Durch den Einfluss menschlicher Tätigkeiten verschwinden alljährlich auf der Welt rund 27.000 Tier- und Pflanzenarten. Tausende andere weisen stark rückläufige Bestände auf oder sind vom Aussterben bedroht. Europa bleibt von dieser Entwicklung nicht verschont: 52 % der Süßwasserfisch- und 42 % der Säugetierspezies sowie 40 % der Reptilien- und Schmetterlingsarten und 15 % der Vogelarten sind in Gefahr! So sind z.B. der Iberische Luchs und die im Mittelmeer lebende Mönchsrobbe weltweit die bedrohtesten Tierarten innerhalb ihrer Gattung. Weiterhin sind in Europa nahezu 1.000 Pflanzenarten stark gefährdet bzw. nahezu ausgestorben. Diese Katastrophe hat vielfältige Ursachen, z.B. Zerstörung natürlicher Lebensräume durch Urbanisierung und Ausbau von Infrastrukturen, Klimawandel und Umweltverschmutzung, Überfischung und Entwaldung. Fatal für die einheimische europäische Flora und Fauna ist auch die Einführung so genannter „invasiver nichtheimischer Arten“ wie des Asiatischen Marienkäfers, des Amerikanischen Nerzes oder der aus Südamerika stammenden Wasserhyazinthe. Bei einer unlängst von der Europäischen Union (EU) in Auftrag gegebenen Studie wurden 10.670 solcher fremdländischen Spezies registriert; 15 % von ihnen haben erwiesenermaßen schädliche Auswirkungen auf Umwelt, Wirtschaft oder die menschliche Gesundheit.
Wissenschaftler fordern bereits seit Jahrzehnten wirksame politische Maßnahmen gegen die Zerstörung der Ökosysteme und den daraus resultierenden Rückgang der Biodiversität. Doch leider bislang ohne großen Erfolg, obwohl es an guten Vorsätzen nicht mangelt. 1992 wurden bei der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro (Brasilien) drei Abkommen geschlossen, darunter die Konvention der Vereinten Nationen über biologische Vielfalt. Dieser internationale Vertrag, der von 190 Ländern (darunter allen EU-Mitgliedsstaaten) ratifiziert wurde, befasst sich mit drei Bereichen: dem Erhalt der biologischen Vielfalt, dem nachhaltigen Umgang mit ihren Bestandteilen sowie dem Zugang zu genetischen Ressourcen und der gerechten Aufteilung der Vorteile, die sich aus ihrer Nutzung ergeben. Doch die Verpflichtungen, die auf diesem so genannten „Erdgipfel“ eingegangen wurden, waren schnell wieder vergessen. Zehn Jahre später fasste auf dem Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung in Johannesburg (Südafrika) der französische Staatspräsident Jacques Chirac die Lage in einem berühmt gewordenen Ausspruch zusammen: „Unser Haus brennt, und wir schauen weg.“ Die Gipfelteilnehmer verabschiedeten einen strategischen Plan mit dem Ziel, bis 2010 eine „signifikante Reduzierung der derzeitigen Verlustraten an biologischer Vielfalt“ zu erreichen, und zwar auf internationaler, nationaler und regionaler Ebene. Dies soll zum Kampf gegen die Armut in der Welt beitragen und allen Lebensformen auf der Erde zugute kommen. Doch die Situation verschlechtert sich weiterhin. 2005 ergab eine auf Anregung des UN-Generalsekretärs durchgeführte, großangelegte Studie („Millenium Ecosystem Assessment“), dass rund 60 % aller Leistungen, die von diversen Ökosystemen erbracht werden und ein Leben auf der Erde ermöglichen, bereits nicht mehr intakt sind oder zu intensiv genutzt werden. Deutschland als Vorreiter
Zwei Jahre vor Ablauf der in Johannesburg gesetzten Frist scheint das Erreichen der Ziele fraglich, wenn auch das Problembewusstsein ganz offensichtlich geweckt wurde. Deutschland, das 2007 den Vorsitz der G8 innehatte, brachte das Thema „biologische Vielfalt“ erneut auf die Tagesordnung der internationalen Politik. Beim Treffen der Umweltminister der G8 im Mai 2007 in Potsdam wurde eine gemeinsame Erklärung der G8+5*-Staaten im Hinblick auf 2010 verabschiedet: „Wir betonen die entscheidende Bedeutung der Erhaltung und nachhaltigen Nutzung der biologischen Vielfalt als einer unverzichtbaren Grundlage für die Bereitstellung lebenswichtiger Leistungen des Ökosystems und die langfristige Bereitstellung von natürlichen Ressourcen für die Weltwirtschaft.“
Ein Jahr später fand vom 19. bis zum 30. Mai am ehemaligen Regierungssitz Bonn die 9. Umweltkonferenz der Vereinten Nationen statt. Obwohl an dieser Konferenz 5 000 Experten und Delegierte aus 191 Ländern teilnahmen, hatte sie bei weitem nicht dieselbe internationale Resonanz wie der Weltklimagipfel in Bali (Indonesien) im Dezember 2007. Dennoch konnten klare Fortschritte erzielt werden. Auf Initiative Deutschlands soll ein Finanzierungsmechanismus für Schutzgebiete eingerichtet werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel setzte mit der Zusage von 500 Mio. Euro bis 2012 ein positives Zeichen. Und noch eine gute Nachricht gab es für unseren Planeten: Es sollen Schutzgebiete auf dem offenem Meer eingerichtet werden, wo bisher keinerlei Vorschriften gelten. Darüber hinaus wurde die Einrichtung einer Forschungsgruppe zur Artenvielfalt nach dem bewährten Modell des Weltklimarats (IPCC) beschlossen, der den Klimawandel erforscht und 2007 zusammen mit Al Gore den Friedensnobelpreis erhielt. Und schließlich wurde ein weiterer Schritt zur Erarbeitung eines völkerrechtlichen Vertrags über die Nutzung der biologischen Ressourcen vollzogen: Die teilnehmenden Staaten verabschiedeten einen Zeitplan, der 2010 zum Abschluss einer international verbindlichen Vereinbarung führen soll. Bei all diesen Themen ist größte Eile geboten, denn die Erde kann nicht länger warten!
Ingrid Bellot
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* Die G8-Staaten sind Deutschland, Kanada, die Vereinigten Staaten, Frankreich, Italien, Japan, Großbritannien und Russland. Zu den G8+5 gehören außerdem fünf Schwellenländer, und zwar Südafrika, Brasilien, China, Indien und Mexiko.






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