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DVD-News - 25/10/06

Die rote Wüste

Ein Film von Michelangelo Antonioni


Ein innovativer Film mit bewusst irrealer Farbdramaturgie. Ausgezeichnet mit dem Goldenen Löwen und dem Fipresci-Preis!

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  • Synopsis

Seit einem leichten Autounfall ist Juliana (Monica Vitti) , verheiratete Mutter eines Kindes, traumatisiert. Eines Tages lernt sie Corrado Zeller (Richard Harris) kennen, einen Freund ihres Mannes. Corrado möchte nach Argentinien auswandern. Findet Juliana durch eine Affäre mit ihm in ihr altes Leben zurück?


  • Der Kommentar zum Film

„Die Rote Wüste“ – so hat Antonioni die rostende und Umwelt vergiftende Industrielandschaft um Ravenna in der Emiglia Romana getauft, die sich dem Betrachter von der ersten Einstellung an darbietet. Zuerst sieht man Industrieschlote, Hochöfen und die aus ihnen hervorlodernden Stichflammen als unscharfe, graumelierte Flächen. Später, wenn Monica Vitti als reiche Ehefrau eines der Ingenieure der Fabrik mit ihrem kleinen Sohn das Bild betritt, kommt etwas Farbe hinzu.

In seinem ersten Farbfilm hat Antonioni sein neues Ausdrucksmittel gleich strengen kompositorischen Prinzipien unterworfen, anstatt die vorgefundenen Farben einfach abzufilmen. Rohrleitungen ließ er vor den alles beherrschenden Grau- und Brauntönen in leuchtendem in Blau und Rot anstreichen, Pflanzen einschwärzen oder manchmal gar in giftiges Purpur tunken, umgeben von orangerot rostenden Tanks und einer in giftiges Grün gewandeten Monica Vitti als orientierungslose Heldin. Antonioni bemalt seinen Film wie eine Leinwand, um über die sparsam eingesetzten Farben eine bestimmte Stimmung zu erzeugen, als einen als Musikersatz gedachten, an den Zuschauer gerichteten Kommentar. Dieser hochstilisierte Kommentar, ergänzt durch sparsame eingesetzte synthetische Musik, zeigt im Verlauf des Films immer mehr seine Wirkung, etwa wenn Monica Vitti, die nach einem Krankenhausaufenthalt auf der Suche nach einer Lebensaufgabe einen Laden eröffnen will, inmitten eines grauen, trostlosen Straßenbildes (in dem sogar die Verkaufsauslage eines fahrenden Händlers sich grau in grau präsentiert) für ihr Geschäft nach der richtigen Farbe sucht, aber nicht finden kann.

Die Giuliana, die sie spielt, steht in der Tradition früherer von ihr verkörperter melancholisch-pessimistischer, intellektueller Antonionifilmfrauen, nur das zur Isolation und Entfremdung im durchrationalisierten Nachkriegsitalien nun auch noch die Bedrohung durch das gefräßige, von Männern dominierte Industriezeitalter und die von ihm bewirkte Umweltkatastrophe hinzukommt. Einerseits ist die zerstörte Natur Mitverursacher dieses Unwohlseins, andererseits aber auch Giulianas filmisches Spiegelbild. Eine rätselhafte, unheilbare Panik hat sie seit einem eher harmlosen Autounfall befallen und nun findet sie sich weder in ihrer Rolle als Ehefrau noch als Mutter mehr zurecht. Das postmoderne, großartig eingerichtete Haus Set Design: Piero Poletto), indem mit ihrem Mann, einem Ingenieur lebt, befindet sich in direkter Nähe zu einem Kanal, wo die großen, die Häfen der Welt anlaufenden Frachter gelöscht und beladen werden.

Doch von ihren Sirenen geht keine Sehnsuchtsutopie aus, sie ähneln eher einem Klagelied. Auch Corrado, der einsame Firmenerbe, will auf einem solchen Frachter in die neue Welt nach Argentinien aufbrechen, um dort ein neues Industrieimperium zu gründen. Doch dass er dort sich und sein Leben neu erfinden kann, ist unwahrscheinlich. Was noch bleibt, ist eine kurze Liebesnacht mit Giuliana – die körperliche Vereinigung ähnelt dabei eher einem verzweifelten Zweikampf – und ein vorangegangenes 6-Personentreffen in einer Hütte am Kanal, wo sich drei Paare - unter ihnen Giuliana, ihr Mann und Corrado – zu einem gemeinsamen erotischen Abenteuer eingefunden haben, ohne zu wissen, was sie voneinander wollen und emotional voneinander zu erwarten haben. Am Ende verfeuern sie die rot angestrichenen Bretter der Inneneinrichtung im Ofen, um wenigstens so ein wenig Wärme zu erzeugen.

Aus all der ästhetischen Finsternis ragt als Lichtstrahl nur eine einzige farbenfrohe Idylle heraus, wenn Giuliana ihrem scheingelähmten kleinen Sohn, der nicht mehr aufstehen mag aus seinem Bett angesichts all der zwischenmenschlichen Ödnis, eine Geschichte erzählt. Darin erscheinen einem Mädchen an einem einsamen, türkisfarbenen Strand ein Segelboot und eine wundersame Frauenstimme, die mit den fleischförmigen Felsenformationen perfekte harmoniert. Trotz aller Seelen- und Industriewüsten - so viel Paradies hat man in einem Antonioni-Film selten gesehen.


  • Das Bonusmaterial

Was sich Kinowelt bei der Auswahl eines Werbefilms über die Konservierung italienischer Filmklassiker und geschwätzigen Wochenschauschnipseln über die Teilnahme von „Die Rote Wüste“ bei den Filmfestspielen in Venedig 1964 gedacht hat, bleibt ihr dvd-verlegerisches Geheimnis. Auch sonst ist Knauserigkeit beim Bonusmaterial angesagt – nur ein paar Texttafeln illustrierten anders als beispielsweise bei der Sony-Edition von „Beruf: Reporter“, auf der man zwischen zwei Audiokommentaren wählen kann, dieses Antonioni-Meisterwerk.

Martin Rosefeldt



Originaltitel: Il deserto rosso
Label: Arthaus
Genre: Drama
Produktionsjahr: 1964
Produktionsland: Italien/Frankreich
FSK: ab 12 Jahren
Lauflänge: ca. 112 Minuten

Stab
Regie: Michelangelo Antonioni
Drehbuch: Michelangelo Antonioni, Tonino Guerra
Kamera: Carlo Di Palma
Produktion: Antonio Cervi, Angelo Rizzoli

Technische Angaben
DVD Bild: 1,85:1 (anamorph)
DVD Sprachen/Ton: Deutsch, Italienisch (Mono Dolby Digital)
DVD Untertitel: Deutsch
DVD Extras: Dokumentation "Cinema Forever", Wochenschauberichte, Biografie Michelangelo Antonioni, Trailer

Erstellt: 24-10-06
Letzte Änderung: 25-10-06