Kritik: Gefroren sind nicht nur die Landschaft und das Meer in Baltasar Kormákurs isländischem Familien-Melodram, sondern auch das Binnenklima einer Fischer-Dynastie, die es in zurückliegenden goldenen Zeiten einmal zum größten Heringslieferanten einer isländischen Stadt gebracht hat. Doch in Zeiten zurückgehender Fischbestände und schwimmender Dorschfabriken, in denen die Gewinnspannen für Traditionsbetriebe eng geworden sind und kleine Fischkutter mit Abrissbirnen zertrümmert werden, bricht nicht nur eine uralte Tradition weg, sondern auch eine Familie auseinander.
Das aber hat bei Kormákur weniger mit Fangquoten, als mit unausgesprochenen Familienzwistigkeiten zu tun. Haufenweise stapeln sich im überdimensionierten Familiensitz und den umliegenden Häusern der Verwandten die „Leichen“ im Keller – der in Paris weilende Lieblingssohn ist kein ehrgeiziger Student, sondern gibt die monatliche Apanage des Vaters als Musiker aus, der zweite Sohn ein Schwächling mit einer alkoholkranken Ehefrau, die Tochter ein totgeschwiegenes Vergewaltigungsopfer. Und dazu ist Thordur auch noch mit der Schwester der verstorbenen Ehefrau und Mutter der drei Kinder verheiratet. Kein Wunder, dass so viel angestaute Lügen bald alle Dämme familiärer Etikette brechen, um die es im rauen Island ohnehin nicht zum besten bestellt ist.
In Thordurs Haus geht es beinahe so unappetitlich zu wie in Thomas Winterberg „Das Fest“, aber auch weniger subtil. Ziemlich ungeschminkt sagt man sich alsbald die Wahrheit und da an allen Fronten gleich extrovertiert gestritten wird, droht in der Folge der melodramatische Overkill. Kormákur rettet sich in den Galgenhumor – je lauter man sich prügelt und streitet, desto komischer wirken die beteiligten Akteure trotz aller dramatischen Konsequenzen für ihr Privatleben. So reinigend sein feuriger Gewittersturm für diese isländische Familie auch sein mag, so richtig warm ums Herz wird es einem in „Die Kalte See“ nie.
Martin Rosefeldt
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Die kalte See
Regie & Drehbuch: Baltasar Kormákur
Darsteller: Gunnar Eyjolfsson, Hilmar Snaer gudnason, Hélène Gugerolles u.a.
Island/Frankreich/Norwegen, 2002, 109’






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