05/02/09
Die jüdische Gemeinde Straßburg
Kurzer historischer Abriß
Das Leben der jüdischen Gemeinde Straßburg ist eng verwoben mit der Geschichte des europäischen - uns insbesondere des elsässischen - Judentums. Leiden und Verfolgung blieben der Straßburger Gemeinde nicht erspart; eine Zeit lang gab es sie überhaupt nicht mehr, bis sie schließlich neu entstand. Daher beinhaltet der folgende chronologische Überblick auch Ereignisse, die nicht die Gemeinde selbst betrafen, für sie aber äußerst folgenreich waren.
1150-1349:
Die erste jüdische Gemeinde in Straßburg
5. - 10. Jahrhundert
Bereits seit einigen Jahrhunderten leben im Rheinland Juden, ab dem 5. Jahrhundert vor allem in Köln.
Mitte des 12. Jahrhunderts
Es gibt Belege für die Präsenz einer jüdischen Gemeinde in Straßburg. Es ist davon auszugehen, dass Juden während des 2. Kreuzzugs Verfolgungen zum Opfer fielen und Zuflucht in Straßburg gesucht hatten. Ab dieser Zeit nimmt der Wohlstand der Stadt Straßburg zu, was auch der jüdischen Gemeinde zugute kommt.
12. und 13. Jahrhundert
Die ebenfalls wachsende Macht der Kirche und der Städte führt dazu, dass die Juden ihrer Bürgerrechte beraubt und aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen werden. Sie dürfen weder den Boden bewirtschaften noch Handwerksgilden beitreten. Demzufolge weichen sie auf kaufmännische Berufe oder Geldverleih aus.
1241
Die Juden in Straßburg entrichten jährlich Steuern in Höhe von 200 Mark an den Kaiser - ein Zeichen großen Wohlstands. Damit wird die jüdische Gemeinde Straßburg zur wohlhabendsten des gesamten Kaiserreichs.
1245
Schaffung des Rheinischen Städtebunds, dem auch Straßburg angehört. Es wird urkundlich erwähnt, dass sowohl ansässigen als auch durchreisenden Juden Friede garantiert wird. Dieser Friede kann jedoch leicht von einem Volksaufstand oder einer falschen Anschuldigung zu Fall gebracht werden.
Sommer 1306
Von Philipp dem Schönen aus dem Königreich Frankreich vertrieben, strömen massenhaft jüdische Einwanderer ins Elsass.
1349
Schicksalsträchtiges Datum in der Geschichte der jüdischen Gemeinde Straßburg sowie für das gesamte elsässische Judentum: Das Elsass wird von der Pest heimgesucht. Die Juden scheinen weniger von der Seuche als die übrigen Elsässer betroffen. Ihre rituellen Waschungen und damit eine gewisse - bei Nicht-Juden noch unbekannte - Hygiene, der Verzicht auf Schweinefleisch, die sofortigen Bestattungen der Toten - an Erklärungen für dieses Phänomen fehlt es nicht. Doch Gerüchte beginnen zu kursieren und man beschuldigt die Juden der Brunnenvergiftung. Sie werden vor Gericht gestellt, zu Tode verurteilt und massakriert. Die vehementesten Kläger sind diejenigen, die Geldschulden bei den Juden haben. Dies zeigt, dass viele Verbrechen, denen Juden im Lauf der Geschichte zum Opfer fielen, auf materiellen Neid und Habgier zurückzuführen sind.
Die jüdische Gemeinde Straßburgs wurde damit zerschlagen - eine Situation, die lange Zeit nicht wieder rückgängig zu machen war.
Mitte des 14. Jahrhunderts - 1767
Ein ländliche geprägtes Judentum. In Straßburg gibt es keine jüdische Gemeinde mehr
1368
Die Juden - besonders sechs Straßburger Familien - versuchen, in den Städten erneut Fuß zu fassen. Sie eignen sich wieder ihre Synagoge und ihren Friedhof an. Diese Bewegung ist jedoch nicht von Dauer. Im Jahr 1388 werden die inzwischen 25 in Straßburg wohnhaften Familien aus der Stadt vertrieben. Fast vier Jahrhunderte lang bleiben die Juden der Stadt fern, und das nicht nur in Straßburg. Auch andernorts werden die Juden nach und nach aus den Städten vertrieben. Die einzige Ausnahme bildet Hagenau, wo ihre Präsenz durchgängig belegt ist. In den Städten gibt es keine jüdischen Gemeinden mehr. Die elsässischen Juden gründen Gemeinden auf dem Land.
15. - 17. Jahrhundert
Die Juden leben in kleinen, ärmlichen Gemeinden auf dem Land. Sie ziehen so nah wie möglich an die Städte heran. Die bedeutendsten jüdischen Gemeinden in dieser Zeit sind Bischheim, Rosheim und Westhoffen - allerdings sind sie auch die ersten Opfer in Kriegszeiten, bei Invasionen und Revolten.
Um 1600
Das Elsass zählt nur noch ca. hundert jüdische Familien.
1618 - 1648 Dreißigjähriger Krieg
Juden, die überwiegend aus dem badischen Raum kommen, strömen ins Elsass. Sie beliefern die Armee mit Pferden, Tierfutter oder Getreide, was ihnen die Unterstützung der Heeresführung garantiert. Die Gemeinden, die sie aufnehmen, profitieren finanziell von ihrer Anwesenheit. Das vom Krieg verwüstete Elsass muss wieder aufgebaut werden. Die Voraussetzungen für einen Neubeginn sind günstig.
1648
Infolge des Westfälischen Friedens wird das Elsass französisch. Die Juden haben jedoch keinerlei Bürgerrechte im Königreich Frankreich.
1657 - 1674
Die Lage bessert sich. Durch königliche Beschlüsse und eine Verordnung wird offiziell die Anwesenheit von Juden im zum Königreich Frankreich gehörigen Elsass anerkannt.
1681
Schaffung des Rabbinats der Juden im Elsass.
Beginn des 18. Jahrhunderts
Im Elsass leben ca. 1300 jüdische Familien.
1767 Cerf Berr in Straßburg - Rückkehr der Juden nach Straßburg
Im Jahr 1767 gibt es immer noch keine jüdische Gemeinde in Straßburg, als ein Mann namens Cerf Berr in die Stadt zieht.
Cerf Berr, 1726 in der Pfalz geboren, ist ein gebildeter, dynamischer Mann, der der religiösen Tradition tief verbunden ist. Als Geschäftsmann gewährleistet er den im Elsass stationierten Garnisonen den Nachschub an Verpflegung und Pferden. Dank dieser unentbehrlichen Dienste darf er sich den Verboten zum Trotz - Juden dürfen keinen ständigen Wohnsitz in der Stadt haben - im Jahr 1767 mit seiner Familie in Straßburg niederlassen. Er wird zum ständigen Vertreter der "jüdischen Nation im Elsass" bei den staatlichen Stellen.
Sein Wirken trägt Früchte, und die Lebensbedingungen der Juden verbessern sich. Es ist anzunehmen, dass er an der Ausarbeitung der Maßnahmen vom 10. Juli 1784 beteiligt war, die den Juden im Elsass das Recht geben, andere Berufe zu ergreifen. Cerf Berr stirbt 1793, im Alter von 67 Jahren.
Kurz vor der Revolution
Zu dieser Zeit leben im Elsass zwischen 20 000 und 25 000 Juden, die 3% der Gesamtbevölkerung dieser Provinz, und 50% der gesamten jüdischen Bevölkerungszahl des französischen Königreichs ausmachen.
19. - 25. Mai 1789
37 Delegierte treffen in Straßburg zusammen und redigieren ein Heft der "Beschwerden und Wünsche der jüdischen Nation im Elsass".
27. September 1791
Gleichstellungsdekret der Juden in Frankreich. Damit werden den Juden im Elsass dieselben Rechte und Pflichten wie ihren christlichen Nachbarn verliehen. Bei den Elsässern, die einer Emanzipation der Juden generell ablehnend gegenüber stehen, stößt das Dekret auf Widerstand. Aber auch bei den Juden stiftet das Dekret eine gewisse Verwirrung, da die Gleichstellung an die Bedingung geknüpft ist, dass die Juden auf ihren Gemeindestatus verzichten. Man muss diese Forderung im Kontext der französischen Revolution sehen: Frankreich strebte eine Vereinheitlichung an und wollte regionale Besonderheiten abschaffen, zu denen auch die jüdische Sonderstellung gezählt wurde.
19. Jahrhundert
Neuentstehung der jüdischen Gemeinde Straßburg.
1808
Napoleon erließ Verordnungen, die das wirtschaftliche Leben der Juden im Elsass regelten, Konsistorien organisierten und den Zivilstand einführten. Diese Verordnungen waren jedoch heftig umstritten, da sie in gewisser Hinsicht die Errungenschaften der Gleichstellung infrage stellen.
1815 - 1848
Restaurationsmonarchie und ab 1830 Juli-Monarchie. Es tritt eine Verbesserung der Lebensbedingungen des französischen Judentums ein.
Die nach Straßburg zurückgekehrten Juden treffen sich in dem während der Revolution als Theater genutzten "Poêle des drapiers" zum Gebet. 1834 wandeln sie ein verlassenes Kloster in der Rue Saint-Hélène Nr. 14 zur Synagoge um.
1831
Louis-Philippe erlässt eine Verordnung, die den israelitischen Kultus dem christlichen Gottesdienst gleichstellt: Die Gehälter der Rabbiner und anderer religiöser Amtsträger werden vom Staat übernommen. Der Aufschwung der elsässischen Gemeinden im 19. Jahrhundert ist auf diese Verordnung zurückzuführen.
1848 Revolution
Eine Schwächung der zentralen Autorität war insofern schon immer schlecht für die Juden, als eine unterschwellig vorhandene Feindseligkeit im allgemeinen Chaos ungestraft zum Ausbruch kommen kann. In fast 60 elsässischen Ortschaften kommt es zu Ausschreitungen gegen Juden.
1852 - 1870 Zweites Kaiserreich
Die unter der Juli-Monarchie begonne Entwicklung setzt sich fort: im Elsass entstehen mehr und mehr Synagogen. Von 256 Synagogen, die zwischen 1791 und 1914 auf französischem Grund und Boden existieren, sind 176 elsässisch, was knapp 70% der Gesamtzahl entspricht. Das ländliche Judentum erlebt zu dieser Zeit seinen Höhepunkt doch die größeren Städte ziehen immer mehr jüdische Bürger an.
1870 - 1871
Preussisch-französischer Krieg, der mit der Annexion des Elsass und eines Teils Lothringens durch Deutschland endet, und in dessen Zuge Deutschland seine Vereinigung vollzieht.
Zahlreiche Juden verlassen das Elsass, um sich in "innerfranzösischen" Departements, in Nordafrika oder sogar in Amerika niederzulassen. Diese Abwanderung hat zwei wesentliche Konsequenzen: 1.) Das Pariser Judentum erfährt durch die Zuwanderung einen enormen Aufschwung; 2.) Im Elsass verstärkt sich die Landflucht. Straßburg, Colmar und Mülhausen gewinnen als jüdische Zentren an Bedeutung.
1898
Die stark gewachsene jüdische Gemeinde Straßburg errichtet eine Synagoge am Quai Kleber. Das im neoklassizistischen deutschen Baustil der Epoche gebaute Gotteshaus kann 1639 Gläubige aufnehmen.
Ende des 19. Jahrhunderts
Der Wohlstand lockt Juden aus Mittel- und Osteuropa an, die in ihrer Heimat Opfer eines unaufhörlich wachsenden Antisemitismus werden. Diese vor dem Elend und mörderischen Pogromen flüchtenden Juden strömen immer zahlreicher ins Elsass. Dabei handelt es sich allerdings nur um eine erste Welle der Einwanderung, die das Leben der jüdischen Gemeinden im Elsass im neuen Jahrhundert umso stärker prägen wird.
20. Jahrhundert
Drastische Umwälzungen
1919 - 1939
Die politischen Umbrüche in Mittel- und Osteuropa lösen eine zweite Einwanderungswelle aus. Eine Volkszählung aus dem Jahr 1931 belegt, dass 39% der jüdischen Einwohner Straßburgs fremder Herkunft sind. Diese Entwicklung verstärkt sich ab dem Jahr 1933 mit der Machtübernahme durch die Nazis und der darauf folgenden Auswanderung zahlreicher deutscher Juden.
Die Mentalitätsunterschiede zwischen den elsässischen Juden und den Juden Mittel- und Osteuropas, die seit so vielen Jahrhunderten entwurzelt gelebt haben und sich gegen eine Integration nach Regeln, die sich nicht verstehen, sträuben, führen zu heftigen Spannungen. Ihre chronische Erwartungshaltung überfordert die traditionellen Solidaritätsmechanismen der elsässischen jüdischen Gemeindschaft. Das Anderssein der Zugezogenen - ihre auffällige und armselige Kleidung - ist den elsässischen Juden außerdem viel zu offensichtlich, da diese sich mehr denn je auf Integrationskurs befinden. Mit Argwohn beäugen sie diese Menschen, die nicht in die Regionen jenseits der Vogesen weiterziehen möchten, weil dort kein Jiddisch mehr gesprochen wird. Kurz gesagt: Die elsässischen Juden sind dem so genannten "polnischen Judentum" im Allgemeinen nicht wohlgesonnen.
Deutsche Juden sind zu dieser Zeit auch nicht viel besser angesehen. Einige sehen in ihnen sogar Konkurrenten, vor allem, wenn sie als Kaufleute tätig sind. Freddy Raphaël schrieb: "Eine große Anzahl von Juden im Elsass frönen einem chauvinistischen Patriotismus, über dem sie ganz vergessen, dass auch sie Juden sind. In dem Wort "Ashkenes" (deutscher Jude) schwingt eine ebenso negative Konnotation mit wie in "boche", der abwertenden Bezeichnung der Franzosen für die Deutschen; dies drückt eine tiefe Verachtung aus."
1939
Am 2. Juli wird René Hirschler zum Oberrabbiner des Départements Bas-Rhin in Nord-Elsaß. Er tritt damit die Nachfolge von Isaïe Schwartz an, der am 8. März 1939 zum Oberrabbiner von Frankreich gewählt wurde.
Am 3. September erklärt Frankreich Deutschland den Krieg. 15 000 Juden aus dem Raum Elsass-Lothringen treten die Flucht an.
1940 - 1945
Am 3. Oktober 1940 wird von der Vichy-Regierung die Rechtsstellung der Juden verkündet, d.h. deren Ausschluss aus der französischen Gesellschaft.
Am 12. September wird die Synagoge am Quai Kleber von den Nazis ausgebrannt und anschließend dem Erdboden gleichgemacht.
Von den 20 französischen deportierten und verschollenen Rabbinern - unter ihnen René Hirschler - kamen 11 aus dem Elsass, woher sie ursprünglich stammten oder wo sie ihr Amt ausgeübt haben. Von den 25 verschollenen Predigern erlitten 21 das gleiche Schicksal.
1945 - 1960
Es entsteht wieder jüdisches Leben: Die elsässischen Juden kehren in die Heimat zurück. Aber das ländliche Judentum, das bereits vorher im Rückgang begriffen war, erlischt endgültig. Die älteren Generationen kehren in ihre Dörfer zurück, die jüngeren ziehen das Leben in der Stadt vor. Das elsässische Judentum wird von nun an ein rein städtisches.
Am 23. März 1958 wird die neue Synagoge an der Avenue de la Paix, die nach den Plänen des Architekten Claude Meyer-Levy gebaut wurde, eingeweiht.
1962
Nach dem Krieg und dem Holocaust begann man, umzudenken. Es gab keine zweite "verpasste Begegnung", wie Freddy Raphaël das Aufeinandertreffen der jüdischen und osteuropäischen Juden bezeichnet. Am Ende des Algerienkriegs strömten massenhaft Sephardim-Juden aus Nordafrika ein. Sie wurden brüderlich aufgenommen. Die unterschiedlichen Mentalitäten geben zwar Anlass zu geringfügigen Meinungsverschiedenheiten, aber durch ihr herzliches und einnehmendes Wesen stoßen die Neuankömmlinge auf Akzeptanz. Die Integration verläuft erfolgreich.
Heute
Die jüdische Gemeinde Straßburg, als öffentliche Einrichtung gegründet, umfasst 2000 Familien. 60% dieser Gemeinde sind Ashkenasim, zum Großteil Elsässer, 40% sind Sephardim.
Von Pascale Cornuel, ARTE.
Erstellt: 30-01-09
Letzte Änderung: 05-02-09