Pauline und Suzanne könnten unterschiedlicher nicht sein: Die eine ist Abiturientin, ein Kind aus gutem Hause, das im Schulchor singt und davon träumt, die spießigen Eltern zu verlassen und Sängerin zu werden. Suzanne dagegen ist gerade mal 22-jährig verzweifelt damit beschäftigt, ihre beiden Kinder durchzubringen. Als sich ihr Mann erhängt, flüchtet sie aufs Land zu ihren Eltern. Der Kontakt zu Pauline bricht ab. Zehn Jahre später, 1972, treffen die beiden Frauen einander per Zufall bei einer Demonstration in Bobigny wieder. Suzanne lebt mittlerweile mit ihren Kindern in Südfrankreich. Pauline ist Sängerin geworden und lebt mit ihrem persischen Freund Darius noch immer in Paris. Als die Tournee, die sie plant, wegen Geldnöten abgesagt wird, entscheidet sie sich, mit Darius in den Iran zu gehen. Erneut trennen sich die Wege der beiden, die - jede auf ihre Weise - um ihre weibliche Identität zu kämpfen haben. Suzanne gründet eine Frauenberatungsstelle und findet im geschiedenen Kinderarzt Pierre einen neuen Ehemann. Pauline, die das Leben als Hausfrau in Teheran schnell satt hat, geht auf Tournee durch Frankreich und singt: vom Leben als Frau, von Schwangerschaft, von Abtreibung. Bis die zwei Frauen sich 1976 ein drittes Mal wiedersehen."Man wird nicht als Frau geboren, man wird es". Dieser Satz Simone de Beauvoirs gibt den Ton vor in Agnes Vardas "Die eine singt, die andere nicht". In der Geschichte um zwei sehr unterschiedliche Freundinnen steht von Anfang an das Frausein in all seinen Facetten im Vordergrund. Dabei verarbeitet Varda die Erfahrungen der 60er Jahre nicht in realistischer Manier, sondern wechselt häufig Stil und Tonart und gibt den Gesangseinlagen ihrer Hauptfigur Pauline viel Raum. Es geht ihr weniger um die präzise Aufarbeitung gesellschaftlicher Prozesse, als vielmehr um die poetische Verdichtung eines Lebensgefühls, das von der flirrenden Wärme und Sympathie für die Protagonisten geprägt ist.
Jahrgang 1928, entwickelt sich Varda im Laufe ihrer Karriere zu einer Schlüsselfigur des modernen Films und gilt heute als eine der renommiertesten weiblichen Filmemacher überhaupt. Die "Großmutter der Nouvelle Vague" dreht mit 26 Jahren ihren ersten Spielfilm "La Pointe Courte" (1954). In den Hauptrollen sind Philippe Noiret und Silvia Montfort zu sehen, als Cutter arbeitet ein junger Mann namens Alain Resnais. 1961 dreht Varda "Mittwoch zwischen 5 und 7", der in Cannes im Wettbewerb steht, 1964 "Glück aus dem Blickwinkel des Mannes". 1982 gewinnt sie einen César für ihren Kurzfilm "Ulysse", 1985 den Goldenen Löwen in Venedig für "Vogelfrei". Bis heute ist Varda aktiv als Filmemacherin tätig und hat sich mit "Der Sammler und die Sammlerin (2000), "Zwei Jahre danach" (2002) und "Die Witwen von Noirmoutier" (2006) verstärkt dem Dokumentarfilm gewidmet. Insgesamt umfasst ihr Werk über 30 Filme.
Der französische Kritiker Jean Douchet nennt Varda einmal einen "weiblichen Ingmar Bergmann". Zwischen dokumentarischem Realismus und poetischer Fiktion kreiert sie einen eigenwilligen Filmstil, in dem Bilder und Montage ihre eigenen Geschichten erzählen. Ihre Filme sind stets von einem starken sozialen und politischen Anliegen geprägt, immer engagiert Varda sich für die Emanzipation und ein neues Frauenbild. "Wenn alle Frauen einmal aufwachen werden, wird das fantastisch sein, dann kommt die große Veränderung. So wie die Druckkunst, der Marxismus oder Freud."
Zu der Produktion von "Die eine singt, die andere nicht" sagt Varda selbst, dass der Film unter großen Anstrengungen entstanden sei: "Ich hatte nachgedacht, und es gab nur zwei Lösungen: entweder das «Starsystem» zu akzeptieren und mit Berühmtheiten zu arbeiten oder selbst zu produzieren. Die zweite Lösung ist offensichtlich die einzig mögliche, um frei und uneingeschränkt das machen zu können, was mir am Herzen liegt. Ich brachte sechs Monate damit zu, Geld aufzutreiben, sechs Monate, um die Verträge aufzusetzen und zu unterschreiben. Das Negative daran war der enorme Energieverschleiß, weil man die Arbeit als Produzent und die kreativen Aktivitäten unter einen Hut bringen muss. Das Positive ist die Freiheit, die man bei der Arbeit hat, und der großartige Teamgeist, weil es keine Hierarchie, keine Trennung zwischen Kapital und Arbeit gibt: Es ist eine Art Selbstverwaltung, die alle in einem gemeinsamen Projekt zusammenschweißt."






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