Kai Meyers Roman „Das Gelübde“ hat eine ganz intensive Auseinandersetzung zwischen Brentano und der Nonne beschrieben. Bei Kai Meyer war der Dichter aber noch nicht religiös. In Wirklichkeit war Brentano schon sehr katholisch, als er nach Dülmen in Westfalen zu der Nonne kam. Bei Kai Meyer steht deshalb auch die Auseinandersetzung über Religion und Atheismus zwischen beiden im Vordergrund. Darunter liegt aber eine langsam immer intensiver werdende Beziehung, bei der es fast schon um eine Liebesbeziehung geht – wenn man das in einer solchen Situation so nennen kann. Mein Film ist stärker am Historischen orientiert. Das heißt: Brentano kam hin, er war bereits religiös bewegt und wollte kein Dichter mehr sein. Er hatte sich vorgenommen, nur noch religiöse Dinge niederzuschreiben, die Visionen der Nonne, die Wunder des Herrn. Das hat sich aber in der langjährigen Beziehung zwischen den beiden als nicht sehr tragfähig erwiesen, es war ein langes Hin und Her. Es gab viele Streitereien zwischen Brentano und der Nonne, was sie denn nun wirklich gesagt hätte und was nicht. Brentano wurde dann doch wieder ein bisschen zum Dichter und hat die Aufzeichnungen ausgeschmückt. Aber ich glaube, sie haben sich am Ende dann doch sehr gut miteinander verstanden.
Und das hat sie fasziniert?
Ja, diese Situation. Ich finde es absolut faszinierend, dass ein Künstler kein Künstler mehr sein will, sondern den ganzen Ballast seines Ausdruckswillens, seines Künstler-sein-Wollens, ein für alle mal hinter sich lassen will. Sich dabei freudig unter ein höheres Prinzip stellen möchte - und sich dabei doch wieder einem gewissen Selbstbetrug unterwirft: Natürlich ist er immer noch Künstler und bastelt immer noch an allem herum. Und sei es an den Wundern des Herrn. Diesen Weg vom „ich bin jetzt ein Schreiber der Wunder Gottes“ zu „eigentlich bin ja doch der alte Brentano geblieben, der ich immer war“ - den fand ich sehr spannend. Brentano scheint in einer Lebenskrise zu stecken, in der er den Glauben braucht, „vielleicht wie andere eine Droge“, wie er in einer Szene selbst sagt. Sind die Wundmale und Annas Passion für ihn eine Art Rettung, durch die er zu einem besseren Leben finden will?
Ich glaube, dass die Wundmale ein Bild von der Reinheit geben, die er sich im Glauben erhofft. Das Blut, dass da aus dem Innersten nach oben quillt, ist gewissermaßen das Blut des Herrn. Es ist aber auch meiner Ansicht nach ein mystischer Ausdruck des Körperlichen – aber auf eine Reinheit hin orientiert. Der Körper ist in der katholischen Religion immer auch etwas unreines. Und hier, im Blutmysterium, wird der Körper zu einem Ausdruck von religiöser, christlicher Reinheit. Es war ja nicht Brentanos erste Lebenskrise, er hatte pausenlos Lebenskrisen. Ich denke, er brauchte einfach die Anlehnung an etwas, das größer war als er. Den Glauben und das Christentum, um sich unter etwas unterwerfen zu können. Hundert Jahre später wäre es vielleicht der Kommunismus gewesen. Ein Mann, der zu einem gewissen Zeitpunkt seines Lebens ein „Ideal“ oder sogar eine „Ideologie“ benötigte, um wieder einigermaßen zu sich selbst Distanz zu schaffen, mit sich selbst ins Reine zu kommen.
Der Fall der inzwischen vom Papst selig gesprochenen Nonne wurde damals auch von preußischen Staatsdienern untersucht, die der Vernunft und Aufklärung nahe standen. Sie konnten ihr weder Simulantentum noch Scharlatanerie nachweisen, obwohl sie das sicher wollten. Wollen Sie in Ihrem Film offen lassen, ob es solche Wunder geben kann?
Ja, ich wollte mich ungern auf eine Seite schlagen im Sinne von: „Das war natürlich Scharlatanerie“. Oder, im anderen Sinn: „Selbstverständlich waren die Wunder `echte´ Wunder“. Das ist nicht das wichtige an dieser Auseinandersetzung zwischen den beiden, glaube ich. Es ist mehr ein geistiges Ineinanderfallen: Ein geistiger Liebesakt zweier Menschen, die sich viel näher kommen, als sie am Anfang für möglich gehalten hätten. Und das auf eine Weise, in der die Frage, ob sie nun wirklich an den Wunden des Herrn leidet - oder vielleicht an einer Krankheit wie der Hysterie - am Ende gar keine große Rolle mehr spielt. Es kommt zu einer Art „Ersatzliebesakt“ zwischen Brentano und Annas Schwester. Kann man das so sehen?
Ja, durchaus. Die Schwester ist auf jeden Fall auch ein Bild dafür, dass Brentano aus seinem Ideal, seiner Verherrlichung der religiös-mystischen Erfahrung wieder mit beiden Beinen zurück auf den Boden findet.
Wir wissen heute auch, dass ein Übermaß an Aufklärung und Rationalität in das Gegenteil umschlagen kann. Brentano betont im Film sogar, dass er mit seinen Aufzeichnungen der Wunder Christi der Gegen-Aufklärung dienen will. Brauchen wir gelegentlich auch solche Mysterien?
Wir brauchen ständig solche Mysterien. Wir werden von einem Rationalismus bedroht, der die spirituellen Quellen des Lebens zum versiegen bringt - seien sie nun religiös oder einfach nur aus unseren seelischen Sehnsüchten entstanden. Der Apparat des Alltags, der Apparat der Gesellschaft, der Apparat der Wirtschaft: all diese Dinge bedrohen uns ständig. Ich bin sicher, dass wir solche Mysterien brauchen. Ich bin aber auch kein Sektierer. Eine „Frömmelei“ war nicht das, was mir hier vorschwebte. Wie immer bei den Menschen, schlägt das als Pendel gerne in die komplette Gegenrichtung aus. Ich glaube, dass sich die beiden Ebenen von Rationalismus und Spiritualität immer die Wage halten müssen, damit eine menschliche Gesellschaft gesund bleibt.
Ihr Film schlägt sich tatsächlich weder auf die Seite der preußischen Aufklärer noch auf die der katholischen Gegen-Aufklärer. Wo stehen Sie selbst in dieser Frage, halten Sie solche Wunder grundsätzlich für möglich?
(lacht) Sagen wir, ich wäre nicht sonderlich erstaunt, wenn es solche Wunder gäbe. Ich würde sie aber immer mit den unendlichen Wundern unserer Psyche in Verbindung mit dem Körper zuschreiben. Ich würde sie nicht mit einem höheren Prinzip in Verbindung bringen. Menschen sind in einem unglaublichen Maße in der Lage, selber „Wunder“ zu schaffen. Da sind wir bisher noch gar nicht weit genug vorgedrungen.
-------------------------------------
Interview: Thomas Neuhauser






per E-Mail verschicken
Facebook
Twitter
RSS

