Immer war er vorne dabei. Als er seine Tochter und andere schwarze Kinder voller Angst, aber mit Gottvertrauen auf die Schule der Weißen schickte, vor bald einem halben Jahrhundert. Als die schwarzen Müllmänner von Memphis 1968 für ein bisschen mehr Lohn und viel mehr Gerechtigkeit streikten. Und auch, als der Mann starb, den er einen Propheten des 20. Jahrhunderts nennt, den Heroen der Bürgerrechtsbewegung: Martin Luther King. Billy Kyles, der Baptistenprediger, stand nur wenige Meter entfernt, als King auf dem Balkon des Lorraine Motels in Memphis die tödliche Kugel eines Attentäters traf. Es war der 4. April 1968.Vier Jahrzehnte ist das her. King wurde zu einer Ikone Amerikas. Sein Andenken wird immer wieder beschworen als Inbegriff der Wandlungsfähigkeit der amerikanischen Gesellschaft und ihres tief sitzenden Sinns für menschliche Gerechtigkeit, die am Ende über Gewalt und rassistische Borniertheit triumphiert. Das ist das Wunschbild.
Zehrend und oft mit großer Bitterkeit wird seither aber auch immer die Frage gestellt: Was ist denn wirklich geblieben vom Vermächtnis des großen Predigers, von seinem Traum eines Amerikas ohne Rassenbarrieren? Umso lauter stellt sich die Frage in diesem Jahr, da es erstmals denkbar ist, dass ein Schwarzer Chancen hat, ins Weiße Haus gewählt zu werden. Und umso lauter auch in einer Zeit, da die Ungleichheit in der amerikanischen Gesellschaft wuchert wie lange nicht mehr – eine Ungleichheit, die sich gerade und überdeutlich auch an der Farbe der Haut festmachen lässt.
„Den Träumer kann man töten. Nur seinen Traum wird man nicht auslöschen können“, sagt Billy Kyles, der Reverend, im leichten Singsang der Südstaaten, mit dem Predigertremolo in der Stimme. So hat einst auch Martin Luther King gesprochen. Kyles, ein schlanker, fast zerbrechlich wirkender Mann, sitzt im Empfangszimmer seines Gemeindezentrums. Die Wände sind tapeziert mit Plaketten und Medaillen, Zeitungsausschnitten und Erinnerungsfotos. Kyles und Mandela, Kyles und Bischof Tutu, und, in Schwarz-Weiß, Martin Luther King. Im nächsten Jahr wird Kyles ein halbes Jahrhundert Pastor der kleinen schwarzen Gemeinde am Parkway von Memphis sein. Heute, mit 73 Jahren, ist sein Haar lichter, der Oberlippenbart ist grau geworden. Reverend-Billy-Kyles-Boulevard nennen sie den Abschnitt der vierspurigen Straße ehrerbietig, an der seine Monumental Baptist Church liegt. Der Reverend ist eine Institution in Memphis. Und er ist der einzige unter den Veteranen der Bürgerrechtsbewegung der USA, der sagen kann, dass er an Martin Luther Kings Seite war, als dessen letzte Stunde schlug. Buchstäblich. Er hat die 60 Minuten vor dem Todesschuss mit King im Zimmer 306 des Lorraine Motels verbracht. Das Museum für eine Ideologie
Das Lorraine wurde seither zu einem Museum der Bürgerrechtsbewegung umgebaut. Der gelb-grün gestreifte Bus Nr. 2265 der Verkehrsbetriebe von Montgomery ist zu sehen, in dem Rosa Parks einst in den für Weiße reservierten Reihen sitzen blieb, und damit eine Massenbewegung wider die Rassendiskriminierung lostrat. An den Gitterstäben einer Gefängniszelle kann man rütteln, einer exakten Nachbildung der Zelle in Birmingham, aus der erst ein Anruf von Präsident John F. Kennedy persönlich Martin Luther King befreite. Und schließlich Zimmer 306, das King im Lorraine Motel bewohnte. Hinter einer dicken Glasscheibe ist alles so hergerichtet, als sei der Raum gerade erst verlassen worden. Eingefroren in der Zeit. Die rostrote Bettdecke ist aufgeschlagen, auf dem Nachttisch liegt eine schwarze Bibel und in den Aschenbechern türmen sich Kippen. Billy Kyles hat sich in all den Jahren Gedanken gemacht, über diesen Tag vor vier Jahrzehnten und über dessen Rolle in der Geschichte, in der Geschichte der Schwarzen in Amerika und überhaupt in der seines Landes. Acht Friedensnobelpreisträger hat er schon zu Zimmer 306 geführt: Nelson Mandela, Desmond Tutu und Michael Gorbatschow, Oscar Arias, Al Gore und Rigoberta Menchú, Jimmy Carter und Lech Walesa. Am eindrucksvollsten war wohl Mandela, der Freiheitsheld Afrikas. Er hatte Tränen in den Augen und sagte zu Kyles: „Immer wenn wir deprimiert waren und nicht mehr an unseren Sieg glaubten, haben wir an Martin Luther King gedacht. Das hat uns Mut gegeben.“ Und dann kommt Billy Kyles auf seine eigene Rolle zu sprechen. „Kreuzigungen brauchen Zeugen“, sagt er und breitet die Arme aus. Zeugen, die berichten, wie es wirklich war, die nichts hinzudichten und nichts verschweigen. „Deshalb war ich damals dabei. Um zu bezeugen, dass er gestorben ist auf dem Balkon in Memphis, Tennessee. Dass sein Traum aber fortlebt.“
Ein Vorbild für gewaltfreie Revolution
Dessen ist sich Kyles sicher. „Wenn Leute für gleiche Rechte kämpfen, dient ihnen Martin Luther King als Vorbild“, sagt er. Immer wieder, und nicht nur in Amerika: „Als die Berliner Mauer fiel, haben sie ‚We Shall Overcome‘ gesungen.“ Auch die Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking sangen die Hymne der Bürgerrechtsbewegung, als sie sich den Panzern in den Weg stellten. Und fast unmerklich fällt der alte Kämpfer vom Er ins Wir: „Er schaffte es, die Bewegung für Bürgerrechte zu einer Bewegung für Menschenrechte zu machen“, sagt Kyles und meint King. „So wurden wir ein Vorbild in aller Welt.“
Nein, das wollen sie sich nicht nehmen lassen, die Veteranen der Bürgerrechtsbewegung. Ihr Kampf war nicht vergebens, die Opfer waren nicht sinnlos. Auch Jesse Jackson, der damals auf dem Parkplatz des Motels auf King wartete und der heute als manchmal irrlichternder Wortführer der alten Garde auftritt, predigt: „40 Jahre danach sind wir eine bessere Nation geworden.“ Und Andrew Young, der King-Vertraute, der später zum Bürgermeister von Atlanta und zum UN-Botschafter seines Landes aufstieg, sagt: „Wir haben deutliche Fortschritte gemacht.“ Aber beide sagen auch, dass noch ein weiter Weg vor den Schwarzen Amerikas liegt. Nur zu Recht. Schwarze landen in den USA öfter im Gefängnis und erhalten längere Haftstrafen als Weiße. Sie verzeichnen eine deutlich höhere Rate an Schulabbrechern und Teenager-Schwangerschaften und haben eine kürzere Lebenserwartung. Die schwarze Mittelklasse steht unter starkem Druck: Fast die Hälfte aller Schwarzen, die 1968 in Familien mit einem Mittelklasse-Einkommen geboren wurden, sind heute verarmt. Bei Weißen sind es nur 16 Prozent.Die Rassentrennung ist gesetzlich aufgehoben. Im alltäglichen Leben aber gehen sich Schwarze und Weiße meist aus dem Weg. Nie ist das Rassenschisma in den USA besser zu erleben als sonntag morgens, wenn Amerikas Schwarze und Weiße zum selben Gott beten, in getrennten Kirchen. „Natürlich“, sagt Billy Kyles, „gibt es noch viel zu tun. Aber so viel ist geschehen in diesen 40 Jahren. Zum ersten Mal haben wir in den Vorwahlen Aussicht auf einen ernsthaften Kandidaten für das Präsidentenamt.“ Wenn man die Kandidatur Obamas als Maßstab nimmt, hat sich wirklich etwas getan. In Iowa haben sie ihn bei den Vorwahlen der Demokraten gewählt, in dem Bundesstaat der USA mit dem vermutlich geringsten Anteil an Schwarzen; selbst in South Carolina, im tiefsten Süden, haben bei dieser Vorentscheidung ein Viertel der Weißen für ihn gestimmt. „Wer, wenn er ehrlich ist, hätte gedacht, dass Obama so weit kommen würde?“, sagt Billy Kyles, der alte Kämpfer. „Ich glaube, nicht mal seine Frau Michelle.“
Von Reymer Klüver







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