Die kenianische Umweltaktivistin Grace Akumu erläutert die Folgen des Klimawandels für die Menschen in Afrika.
Was sind die sichtbarsten Auswirkungen des Klimawandels in Afrika?Afrika erlebt in letzter Zeit häufige Dürreperioden, die zu Nahrungsmittelknappheit und damit zu Unterernährung und Hunger führen. Wie Sie wissen, ist es für Bauern und ländliche Gemeinden überall auf der Welt sehr bitter, wenn extreme Witterungsbedingungen die Früchte ihrer harten Arbeit einfach zunichte machen. Verschlimmert wird die Situation noch durch die jüngst zu beobachtende Ankurbelung der Biokraftstoffproduktion, die zulasten des Anbaus von Nahrungsmittelkulturen geht. Dies ist eine bewusste Strategie der Industrieländer, die Afrika dazu zwingt, für den Export anstatt für die eigenen Bedürfnisse zu produzieren. Afrika wird so zum Bewahrer und Garant für den hohen Lebensstandard der nördlichen Länder. Es ist an der Zeit, dem ein Ende zu setzen.

Die Umweltaktivistin
Grace Akumu ist Direktorin des
Climate Network Afrika mit Sitz in Nairobi.

Hinzu kommt, dass die Verknappung von lebenswichtigen Ressourcen wie Wasser zu Konflikten zwischen den Bewohnern ländlicher Gebiete führt, die sich Wasserstellen und Weidegründe streitig machen. So gilt der Kampf um knapper werdende Ressourcen wie Wasser und landwirtschaftliche Flächen als einer der Auslöser des Darfur-Konflikts. Aufgrund von Niedrigwasser in den Staudämmen kommt es in Ost- und Westafrika immer wieder zu Stromausfällen.
Afrika hat jedoch nicht nur mit Dürreperioden zu kämpfen, sondern immer häufiger auch mit schweren Überschwemmungen. Sie führen zur Zerstörung der Infrastruktur und zu Krankheiten, wie Malaria, Typhus und Cholera, die durch verschmutztes Wasser hervorgerufen werden. Extreme Dürre und Überschwemmungen fordern viele Menschenleben. Doch die Afrikaner begreifen zunehmend, dass nicht sie für den Klimawandel verantwortlich sind und dass sie den Preis für das Handeln der Menschen in den Industrieländern zahlen, die auf ihrer verschwenderischen Lebensweise beharren.
Was sollten die Europäer vorrangig unternehmen, um die Auswirkungen des Klimawandels zu begrenzen?Die Europäer haben alles, was nötig ist, um diese Auswirkungen einzudämmen. Sie haben das nötige Geld, die Technologie und die Humanressourcen. Es fehlt ihnen nur am politischen Willen. Den Europäern muss klar werden, dass wegen ihres verschwenderischen Lebensstils auf dieser Welt Menschen sterben. Die Bürger können diesen Lebensstil ändern und weniger Ressourcen vergeuden, indem sie selbst umweltbewusster werden. Vor allem aber sollten sie sich mobilisieren und Druck auf ihre jeweiligen Regierungen ausüben, damit diese bei den internationalen Klimakonferenzen klare und rechtsverbindliche Verpflichtungen eingehen. Und sie sollten überprüfen, ob ihre Regierungen die bereits bestehenden Verpflichtungen einhalten. Ohne diesen Druck der europäischen Bürger auf ihre Regierungen wird einfach wieder zur Tagesordnung übergegangen, und nichts geschieht. Und unterdessen sterben Menschen.
Was ist der Zusammenhang zwischen Klimawandel und Wasserknappheit?Lassen Sie mich ein paar erschütternde Beispiele aus Kenia anführen. Sechsundzwanzig Flüsse in der Region um den Mount Kenya sind bereits ausgetrocknet. Das Mount-Kenya-Massiv ist übrigens das größte Wassereinzugsgebiet des Landes. Man kann nicht genug betonen, wie schwer die Auswirkungen der raschen Schneeschmelze auf den Gipfeln des Mount Kenya stromabwärts sind. Viele Menschen sehen sich dort nun mit Wassermangel und -rationierung konfrontiert.
Auch ist bekannt, dass der Wasserspiegel des berühmten Viktoriasees sinkt, weil die zahlreichen Zuflüsse aufgrund der häufigen Dürreperioden weniger Wasser führen. Das ist sehr schlimm, denn fast 60 Millionen Ostafrikaner leben an und von diesem Süßwassersee.
Was halten die Menschen in den so genannten „nicht industrialisierten Ländern“ vom Verhalten der so genannten „Konsumgesellschaften“?Natürlich finden es die Bewohner der armen bzw. nicht industrialisierten Länder abscheulich, dass die Menschen in den reichen, industrialisierten Ländern blind konsumieren, ohne Rücksicht auf die verheerenden Auswirkungen dieses übermäßigen Verbrauchs auf den Rest der Welt und das natürliche Ökosystem zu nehmen. Doch die Armen können die Reichen nicht dazu zwingen, ihre Lebensweise zu ändern. Es ist an den Reichen selbst, moralische und ethische Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen – sowohl ihren Mitmenschen als auch der Natur gegenüber.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Klimawandel und Frieden in Afrika?Ja, den gibt es. Darfur ist ein Beispiel dafür. Auch die Konflikte um Wasserstellen und Weideflächen in den ländlichen Gemeinden zeigen, dass Menschen nicht in Frieden leben können, wenn sie nichts zu essen haben. Diese örtlich begrenzten Konflikte könnten früher oder später zu Kriegen zwischen Nationen ausarten. Die Menschen werden alles tun, um zu überleben.
Was sind die größten Hindernisse im Kampf gegen den Klimawandel?Das größte Hindernis ist schlicht das Fehlen jeglichen politischen Willens von Seiten der reichen Länder, die Verpflichtungen der Klimakonvention einzulösen, indem sie die Entwicklungsländer finanziell und technologisch im Kampf gegen den Klimawandel unterstützen. Arme Länder können mit ihren mageren Ressourcen nicht viel ausrichten. Sie haben nicht die Mittel, um zu handeln oder den reichen Ländern bei der Reduzierung der für die Erderwärmung verantwortlichen Treibhausgase zu helfen.
Kann man den Klimawandel und das zunehmende Bewusstsein darüber nicht auch als Chance sehen? Vielleicht macht uns dieses globale Problem bewusst, dass wir alle Bewohner des selben Planeten sind…Ja, es hätte eine Chance sein sollen. Aber aufgrund des fehlenden politischen Willens wird dies wohl ein schönes Trugbild bleiben. Die reichen Länder wollen ihre wirtschaftlichen Interessen schützen. Das ist ihr vorrangiges Ziel. Deshalb sind sie überhaupt nicht daran interessiert, ihre Verpflichtungen einzuhalten. Und da die Menschen in den reichen Ländern ihr unnötig luxuriöses Leben nur zu gerne genießen, werden sie auch keinen Druck machen, damit ihre Regierungen unbequeme Entscheidungen treffen.
Die Fragen stellte Patrick Aufenanger