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Managergehälter und Hungerlöhne

Immer mehr Beschäftigte sind zu Geringverdienern geworden. Die Gehälter von Topmanagern hingegen klettern in astronomische Höhen.

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Arm trotz Arbeit - 07/11/08

Die „Working Poor“

"Armut trotz Arbeitsstelle ist eine relativ neue Erscheinung, und sie ist viel schockierender als Armut aufgrund von Arbeitslosigkeit." Interview mit Jean-Luc Outin, Mitglied der französischen Beobachtungsstelle für Armut und soziale Ausgrenzung (ONPES).

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Was bedeutet heute der Ausdruck „Working Poor“?
Als „Working Poor“ werden Menschen bezeichnet, deren Einkommen die Armutsgrenze nicht übersteigt, obwohl sie zumindest während eines Teils des Jahres Arbeit hatten. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von „Einkommensarmut“.
Hierbei werden zwei Faktoren berücksichtigt: einerseits die Einkommenssituation, die von den Mitteln der Person abhängt, aber auch von ihrer familiären Lage (ist sie verheiratet, hat sie Kinder?). Es wird also untersucht, ob ihre finanziellen Mittel über der Armutsgrenze liegen. In Frankreich sind dies 880 Euro pro Monat für einen alleinstehenden Menschen. Jemand, der monatlich über 1000 Euro verfügt, gehört demnach nicht zu den „Working Poor“, wenn er allein lebt, wohl aber, wenn Kinder oder ein Ehepartner in seinem Haushalt leben.
Zweitens wird die Beschäftigungssituation der Person beachtet, d.h., wie lange sie innerhalb eines bestimmten Bezugszeitraums gearbeitet hat.
Jean-Luc Outin ist Forscher am Wirtschaftszentrum der Universität Paris I (Sorbonne) sowie am französischen Forschungszentrum CNRS und Mitglied der französischen Beobachtungsstelle für Armut und soziale Ausgrenzung (ONPES).

Wie lässt sich das Phänomen der Einkommensarmut heute messen und beziffern?
In Frankreich gilt eine Person als aktiv, wenn sie innerhalb der letzten zwölf Monate sechs Monate lang auf dem Arbeitsmarkt war und in diesen sechs Monaten mindestens einen Monat lang gearbeitet hat. Auf europäischer Ebene werden alle Personen berücksichtigt, die innerhalb eines Jahres mindestens sieben Monate lang einen Arbeitsplatz hatten. In Frankreich gibt es nach der französischen Definition 1,7 Millionen „Working Poor“; nach der europäischen Definition sind es 1,5 Millionen. (AdR: gemäß Eurostat sind europaweit 108 Millionen Arbeitnehmer in einer unsicheren Lage: 40 Millionen haben einen Teilzeit-Arbeitsplatz, 39 Millionen ein befristetes Arbeitsverhältnis, und 29 Millionen sind selbstständig tätig. Von diesen 108 Millionen Menschen gehören 35 Millionen zu den „Working Poor“.)

Was verbirgt sich heute hinter den Begriffen „Arbeit“ und „Mittel“?
Der Begriff „Arbeit“ bezieht sich auf die Situation einer auf dem Arbeitsmarkt aktiven Person: Diese hat entweder eine Arbeitsstelle, oder sie ist arbeitslos. Zu den „Working Poor“ können sowohl erwerbstätige Personen gehören als auch Erwerbslose, die Arbeitslosengeld beziehen.
Als „Mittel“ bezeichnet man die gesamten verfügbaren Ressourcen eines Haushalts – also z.B. das Einkommen aus einem Arbeitsverhältnis, aber auch Sozialleistungen wie Arbeitslosen- oder Kindergeld. Der Einfluss der Sozialleistungen ist beträchtlich: Ohne sie wäre die Armutsquote in Europa doppelt so hoch.

Welchen Einfluss hat die Zeitarbeit auf die unsichere Lage von zunehmend mehr Arbeitnehmern?
Einerseits kommt es zu einem Wechsel von Beschäftigung und Arbeitslosigkeit, d.h. die betreffende Person arbeitet nur einen Teil des Jahres. Darüber hinaus erhält ein Zeitarbeiter wenig oder kein Arbeitslosengeld, wenn er aufgrund der kurzen Beschäftigungsdauer keine ausreichenden Beitragszahlungen geleistet hat. Die Schutzmechanismen, die dem Arbeitnehmer über einen gewissen Zeitraum ein angemessenes Einkommen sichern sollen, können also nicht wirksam werden, was zwangsläufig negative Folgen für die finanzielle Lage des Haushalts hat.

Die Abgeordneten des Europa-Parlaments haben vor kurzem eine Richtlinie für Leiharbeit verabschiedet, die der ungleichen Behandlung von Leiharbeitern und Festangestellten ein Ende setzen soll. Wie ist Ihre Einschätzung dazu?
Dass Leiharbeiter und Festangestellte gleich behandelt werden sollen, ist sicher eine gute Sache, denn dadurch dürften beide Gruppen die gleichen Rechte erlangen, vor allem dann, wenn es um einen Arbeitsverlust geht. Es ist in der Tat sehr wichtig, dass Leiharbeiter und Festangestellte bei einem Arbeitsverlust äquivalente Ausgleichsleistungen haben.

Bietet eine Arbeitsstelle einen Mindestschutz gegen Armut?
Armut trotz Arbeitsstelle ist eine relativ neue Erscheinung, und sie ist viel schockierender als Armut aufgrund von Arbeitslosigkeit. Dennoch schützt eine Arbeit nach wie vor sehr viel besser vor Armut als Arbeitslosigkeit oder Inaktivität auf dem Arbeitsmarkt, selbst wenn der Schutz nicht mehr so wirksam ist wie früher. Der Unterschied ist bedeutend: Heute gehören 7 % der Arbeitnehmer zu den „Working Poor“, während 34 % der Arbeitslosen und 13 % der Inaktiven unter der Armutsgrenze leben.

Ist in Europa heute eine zunehmende „Walmartisierung“ zu beobachten?
Ja, sicherlich, und dies hat mehrere Gründe: zunächst die Unsicherheit der Arbeitsplätze, die zu einem Wechsel von Beschäftigung und Arbeitslosigkeit, Teilzeitarbeit u.ä. führt, aber auch die Tatsache, dass die Lohn- und Gehaltsentwicklung nicht mit dem Wirtschaftswachstum Schritt gehalten hat. Für manche Arbeitnehmer in bestimmten Sektoren ist daher das Risiko der Einkommensarmut besonders hoch.

Wie wirkt sich in Frankreich die bisher verfolgte Beschäftigungspolitik darauf aus?
Die bisherige Beschäftigungspolitik hat wahrscheinlich zur Entwicklung der Einkommensarmut beigetragen, denn sie hat im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit die Schaffung von Teilzeitarbeitsplätzen begünstigt. So entstanden Arbeitsplätze, die nicht immer ein Einkommen oberhalb der Armutsgrenze ermöglichen. Es ist bekannt, dass in Frankreich diese Entwicklung ab Anfang der 90er Jahre staatlich gefördert wurde.

Was ist von bereits bestehenden Maßnahmen wie dem Mindesteinkommen zur gesellschaftlichen Eingliederung (RMI) oder dem gesetzlichen Mindestlohn (SMIC) und von zukünftigen Schritten wie der Einführung des „aktiven Solidaritätseinkommens“ (RSA) zu halten?
Das Mindesteinkommen RMI ist ein Sonderfall, denn RMI-Empfänger können in bestimmten Fällen eine Arbeitsstelle ablehnen, wenn sie sich wegen einer zu geringen Stundenzahl nicht lohnt. Dennoch arbeiten manche Menschen, obwohl sie als Arbeitslose über dieselben Mittel verfügen würden.
Das so genannte „aktive Solidaritätseinkommen“ RSA kann die Entstehung von Teilzeitarbeitsplätzen mit sehr geringer Stundenzahl fördern. Es ist jedoch nicht sicher, ob es den Betroffenen später den Sprung auf bessere Arbeitsplätze ermöglicht, oder ob sie aufgrund der starken Aufsplitterung der Tätigkeitsbereiche auf dem Arbeitsmarkt langfristig unter der Armutsgrenze leben müssen.
Zwar werden RSA-Empfänger über mehr Mittel verfügen als derzeit beim RMI, doch dies bedeutet nicht, dass sie über die Armutsgrenze hinauskommen. Das RSA könnte also die Entwicklung der Einkommensarmut noch fördern.

Welche Lösungen gibt es heute für das Problem der Einkommensarmut? Soll man auf den freien Markt setzen, auf größere gesellschaftliche Solidarität oder auf ein stärkeres Eingreifen des Staates?
Das Eingreifen des Staates ist ein zweischneidiges Schwert, denn mit der Förderung von Teilzeitarbeit hat der französische Staat das Problem der Einkommensarmut eher noch verstärkt.
Selbstverständlich ist eine Verbesserung der Beschäftigungsbedingungen notwendig; auch mehr gesellschaftliche Solidarität und bessere Arbeitslosenunterstützung sind erforderlich, um einen besseren Schutz der Arbeitslosen in einem Kontext zunehmender Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt zu ermöglichen.
Hierdurch lässt sich der Anstieg der Zahl der „Working Poor“ eindämmen.

Interview: Alexis Fricker

Erstellt: 05-11-08
Letzte Änderung: 07-11-08