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Bogdan Bogdanović - 26/05/07

Die grüne Schachtel

Über Jahre hinweg hat der serbische Intellektuelle und Milosević-Kritiker Bogdan Bogdanović Träume und Gedanken aufgeschrieben und sie in einer Schachtel vor der Selbstzensur geschützt. Nun öffnet er „Die grüne Schachtel“ und lässt seine Leser darin stöbern.

Wem gehören meine Träume? Wer bringt sie mir ins Gedächtnis? Gibt es Träume ohne Bilder? Bogdan Bogdanović hat viel geträumt. Als Architekt in Titos Jugoslawien, später als Professor für Architektur an der Belgrader Universität und von 1982 bis 1986 als Bürgermeister von Belgrad. Nach seinem offenen Brief von 1987 an den Parteisekretär des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens (BDKJ) Slobodan Milosević, in dem er dessen nationalistische Bestrebungen scharf kritisierte, wurde er von den Nationalisten zum „Volksfeind“ deklariert und quasi zum Abschuss freigegeben. Jahrelang, bis zur Flucht ins österreichische Exil 1993, lebte Bogdanović mit seiner Frau zusammen verbarrikadiert im eigenen Haus und fand Zuflucht in seinen Träumen.

Experiment und Zeugnis
In den letzten Jahren vor sowie während der blutigen Bruderkriege im ehemaligen Jugoslawien zeichnete der 1922 in Belgrad geborene serbische Intellektuelle Träume und Gedanken auf und steckte sie in eine mit grüner Tapete beklebte Waschmittelschachtel, um sie vor seiner Selbstzensur zu schützen. Vielleicht war es anfangs nur ein spielerisches Experiment, wie die vielen, die der leidenschaftliche Urbanist und Leiter der „Dorfschule für Philosophie der Architektur“ in dem kleinen Ort Mali Popović bei Belgrad mit seinen Studenten durchführte. Wieder ans Tageslicht geholt, gibt der Inhalt der „grünen Schachtel“ ein Zeugnis des Innersten dieses Mannes, der vom beliebten und verehrten Erbauer antifaschistischer Denkmäler zum verfemten Kritiker seiner Heimatregierung wurde. Als Bogdanović nach sechs Jahren der Anfeindungen und der Todesangst keinen anderen Ausweg mehr sah als das Exil, brach er die Kiste auf, um die kleinen Zettelchen ungehindert mitnehmen zu können – verstreut zwischen Buchseiten, Kissen und Pfannen. Jahre später, im Wiener Exil, suchte er die undatierten Notizen zusammen und sortierte sie akribisch, um sie schließlich im Wiener Zolnay Verlag unter knallgrünen Buchdeckel wieder zusammenzubringen.

Surreale Traumbilder
Der abenteuerlustige Leser kann nun selbst in dieser „grünen Schachtel“ herumwühlen und gemeinsam mit dem Autor über die Bedeutung der teils banal, teils bedrohlich erscheinenden und oftmals kryptischen Traumschnipsel rätseln. Er kann die Interpretationen des Träumers annehmen oder sich auch eigene schaffen. „Die grüne Schachtel“ ist ein Buch zum Stöbern. Wer einen direkten Zugang zum Leben des serbischen Intellektuellen bekommen und mehr über seine Arbeit, zum Beispiel an seiner „Dorfschule für Philosophie der Architektur“ in Mali Popović, erfahren will, der sollte wohl eher auf seine 1997 unter dem Titel „Der verdammte Baumeister“ erschienenen autobiografischen Aufzeichnungen zurückgreifen. Wer sich auf das Betrachten surrealer Traumbilder einlassen und ihren Autor über diese erschließen mag, der öffne „Die grüne Schachtel“.


Rezension von Maike van Schwamen

Erstellt: 21-03-07
Letzte Änderung: 26-05-07