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22/04/05

Von Glücksvögeln und Pechpilzen

von Hans-Martin Gauger


Souveränität, Anmut, Helle
Anmerkungen zum Prolog des Don Quichote: Der erfindungsreiche Edelmann Don Quijote von der Mancha

Der Prolog, sagt der Autor im »Prolog«, sei ihm weit schwerer gefallen als das Werk. [...] Der Autor wird uns im »Prolog« als unglücklich, in der Tat ein wenig als »Pechvogel« gezeigt. Er ist nach Mühen ans Ende seiner Arbeit gelangt, aber er weiß, dass er nun noch ein Vorwort braucht - ohne Vorwort, gibt er unzweideutig zu verstehen, obwohl ihm dies eigentlich mißfällt, geht es nun einmal nicht -. er bekommt es nicht zustande und beschließt verzweifelt - in diesem ironisch vorgespiegelten Zustand treffen wir ihn an -, das ganze Manuskript ungedruckt liegen zu lassen. Man sieht - wir sind da als Leser, ohne es vielleicht gleich zu bemerken, wirklich schon in der Erzählung, im »Gewebe« des Texts, und der »Prolog« ist eigentlich die Erzählung seiner Entstehung. Als unglücklich stellt der Mann sich vor, den dann allerdings, bei diesem allerletzten Anlauf zu seinem Vorwort, alsbald das Glück ereilt: »Zur Unzeit« erscheint, aber dann doch eigentlich genau im rechten Augenblick, der Retter und bringt ihm das Glück, das er in schöner altruistischer Sicherheit vor allem als eines für den Leser präsentiert. Auf den »witzigen und klugen Freund«, der da unerwartet hereintritt, müssen wir gleich zurückkommen.

[...] Der Ritter mit dem traurigen Aussehen, dem traurigen Blick [...] ist nun wirklich kein Glücksritter, aber ein bloß vom Unglück Verfolgter ist er keineswegs; die bestimmte Literatur, der er rettungslos verfallen ist, ist ihm auch Lebenshilfe, und dass er, am Ende des zweiten Teils, im allerletzten Kapitel des Buchs, beinahe in dem Augenblick stirbt, in dem er zur Vernunft kommt - »Ich war verrückt, und jetzt bin ich wieder klug«, »Yo fui loco, y ya soy cuerdo« -, ist ebensowohl sein Unglück wie auch sein Glück. »Ich war Don Quijote de la Mancha und bin jetzt, wie ich sagte, Alonso Quijano der Gute.« »Das soll uns freuen«, merkt Thomas Mann in seiner schönen und intuitiv sicher erfassenden »Meerfahrt mit Don Quijote« (1934) zu dieser Stelle an und setzt hinzu: »Aber es freut uns auffallend wenig, es ernüchtert uns, und gewissermaßen bedauern wir es.« So ist es. Der Verrückte war uns - es liegt an der breiten Menschlichkeit seines Schöpfers - lieber. Er stirbt an Melancholie, wie Klugheit sie mit sich bringt. Und der Knappe Sancho Panza, auf den der Erzähler, wie er am Ende des »Prologs« zu verstehen gibt, besonders stolz ist? Der ist nun schon gar kein »Pechvogel«, er ist es nur immer wieder; vielmehr muß man ihn sich, wie den Sisyphos, als glücklich denken.

Um aber auf den Autor zurückzukommen - er hatte Pech gerade als Autor, ganz abgesehen von der nun lange zurückliegenden Verstümmelung seiner linken Hand in der Seeschlacht von Lepanto (1571) und den fünf Jahren schlimmer Gefangenschaft in Algier durch Piraten, weil ihm nämlich ganz und gar, wie er sogleich feststellt (da redet der Literat zu Literaten), der das Schreiben und die Erfindungskraft fördernde»schöne Ort« fehlte, der klassische »locus amoenus«, den er ja dann mit knappen Strichen evoziert. Es habe ihm jene durch solchen »Ort« herbeigeführte »Stille des Geistes« gänzlich gefehlt, die, so meint oder sagt er, auch »noch die sterilsten Musen« zu erstaunlichen Geburten bringt. Sein Werk, Kind seines schlichten Geistes - der Erzähler redet hier wie auch anderswo eigentümlich >biologistisch< - sei nun gar, umgekehrt, im Gefängnis gezeugt worden! Genaueres sagt er nicht, und ganz Genaues und Sicheres hat die gelehrte Forschung dazu auch nicht ermittelt. Dann gleich ein weiterer dunkler Hinweis: nur der Stiefvater des Don Quijote sei er eigentlich, nicht der Vater, und dies wird dann erst im neunten Kapitel aufgelöst, in dem der wirkliche Vater namhaft gemacht wird - ein »arabischer Historiker« mit dem suggestiven Namen Gide Benengeli Hamete, dessen Text er sich ins Spanische übersetzen lässt. Und wir erfahren gar, was der junge zweisprachige Moriske, den er zum Zweck der Übersetzung und zur Sicherheit (wegen des ihm kostbaren Texts) in sein Haus aufgenommen hatte, für seine Übersetzung (und zwar auf eigenen Wunsch, das heißt: er war damit zufrieden) erhielt: 24 Kilo Rosinen und 100 Litermaße Weizen - anderthalb Monate dauerte die Arbeit. Man spürt überall - und schon die Zeitgenossen spürten sie, denn so war es gemeint - die Brüchigkeit der Fiktion. Der Erzähler will eine durchschaubar brüchige Beglaubigung des Erzählten. Dem dient auch die immer latente Ironie. Zum Beispiel weiß der Leser sogleich, dass der Autor sehr wohl weiß - er gibt es indirekt deutlich zu verstehen -, dass es letztlich gar nicht ankommt, weder als notwendige noch gar als hinreichende Bedingung, auf den »schönen Ort«. Dieser Topos wird durchlöchert. Schließlich: »Pech« hatte Cervantes mit seinem »Quijote« nun wirklich nicht. Er wurde augenblicklich überaus erfolgreich. Im Rückblick gilt er seit langem, jeder weiß es, als der erste »neuzeitliche« oder, je nach Definition, »moderne« Roman. Oder dann überhaupt, es ist ja dasselbe - als der erste Roman. Don Quijote wurde zum Typ und Symbol. Und »Donquichotterie« im Deutschen (die Schreibung kommt aus dem Französischen) und englisch »quixotic« (etwa »a quixotic adventure« oder »quixotic sentiments«) und »quixotism« und »quixotry« und französisch »don-quichottisme« gingen - allerdings unvermeidlich unter Niveau des Helden - in den europäischen Sprachschatz ein.

Der Roman erschien 1605 in Madrid (da war der Autor schon 58). Der zweite Teil erschien zehn Jahre später, 1615, und ist eine Steigerung des ersten. Inzwischen hatte jedoch, 1614, es ist ungeheuerlich, als Cervantes mit seiner Fortsetzung schon ziemlich ans Ende gekommen war, ein anderer Autor, der sich, wohl seinen wahren Namen verbergend, Alonso Fernändez de Avellaneda nannte, frech einen zweiten Teil des »Quijote« herausgebracht, auf den dann Cervantes noch im Roman antwortet. Sogar lässt er beide, den falschen und den richtigen Don Quijote. zusammentreffen, und der richtige trifft da auch schon - Autoreferenz - auf seinen Ruhm. Natürlich gibt es Kenner, die versichern, Avellaneda dürfe man literarisch nicht unterschätzen... - unterschätzen darf man niemanden, in der Tat. [...]

Herrlich ist die gespielte Bescheidenheit des Autors - »mein trockener und unfruchtbarer Geist« etc. Und dann: jeder kann nun einmal »nur etwas ihm Ähnliches zeugen« (wieder das Biologische!). Da nun, in der klassischen Situation des Schriftstellers, der schreiben muß und nicht weiß, was er schreiben soll, kommt der Freund, ein ebenso klassisches »alter ego«, der ihn, ihn zugleich lobend und tadelnd, vor allem aber lachend, bestärkt und ihm augenblicklich Vorschläge macht für seinen »Prolog«, die der Autor dann, in scheinbarer Treuherzigkeit, brav übernimmt. Was der Freund, also der Autor, da sagt, ist, über das ironisch Praktische hinaus, poetologisch sehr bemerkenswert. Zunächst situiert sich der Autor, und zwar satirisch und boshaft im »literarischen Feld«, mit Pierre Bourdieu zu sprechen. Das geht offenbar gegen Lope de Vega, von dem Cervantes sich eingeschüchtert fühlte, so tut er jedenfalls, und Lope hielt ihn in der Tat für einen Schwachkopf. [...]

Dann wird die Absicht des Buchs, gerade durch den Freund, unzweideutig herausgestellt: Zerstörung des Ansehens der »eitlen Ritterbücher«. Das Motiv wird mehrfach und übrigens auch noch auf der letzten Seite, ja, im allerletzten Satz des Buchs genannt - diese Bücher seien »eitel«, weil sie aus »erfundenen und verrückten Geschichten« bestünden, »fingidas y disparatadas historias«. Da muß aber doch auch Ironie sein - aber hier ist sie nicht recht greifbar -. denn längst und schon im ersten Teil war das Werk – und ganz besonders durch die beiden konträren Großfiguren - sehr, sehr weit hinausgewachsen über dieses möglicherweise ganz am Anfang ausschließliche Ziel. das Urmotiv. Dem Autor mußte doch klar sein, dass er nicht nur mehr sondern ganz anderes geschaffen hatte als solche Destruktion.

[...]

Die Stilanweisungen des Freunds nehmen wir wegen ihrer bodenlosen Schlichtheit beinahe mit Neid zur Kenntnis: Wörter, die »deutlich bezeichnen«, »anständig« sind und dann »gut gesetzt« werden; »klingend und lustig« sollen sie auch daherkommen und insgesamt eben die Gedanken»verständlich« machen - mit der guten und realistischen Einschränkung: soweit es erstens dem Autor und zweitens überhaupt möglich ist. was impliziert, dass es nicht jeder kann und es zuweilen gar nicht geht. Auf der einen Seite also die Gedanken, auf der anderen das Artikulierte, das sie im Idealfall ganz und ganz verständlich nach außen trägt. Als ob das Verhältnis zwischen Gedanken und Gesagtem - hier das eine und dort, klar von ihm getrennt, das andere - so einfach wäre! Cervantes, muß man wissen, war stilistisch ein Vertreter des Ideals der »einfachen Rede«, des »plane dicere«, spanisch »llaneza«, also keine künstlich kunstvolle Verwicklung im Ausdruck. Etwas wie Neid empfinden wir auch, weil dies nicht wiederhergestellt werden kann, im Blick auf die hier so leicht verfügbaren Wissensbestände. Da ist ein Kanon, aber kein fester und streng befolgter. Ein Kanon hat ja dies Gute, dass man von ihm abweichen kann. Wie. von was soll man abweichen ohne einigermaßen sanktionierte Üblichkeit? Also: die Bibel, mit der man, sagt der Erzähler, vorsichtig sein muß, auch das Alte Testament fehlt nicht; dann - beispielhaft - Aristoteles. Horaz, Cato. Caesar, Plutarch, aber auch apartere Namen kullern dem Freund mühelos heraus, wie der des Bischofs von Mondonedo, Spezialist offenbar für Huren, oder der des Italieners Leo Ebreo oder des heimischen Augustinerpaters Fonseca; selbstverständlich sind da auch Kirchenlehrer wie Thomas oder Basilius. Sehr bemerkenswert übrigens, dass sich der Erzähler gegen die »Mischung« des Menschlichen mit dem Göttlichen verwahrt, und zwar vom Christlichen her. Unüberhörbar kündigt sich da etwas wie Säkularisierung an -Trennung der Bereiche, Privatisierung des Religiösen; jedenfalls ist der Gedanke durchaus unmittelalterlich, obwohl sich im Mittelalter stets irgendwie alles schon findet. Sodann: die Ritterromane waren auf Beglaubigung durch irgendwelche »Quellen« aus. Darum geht es nun, aber diesmal ironisch, gerade auch Cervantes - dies ist die Funktion des Humbug-Autors Cide Benengeli Hamete.

Beneiden möchten wir Cervantes auch wegen seiner geradlinigen Anthropologie - da ist der Leib, in ihm die Seele und diese gekennzeichnet durch »freien Willen«, »liberum arbitrium«. Aber nun wieder sanfter Realismus: nicht immer ist diese Freiheit da, nicht zum Beispiel im Verhältnis von Vater und Sohn, bei Verwandtschaft überhaupt oder Freundschaft oder Liebe. Weil nun aber, heißt es, der Don Quijote weder Verwandter noch Freund des Lesers sei, sei dieser in seinem Urteil gänzlich frei. Das Werk, sagt der Autor in seinem ersten Satz, sei das »Kind« seines »Verstands«, spanisch »entendimiento«, was auf den Geist als Mittel gedanklicher Durchdringung zielt, daneben gibt es auch den Geist als »juicio«, als Befähigung zum Urteil. »Um Geschichten und Bücher gleich welcher Art zusammen zustellen«, sagt Don Quijote dem Bakkalaureus (3. Kapitel, 2. Teil), brauche man »große Urteilskraft und einen reifen Verstand«. Von Inspiration oder ähnlichem redet er nicht, da wird nicht gewabert - da ist Helle, »großer Mittag«, wie Nietzsche zu sagen pflegte. [...] Es bleibt übrigens doch auch, neben den genannten Vermögen, die »Erfindungskraft«, »el ingenio«, die nun gerade und schon im Titel dem »erfindungsreichen Edelmann«, »ingenioso hidalgo«, zugesprochen wird.

Schließlich und vor allem Übrigen bestrickend der sanfte, seiner selbst sichere, unmittelbar an den Leser gerichtete Ton. Augenblicklich kündigt der »Prolog« die enorme Leserbezogenheit dieses Buches an - da schreibt wahrlich nicht einer, »incurvatus in se ipsum«, monologisierend für sich selbst! Mit dem ersten Wort schon, einem schönen Epitheton, wendet er sich an ihn: »Müßiger Leser!« Diese außerordentliche Anrede war nun keineswegs üblich, da ist Cervantes originell. Auf uns wirkt sie sensationell. Er expliziert da seinen »impliziten Leser« (Wolfgang Iser), der, den er will, also einen, der, jedenfalls für den Augenblick und die nächsten Stunden hindurch (und dann immer wieder), einfach gar nichts tun muß, der frei ist von jeder »Präokkupation« und sich nur, als reine schöne Leere, darüber freut, dass da immer Neues auf ihn zukommen wird. Auch da regt sich Neid in uns. Gibt es solchen Leser noch? Wo sollte man ihn finden - heute? Irgendwie müssen wir doch alle, wenn wir lesen, lesen - oder? Wer liest noch einfach so, kann noch so lesen: »müßig«, »desocupado« - ohne Bedrängnis von irgendwoher? Und dieser Leser wird dann schön typisierend aufgefächert: da ist der Melancholiker, der Heitere, der Einfältige, der Kundige, der Ernste, der Weise. Jeder unter diesen soll - und dies soll er, der Autor, bewirken - auf seine Art reagieren und die Reaktionen meiden, die bei seinem Typ die gewöhnlichen sind. [...]


Den vollständigen Artikel des Romanisten und Buchautors Hans-Martin Gauger über Don Quichote können Sie in der Neuen Rundschau 2002, 113. Jahrgang, Heft 1, S. 130 nachlesen.

(c) S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main


Bilder: Stefan Matlik

Erstellt: 03-03-05
Letzte Änderung: 22-04-05