicht nur als Treibstoff verwendet – welche Rolle spielt diese Ressource tatsächlich in unserem Alltag und welche weiteren Konsequenzen würde das Verschwinden der Ressouce für uns bedeuten ?
Ca. 50 % - ca. 60 Millionen Tonnen pro Jahr - des Mineralöls, das in Deutschland verbraucht wird, wird als Treibstoff verwendet, also in Kraftfahrzeugen und Flugzeugen. Weitere 25 % als Heizöl und ca. 16 % - ca. 20 Millionen Tonnen pro Jahr - verbraucht die Kunststoff- bzw. die chemische-Industrie. Es ist davon auszugehen, dass Erdöl bevorzugt im Kraftstoffbereich nach und nach durch Alternativen ersetzt wird. Die Kunststoffindustrie kann heute schon zum Teil auf Erdgas als Ausgangsstoff zurückgreifen. Natürlich hätte das abrupte Ausbleiben von Erdöl verheerende Auswirkungen, doch da der Rückgang der Erdölproduktion über einen langen Zeitraum erfolgen wird, kann und muss man sich darauf einstellen. Deshalb wird ja heute schon über Alternativen intensiv nachgedacht.
Fragen: Catherine Knopf
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20.06.2006, ab 20.40 Uhr
Erdöl, das schwarze Gold
Themenabend, SWR






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