1984 hatte Philip Gröning die Idee, einen Dokumentarfilm über den Schweigeorden zu drehen. Damals erklärte man ihm, es sei zu früh. Der gute Kontakt zum Prior riss jedoch nicht ab. 15 Jahre später kam der Anruf aus dem Kloster, ob noch Interesse vorhanden sei. Die Auflagen waren streng: kein zusätzliches Licht, kein Kommentar, keine Interviews, keine Aufnahmen aus anderen Zusammenhängen, keine zusätzliche Musik, außer den Gesängen der Mönche.
Mehrere Monate hat Gröning über ein Jahr hinweg im Kloster gedreht und gelebt - in einer Zelle, wie alle anderen. Er hat teilgenommen an diesem unglaublichen Gleichgewicht zwischen Einsiedlertum und Gemeinschaft. Nur der Lauf der Zeit, der Wechsel der Jahreszeiten und das sich immer wiederholende Element des Tages: das Gebet.
Aber wie filmt man beten? Indem man Mönche bei dieser Tätigkeit zeigt. In langen Nahaufnahmen, immer wieder. Es stellt sich auch beim Betrachter eine große Ruhe ein. Betrachten als Gebet? Philip Gröning hat sich viel Zeit genommen. Zeit für die Hand, die die Seite eines Gebetbuches umblättert. Zeit für die Hand, die den Gewandstoff schneidet, ihn glatt streicht. Zeit für Bruder Benjamin, den jungen schwarzen Novizen, der lernen muss, sich einzufügen in den immer gleichen Tagesablauf. Zeit für das Gespräch mit dem alten blinden Mönch über das Leben im Glauben ohne Angst.
Nach einem Jahr verließ Philip Gröning mit 200 Stunden Material das Kloster. Wie soll der Dokumentarfilm nun aussehen? Welche Struktur soll er haben? Zweieinhalb Jahre dauert der Schnitt. Gröning hat seinen eigenen Rhythmus und lässt sich von niemand drängen. Die grobe Struktur bilden die Jahreszeiten, der Schnitt ist intuitiv. Dann folgen 14 Tage Mischung, um das nicht Hörbare hörbar zu machen.
"Die große Stille" ist eine strenge, fast stumme Meditation über klösterliches Leben in seiner reinsten Form. Erst in der Stille beginnt man zu hören. Erst wenn die Sprache verstummt, beginnt man zu sehen.
ZUSATZINFORMATION
Philip Gröning, 1956 geboren, wuchs in Düsseldorf und in den USA auf. Er studierte Medizin und Psychologie, bevor er sich 1982 ganz dem Filmemachen und dem Studium an der HFF in München zuwandte. Eine Auswahl aus seinen Filmen: "Sommer" (1986), "Die Terroristen" (1992), "Opfer. Zeugen" (1993), "L'amour, l'argent, l'amour" (2000) sowie Habillage/Miniaturen zum ARTE-Themenabend "Witwen".
"Die große Stille" wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bayerischen Filmpreis, dem Preis der deutschen Filmkritik, dem Spezialpreis der Jury beim Sundance Festival, dem Preis der Jury für den besten Dokumentarfilm im internationalen Wettbewerb des Festivals von São Paulo/Rio de Janeiro, dem Deutschen Kamerapreis, den Flaiano-Preisen in Pescara für die beste Kamera und den besten Film, mit dem Europäischen Filmpreis sowie dem Spezialpreis der Jury beim Festival Rhône-Alpin. Seit dem Kinostart im November 2005 haben mehr als eine Million Menschen den Film in Europa im Kino gesehen.
Sehen und lesen sie zwei Interviews mit Philip Gröning, Regisseur von "Die große Stille"






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