Jules, ein junger Pariser Postbote, verehrt die weltberühmte Opernsängerin Cynthia Hawkins und versäumt keinen ihrer Auftritte. Es gibt keine Schallplatten von ihr, da sie allein auf die lebendige Darbietung und den unmittelbaren Kontakt mit dem Publikum setzt. Bei einem Konzert der Künstlerin nimmt Jules heimlich ihre Stimme auf und entwendet ein Seidenkleid aus ihrer Garderobe. Dann flieht er. Am nächsten Tag wird er unfreiwillig Zeuge eines Verbrechens: Vor seinen Augen bringen zwei Ganoven die ehemalige Prostituierte Nadia Kalensky auf offener Straße um. Bevor sie stirbt, wirft sie eine Kassette in die Packtasche von Jules’ Moped. Das Tondokument belegt die Verstrickungen des korrupten Polizeikommissars Saporta ins Milieu des Drogen- und Mädchenhandels.
Entstehungsgeschichte von „Diva“
„Diva“ war Beineix’ erster Spielfilm. Er brachte seine langjährigen Erfahrungen als Assistent von Regiegrößen wie Jean Becker und Claude Zidi in die Arbeit ein. Der Film entstand nach dem gleichnamigen Kriminalroman des Schweizer Schriftstellers Daniel Odier (veröffentlicht unter dem Pseudonym Delcorta). Das Drehbuch schrieb Beineix zusammen mit dem belgischen Comic-Autor Jean Van Hamme („Largo Winch“).
Auch Beineix’ folgende Filme waren Literaturverfilmungen: „Der Mond in der Gosse“ (1983) und „Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen“ (1986) entstanden nach den gleichnamigen Romanen von David Goodis und Philippe Djian. Für seine Diva brauchte Beineix eine wunderschöne und fotogene Opernsängerin. Nach langem Bemühen fand er sie an der Pariser Oper in Gestalt der Sopranistin Wilhelmenia Wiggins Fernandez. Für die Rolle des Postboten Jules wählte er Frédéric Andrei (nach Versuchen mit den beiden damals ebenfalls unbekannten Darstellern Florent Pagny und Richard Anconina). Die Figur des exzentrischen Serge Gorodish, eine romantische Spielart von Serge Gainsbourg, besetzte er mit dem populären französischen Schauspieler Richard Bohringer. Gorodishs kessen Schützling Alba spielt Thuy An Luu, und den mürrischen Punk „Le Curé“ (der Pfarrer), der einen Mord begeht, verkörpert Dominique Pinon.
Beineix, ein „lyrischer“ Rebell
Seit seinem Debütfilm erklärten die Kritiker Beineix den Krieg. „Diva“, „Betty Blues – 37,2 Grad am Morgen“ und vor allem „Der Mond in der Grosse“ wurden von der Presse ungewöhnlich heftig verrissen. Dabei erzählt der perfektionistische Träumer Beineix in all diesen Filmen faszinierende, stilistisch originelle Geschichten. Anders als viele andere Filmemacher baut er eine aussagestarke Welt auf, auch wenn sie manchen kitschig oder künstlich erscheinen mag. Es drängt sich die Verwandtschaft mit dem Theater auf, und auf jeden Fall ist es Beineix gelungen, ein eigenes, unverwechselbares Universum zu schaffen. Auf den Vorwurf, sein Stil sei zu comicartig, reagierte er mit dem Verfassen der Comic-Reihe „L’Affaire du siècle“ – wohl mehr aus Liebe zum Genre als aus Provokation. Genau wie die beiden kleinen Genies der 80er-Jahre Carax und Besson, verstört und fasziniert Beineix, zielt aber trotz allem in die richtige Richtung. „Diva“ ist vom Sujet her ein visionärer Film: Lange vor der Einführung von Internet konzipiert, ist er in punkto Urheberrechte, Raubkopien und Beziehungen zwischen Stars und Fans höchst aktuell.
Überraschender Erfolg
In Frankreich erregte der Film nach seinem Kinostart 1981 kein großes Aufsehen, blieb aber acht Monate lang auf dem Spielplan eines einzigen Pariser Kinos: des Panthéon. Ein Jahr später errang er in den USA, insbesondere in New York, einen phänomenalen Erfolg und wurde in Frankreich mit drei Césars ausgezeichnet (darunter für den besten Debütfilm). Nach der Preisverleihung gab es einen Erdrutsch: In Frankreich wurden 800.000 Besucher gezählt, und bald erlangte der Film Kultstatus. Das hatte es noch nie gegeben.
Der „blaue Film“
Die radikale Ästhetik des Films ist drei besonderen Talenten zu danken: Regisseur Beineix, Bühnenbild- und Kostümgestalter Hilton McConnico und Kameramann Philippe Rousselot. Aufgrund seiner oft nächtlichen Atmosphäre, seiner grafisch anmutenden Dekors und der kunstvoll gesetzten Lichteffekte wurde „Diva“ auch als „blauer Film“ bezeichnet, in dem alles dazu beiträgt, eine traumartige, irreale Stimmung zu schaffen: von Gorodishs schwarzem Loft über den Leuchtturm von Gattevill, die Metro und die verlassenen Straßen von Paris am frühen Morgen, das Théâtre du Châtelet und das Hôtel Royal Monceau bis zur ehemaligen Citroën-Fabrik. Die romantische Musik von Vladimir Cosma und das zentrale Thema des Films, die Arie der Wally, „Ebben, n'andrò lontana“ (Nun denn, so werd ich in die Ferne ziehen), aus der 1892 von Alfredo Catalani komponierten Oper „La Wally“ (Die Geierwally) schaffen einen Trance-Zustand. Lyrismus in Reinform.
Die Bagutte-Szene und andere Extravaganzen
Nicht wenige Details des Films sind recht ausgefallen und stellen für Beineix’ Kritiker nichts als stilistische Spielereien dar. Aber diese verrückten, oft unmotivierten Elemente geben dem Film auch seine Würze. Hier die denkwürdigsten Beispiele: die Autos auf den riesigen Wandgemälden in Jules’ Garage, Gorodishs weißer Traction-Avant-Citroën, der Schnorchel, den er in der legendären Szene trägt, in der er eine Baguette mit Butter bestreicht, und die in seinem Loft Rollschuh fahrende Freundin Alba. Dieser chaotische und manchmal pennälerhafte Surrealismus trug sicher zu der hohen Wertschätzung bei, die der Film in den Augen des genialen US-amerikanischen Schriftstellers Richard Brautigan* genießt. Was an sich schon Grund genug ist, den Film zu mögen!
Delphine Valloire
Video
Links
- „Diva“ (1981) - Frederic Andrei & Thuy An Luu – „In Jules’ Garage“
- „Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen“






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