POLITIK

Am 21. April dieses Jahres muss sich Franco im Grabe umgedreht haben. An diesem Tag billigte die zweite Kammer des spanischen Parlaments in erster Lesung ein Gesetz zur Legalisierung der Homo-Ehe. Unvorstellbar für den, der nach den Worten des Schriftstellers Michel Del Castillo sein Leben lang „
katholisch bis zur Bigotterie“ war! Der Einflussverlust der katholischen Kirche, die sich durch ihre Unterstützung der Diktatur weitgehend diskreditiert hatte, ist eines der wesentlichen Merkmale der spanischen Gesellschaft nach Franco. Und Premier Zapatero macht kein Geheimnis aus seinem Vorhaben, die Trennung von Kirche und Staat in Spanien so schnell wie möglich voranzutreiben, was ihm noch im Januar dieses Jahres heftige Kritik von Seiten des Papstes Johannes Paul II. einbrachte, der Spanien einst als „
spirituelles Reservat des Westens“ bezeichnet hatte.
Dreißig Jahre nach Francos Tod findet man in Spanien noch zahlreiche Spuren des Diktators und seines Regimes (nach ihm benannte Straßen, zu seinem Ruhm errichtete Denkmäler usw.), die die sozialistische Regierung gerne verschwinden ließe. So wurde in der Nacht zum 18. März 2005 die seit 49 Jahren die Plaza San Juan de la Cruz in der Madrider Innenstadt dominierende Reiterstatue Francos auf Befehl der Regierung demontiert und abtransportiert, was bei der konservativen Rechten, insbesondere bei den Franco-Nostalgikern, Zorn hervorrief, bei einigen Sozialisten aber auch eine gewisse Betretenheit. Denn durch solche Angriffe auf die Symbole des Regimes sprengt Zapatero einen nach Francos Tod von allen politischen Kräften Spaniens akzeptierten Konsens, der insbesondere auf dem Begriff der Versöhnung beruht. Dieser „
Pakt des Gedächtnisschwundes“, wie er zuweilen auch bezeichnet wird, hatte zum Ziel, die beiden Spanien – das katholische Franco-Spanien und das republikanische, laizistische Spanien – im Demokratisierungs- und Modernisierungsprozess des Landes als gemeinsamem Projekt zusammenzuführen. Der Konflikt der beiden gespaltenen Lager hatte zuvor zum fürchterlichen spanischen Bürgerkrieg (1936-1939), in dem 400.000 Menschen den Tod fanden, geführt.
Aber eine Versöhnung auszurufen ist nicht genug, und so sind knapp 70 Jahre nach dem Sieg Francos zahlreiche Nachkommen von Opfern des Konflikts und der anschließenden Repression bestrebt, die Wahrheit über die Ereignisse zu erfahren, insbesondere über die Tausenden von Verschwundenen, deren Prominentester Fedérico García Lorca ist. Der Leichnam des 1936 von der Franco-Garde erschossenen Dichters wurde nie gefunden. Premierminister Zapatero, Enkel eines Kapitäns der republikanischen Armee, der ebenfalls 1936 von Francos Truppen erschossen worden war, setzte einen Ausschuss mit dem Auftrag der Ausarbeitung eines Gesetzes ein, das den Opfern des Bürgerkriegs und der Franco-Diktatur sowohl materielle als auch moralische Entschädigung zusichern sollte. Das Thema ist noch heute ein politisch heißes Eisen, da es zwangsläufig in beiden Lagern Opfer des Konflikts gibt. Manche werfen dem Premierminister vor, durch das Abstandnehmen vom Geiste der
Transición eine Büchse der Pandora geöffnet zu haben. Tatsache ist jedenfalls, dass Spanien das Kapitel der Franco-Ära noch keineswegs endgültig abgeschlossen hat.
IB
WEITERFÜHRENDE INFORMATIONEN- Über die franquistische Aussenpolitik: Auf der Internetseite der Yale Law School, in der Rubrik „The Spanish Government and the Axis" finden Sie Online-Dokumente zu den Verhandlungen zwischen Franco-Spanien und Würdenträgern des faschistischen Italien sowie Nazideutschland (zum Thema eines Eintritts Spaniens in den Zweiten Weltkrieg) insbesondere die Notizen zum Ablauf des Treffens zwischen Franco und Hitler in Hendaye 1940 ( auf englisch).
- Zur heutigen franquistische Bewegung: Die (spanischsprachige) Website der Fondación Nacional Francisco Franco (FNFF). Zum 30. Todestages des Caudillo organisiert die Stiftung lediglich eine Messe in Valle de los Caídos, wo Franco beerdigt liegt.
- Um eine „Politik des Erinnerns“ zu fördern, veranstalteten das Instituto Cervantes und das Goethe-Institut vom 26.-28. Mai 2005 in Berlin ein Symposium mit dem Titel „Kultur des Erinnerns – Vergangenheitsbewältigung in Spanien und Deutschland“. Das Ziel dieses Projektes war eine geschichtspolitische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit: dem Spanischen Bürgerkrieg und der Transición (Übergang von der Franco-Diktatur zur Demokratie) einerseits sowie der Aufarbeitung des Nationalsozialismus und der deutsch-deutschen Wiedervereinigung andererseits.
Lesen Sie dazu auch ein Interview mit dem Historiker Walter Bernecker, sowie mit dem britischen Spanien- Historiker Paul Preston.
- Die (spanischsprachige) Website der Associación para la recuperación de la memoria histórica („Verein für die Aufarbeitung des historischen Gedächtnisses“). Dieser aus einer persönlichen Initiative heraus entstandene Verein unterstützt Familien, die den Leichnam eines republikanischen, von Francos Armee ermordeten und in ein Massengrab geworfenen Angehörigen finden wollen, um ihn zu beerdigen.
- Zur Politik José Luis Rodriguez Zapateros und seiner Regierung: Informationen auf der (spanischsprachigen) Website La Moncloa, benannt nach dem offiziellen Wohnsitz der spanischen Regierungschefs.
Literaturtipps
Spanien heute. Politik, Wirtschaft, Kultur.Bernecker, Walther L.; Dirscherl, Klaus (Hrsg.)
Bibliotheca Ibero-Americana, 2004, Frankfurt, € 45.00
ISBN: 3893545913
In der vierte Auflage dieses Übersichtswerkes beschreiben Walther L. Bernecker (Historiker an der Uni Erlangen) und Klaus Dirscherl (Romanist der Uni Passau) die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungen Spaniens zwischen der Ära der „
transición" und der Amtszeit des 2004 aus dem Amt geschiedenen Premiers José-Maria Aznar.
Du kamst, Vogel, Herz, im Flug: Spanische Lyrik der Gegenwart.Javier Gómez-Montero und Petra Strien (Hrsg)
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004, € 14,80
ISBN 3-518-22378-X
Die spanische Lyrik stand lange im Schatten des Franco-Regimes und konnte sich erst in den 60 Jahren frei entfalten. „
Du kamst, Vogel, Herz, im Flug" bietet ihnen eine Sammlung spanischer Gedichte die zwischen 1950 und 2000, geschrieben wurden.EBENFALLS DIESE WOCHE- Am 20. November 1989 wurde das Übereinkommen über die Rechte des Kindes von der Völkergemeinschaft verabschiedet – bemerkenswerter Weise mit Ausnahme der Vereinigten Staaten und Somalias, die dieses Übereinkommen nicht ratifizierten. Seither findet jedes Jahr am 20. November der Internationale Tag des Kindes statt. Nähere Angaben (in englischer Sprache) auf der Website des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (Unicef).
- Außerdem möchten wir auf einen Runden Tisch hinweisen, der am Mittwoch, dem 23. November ab 20.00 Uhr im Pariser Heinrich-Heine-Haus stattfindet (Maison Heinrich Heine, Cité Universitaire - 27c, Boulevard Jourdan in Paris, XIV. Arrondissement). Thema der Debatte: „Welche Zukunft hat die deutsch-französische Freundschaft in Europa?“.