Schriftgröße: + -
Home > Kultur entdecken > Buch- und Krimiwelt

Buch- und KrimiWelt

Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

> Litera-Touren > Lost in La Mancha > Don Quichote

Buch- und KrimiWelt

Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

Buch- und KrimiWelt

05/02/09

Don Quichote

Don Quichote hat seit seinem Erscheinen vor 400 Jahren bis heute seine Leser gefunden, auch wenn sie – je nach Zeitalter – ganz Unterschiedliches faszinierte. Cervantes’ Zeitgenossen lasen den Roman nur zur Belustigung: ein Verrückter war jemand, über den man lachen konnte. Erst im 18. Jahrhundert, im Zeitalter der Aufklärung, erkannte man auch das Tragische im Don Quichote. Die Vernunft wird das Instrument, um die Welt zu begreifen. Der Verrückte wird zu einem minderbemittelten, behinderten Wesen abgewertet. Später, in der Romantik des 19. Jahrhunderts entsteht eine neue Sicht der Tragik: Der Verrückte wird zum Helden, der den Mut hat, so zu sein wie er will – ein Held, der zum Scheitern verurteilt ist.

Und heute? Hören Sie dazu Stimmen von Schriftstellern, Übersetzern, Kunst- und Filmkritikern


Martí de Riquer (Spanischer Schriftsteller)
Wenn ich jemanden treffe, der mir sagt, er hätte den Don Quichote nicht gelesen, dann antworte ich ihm:“ Herzlichen Glückwunsch, Sie haben in Ihrem Leben das Vergnügen noch vor sich, den Quichote zu lesen.“
(Zitat aus dem Dokumentarfilm "Die Legende von Don Quichote" auf ARTE am 4.3.05)


Mario Vargas Llosa (Peruanischer Schriftsteller)
Don Quichote glaubt, dass ein Versprechen bindet, er glaubt an die Ehrlichkeit eines Versprechens und nicht, dass es eine heuchlerische Geste sein könnte, die dazu dient sich aus einer unangenehmen Situation zu retten. Er glaubt, ein Versprechen sei tiefster Ausdruck einer Überzeugung und einer Entscheidung. Das ist das Bewegende an Don Quichote. Er hat eine so anständige, eine so großzügige Sicht der Menschheit, dass wir uns schmutzig fühlen.

Großzügigkeit, Edelmut, Anstand und Aufrichtigkeit als erstrebenswerte Tugenden des Menschen sind der Grund dafür, warum wir Don Quichote zu einer Art Modell des Idealismus, der Großzügigkeit, der besten Seiten im Menschen gemacht haben.
(Zitat aus dem Dokumentarfilm "Die Legende von Don Quichote" auf ARTE am 4.3.05)


Dr. Matthias Winzen (Leiter der Kunsthalle Baden-Baden, Autor bei den ARTE-Buchtipps)
Meine jüngste Begegnung mit Don Quichote wurde durch den Künstler Sigmar Polke vermittelt: Sein Don Quichote von 1968 hing bis vor kurzem in der Eröffnungsausstellung der Sammlung Frieder Burda in Baden-Baden.

Don Quichote lebt weiter, nicht nur durch Neuauflagen und neue Übertragungen aus dem Spanischen, sondern auch durch Übersetzungen ins Bildliche. Don Quichote, der Archetyp des Künstlers, rennt stellvertretend für uns alle gegen die Missstände der Welt an. Das ständige Zitieren von Don Quichote – schon zu Cervantes’ Lebzeiten gab es den ersten Nachahmer (ein gewisser Abellaneda schrieb 1614 eine Fortsetzung der „Abenteuer des Don Quichote“) - steht für die Problematik von Original und Kopie, und genau damit spielt Sigmar Polke. Seine Abbildung des Don Quichote ist gerastert wie ein grobkörniges Zeitschriftenfoto. Der Ritter von der traurigen Gestalt gibt eine sehr eigenartige Figur mit riesigem Hut auf kleinem Pferd ab, kaum fassbar, grotesk, aber doch würdig. Durch Sigmar Polke lebt Don Quichote für mich fort.


Jean Canavaggio
(Übersetzer des Don Quichote ins Französische, auch Interviewpartner in dem Dokumentarfilm "Die Legende von Don Quichote" auf ARTE am 4.3.05):

Vom Buch zum Mythos


Wenn man Don Quichote heute als große, magere Silhouette vor Augen hat, so ist dies vor allem Daumiers einprägsamer künstlerischer Darstellung geschuldet, die später von Picasso popularisiert wurde. Die vierhundertjährige Rezeption der Romangestalt ist jedoch weitaus vielfältiger. Die Lebenskraft des Helden ist zweifellos auf dessen ambivalente Züge zurückzuführen: Mal erregt er in seinem ungebrochenen Idealismus Bewunderung, mal fordert er zum Spott heraus. Für Romanschriftsteller wie Sterne, Dickens, Flaubert, Dostojewski, Melville oder Kafka legte der „Don Quichote“ den Grundstein zum modernen Roman. Jeder von ihnen hat auf seine Weise episch gestaltet, das Cervantes auf geniale Weise vorwegnahm: Je mehr sich der Romanheld bemüht, den Kampf mit der Welt aufzunehmen, desto stärker entzieht oder widersetzt sich die Welt und desto tiefer wird die – komische bzw. tragische - Kluft zwischen der Wirklichkeit und ihrer Repräsentation. Dies versinnbildlicht der „Ritter von der traurigen Gestalt“ (korrekt: „Ritter mit dem kläglichen Gesicht“, siehe neue deutsche Übersetzung von Anton M. Rothbauer, 1964 – A.d.Ü.), und damit wurde er unsterblich. Er hat sich von der eigentlichen Romanhandlung abgelöst und ist zur legendären Figur geworden, deren Beispiel man manchmal zu folgen versucht ist, von der man sich jedoch meist wieder abwendet.


José Saramago (Portugiesischer Schriftsteller)
Don Quichote versteift sich darauf, nicht er selbst zu sein. Er will jemand anderes sein, jemand, der sein Haus verlässt um in eine Art Parallelwelt zu gehen, die Rimbaud vielleicht mit „Erwachen im echten Leben“ bezeichnen würde. Ich glaube, die wirkliche Tragik liegt im Grunde in der Unmöglichkeit, jemand anderes sein zu können.

Don Quichote stirbt nicht. Der, der stirbt ist ein Junker, ein armer Junker namens Alonso Quijano. Meiner Meinung nach ist das fundamental. Es ist nicht der Ritter Quichote, der stirbt, sondern Alonso Quijano.

Quichote ist der, der wir nicht sein können, und deswegen lieben wir ihn so sehr.
(Zitat aus dem Dokumentarfilm "Die Legende von Don Quichote" auf ARTE am 4.3.05)


Carme Riera (Katalanische Schriftstellerin)
Der fahrende Ritter ist ein wenig wie die Helden der amerikanischen Western. Er ist Herr über die Gerechtigkeit, und er wird immer das tun, was er für richtig hält. Das ist Quichote.
(Zitat aus dem Dokumentarfilm "Die Legende von Don Quichote" auf ARTE am 4.3.05)


Thomas Neuhauser (Filmkritiker)
Ein schönes und aktuelles Beispiel für die Lebendigkeit des Don Quichote-Mythos im Film ist auch der israelische Kurzfilm „Don Quichote in Jerusalem“, der im Wettbewerb der Berlinale 2005 gezeigt wurde und eine lobende Erwähnung der Jury erhielt.

Regisseur Dani Rosenberg von der renommierten Sam Spiegel Film School in Jerusalem lässt einen schon sehr alten und gebrechlichen Don Quichote mit Hilfe seines mindestens ebenso alten Sancho Panza noch einmal die Rüstung anlegen und aufs Pferd steigen. Erst als er die Lanze anlegt und entschlossen losreitet, erkennen wir sein Ziel: mit seinen letzten Kräften will er gegen die Mauer anrennen, die Israel und Palästina trennt.

Wenn Don Quichote nicht zuletzt ein Gleichnis ist, für einen freien Geist, der eine vorgegebene Realität nicht akzeptiert, dann ist Cervantes unsterbliche Figur in diesem nur fünfminütigen Kurzfilm auf berührende und beeindruckende Weise in die Gegenwart übertragen. Der alte, unbeugsame Don Quichote muss kommen, um uns die Brutalität, Absurdität und Inhumanität des israelisch-palästinensischen Konfliktes vor Augen zu führen.


Bildnachweis:

Bild 1: Don Quichote von Sigmar Polke. Das Bild wurde uns von der Sammlung Frieder Burda in Baden-Baden zur Verfügung gestellt.

Bild 2: Don Quichote von Stefan Matlik

Erstellt: 05-02-09
Letzte Änderung: 05-02-09


+ aus Kultur entdecken