In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 heißt es unmissverständlich: „Niemand darf in Sklaverei oder Leibeigenschaft gehalten werden; Sklaverei und Sklavenhandel sind in aller Form verboten.“ Damals gab es durchaus noch Staaten, in denen Sklaverei legal war: Erst 1949 wurde sie in Kuwait abgeschafft, 1952 in Katar, 1962 im Jemen und gar erst 1970 in Oman. Heute gibt es zwar keine Sklaverei mehr in dem Sinn, dass ein Mensch vor dem Gesetz Eigentum eines anderen Menschen ist. Doch gibt es andere Formen vollständiger Abhängigkeit, die keineswegs humaner sind. Auf dem indischen Subkontinent hat sich die Sklaverei vor allem in Form der Schuldknechtschaft erhalten. Dabei werden die Schulden von Generation zu Generation weitergegeben und können nicht durch Arbeit abgeleistet werden. Da der Schuldner lediglich Naturalien oder ein kleines Stück Land zur Nutzung als Gegenleistung erhält, ist eine Rückzahlung praktisch unmöglich.
Ein weiterer Schwerpunkt der Sklaverei ist weltweit die Prostitution von Kindern. Meist werden diese von ihren Eltern aus Geldnot verkauft; wehren sie sich, werden sie von den Bordellbetreibern so lange vergewaltigt und geschlagen, bis sie sich in ihr Schicksal fügen... So berichtet Kevin Bales von einem 15-jährigen Mädchen namens Siri, das jeden Morgen mit Schmerzen im Genitalbereich aufwacht. Diese Schmerzen erinnerten sie „an die 15 Männer, mit denen sie in der vergangenen Nacht Sex hatte“. 35.000 Mädchen wie Siri soll es in dem südostasiatischen Land geben. Thailand hat die höchste HIV-Rate in der Welt. Erkrankt ein Mädchen, wird es von dem Bordellbetreiber auf die Straße gesetzt. In der Regel kehren diese Frauen dann in ihr Heimatdorf zurück – um zu sterben.
Und während in der Antike und auch im Amerika des 19. Jahrhunderts ein Sklavenhalter in der Regel auch unproduktive Sklaven versorgt hat – sprich: Kinder, Schwangere, Kranke, Alte – werden die Sklaven unserer Zeit, wie Kevin Bales es drastisch ausdrückt, einfach „weggeworfen“. Sklaven sind so billig, dass es sich nicht lohnt, unproduktive Zeiten zu überbrücken. Für eine Sexsklavin muss ein brasilianischer Bordellbetreiber rund 150 Dollar bezahlen. Dem stehen monatliche Einnahmen von rund 10.000 Dollar gegenüber. Zum Vergleich: Auf den Sklavenmärkten der amerikanischen Südstaaten kostete ein Sklave – auf heutige Lebenshaltungskosten umgerechnet – rund 40.000 Dollar. Heute gilt eine Sexsklavin für 150 Dollar schon als teuer… Rund zehn Milliarden Dollar werden nach aktuellen Schätzungen jährlich im Menschenhandel umgesetzt – ein lukratives Geschäft, dem Behörden und Polizei in vielen Ländern machtlos oder gleichgültig gegenüber stehen. Zur Prostitution gezwungene Frauen in Brasilien erzählen, dass sie zum Teil sogar von Polizisten geschlagen worden seien, wenn sie ihre Peiniger anzeigen wollten.
Ein Brennpunkt der Sklaverei in Afrika ist Mauretanien. Dort wurde die Sklaverei zwar 1980 (!) für „beendet“ erklärt. Geändert hat sich dadurch überhaupt nichts: „Wohin man auch blickt, an jeder Straßenecke und in jedem Laden, auf allen Feldern und Weideflächen sieht man Sklaven. Sie fegen und putzen, sie kochen und betreuen die Kinder, sie bauen Häuser und hüten Schafe, sie schleppen Wasser und Ziegel – sie erledigen alle Arbeiten, die mühselig, unangenehm und schmutzig sind. Die Wirtschaft Mauretaniens lastet einzig auf ihren Schultern“, beschreibt Kevin Bales die alltägliche Realität in dem nordwestafrikanischen Land. Da die Sklaverei in Mauretanien auf einer Jahrhunderte langen Tradition beruht, entspricht sie dort noch am ehesten dem herkömmlichen Bild einer Sklavenhaltergemeinschaft, die nicht allein auf maximalen Profit ausgerichtet ist, wie dies bei Sexsklavinnen oder Sklaven, die in Schuldknechtschaft leben, der Fall ist. Doch auch hier rechnet Kevin Bales vor, dass ein Sklave eine höchst profitable Anschaffung ist: So berichtet er von einem Sklavenhalter, dessen vier Sklaven über das Land fahren und Wasser verkaufen. Sie allein verschaffen ihm monatlich so viel Geld, wie ein Mauretanier durchschnittlich in einem ganzen Jahr verdient. Die Gewinnspanne beträgt 265 Prozent.
Ähnlich wie in Mauretanien stammen auch im Sudan, wo es bis zu 100.000 Sklaven geben soll, die Sklavenhalter aus der arabischen Oberschicht, die Sklaven überwiegend aus der schwarzafrikanischen Bevölkerungsschicht im Süden des Landes. Durch den Bürgerkrieg, der das Land seit Jahren heimsucht, wird diese Entwicklung noch gefördert. So geht man davon aus, dass aus den umkämpften Regionen im Süden des Landes zwischen 1986 und 2002 insgesamt mehr als 14.000 Menschen entführt und versklavt wurden. Seit dem Ende des Bürgerkriegs im Süden wurde die Region Darfur zum Schwerpunkt solcher Entführungen. Im Norden des Landes müssen diese Männer, Frauen und Kinder als Haushaltssklaven oder in der Landwirtschaft arbeiten, ohne dass sie dafür Lohn bekämen.
Zu den Erscheinungsformen moderner Sklaverei werden bisweilen auch die „Kindersoldaten“ gerechnet. Weltweit soll es rund 300.000 geben, die meisten davon in West- und Zentralafrika, wo sie in Bürgerkriegen und Aufständen verheizt werden. Doch nicht nur dort: Von 14.000 Kindersoldaten geht die Organisation Terre des Hommes in Kolumbien aus; auch auf den Philippinen, in Burma, Indien, Afghanistan und Indonesien werden Kinder von aufständischen und oppositionellen Gruppen eingesetzt. Über die Situation der Kindersoldaten schreibt Terre des Hommes: „Die Kinder werden oft geschlagen, misshandelt und gezwungen, Grausamkeiten zu begehen. Sie müssen zum Beispiel andere Kinder töten, wenn diese fliehen wollten. Diese Behandlung hat nur ein Ziel: Einschüchterung, Erzwingung absoluten Gehorsams und Abstumpfung gegen Grausamkeit.“
In Europa sollte man vor diesem Hintergrund aber nicht in Hochmut verfallen: Kevin Bales verweist auf Tausende von „Haushaltssklavinnen“ in westlichen Großstädten, die geschlagen und erniedrigt, von jeder Schulbildung ausgeschlossen werden. Und auch in westliche Bordelle werden afrikanische, asiatische oder osteuropäische Frauen unter falschen Versprechungen gelockt. Dort werden ihnen die Pässe abgenommen die Frauen gegebenenfalls auch mit Schlägen gefügig gemacht. Und der stete Druck von Gewinnmaximierung und Kostensenkung ist ein Faktor, der dafür verantwortlich ist, dass Kinderarbeit in der Dritten Welt nach wie vor weit verbreitet ist: Diese Ausbeutung, die sich oft nur in Nuancen von moderner Sklaverei unterscheidet, betrifft weltweit 250 Millionen Kinder.
Uwe A. Oster







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