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Zyklus Stephen Frears - 08/10/08

Dr Stephen und Mr Frears

Der unergründliche englische Filmemacher Stephen Frears war schon immer dort, wo man ihn nicht erwartet, und stets mit Frechheit und viel Intelligenz. Er bleibt sich selbst treu, auch wenn sich seine filmische Palette von der grauen Londoner Vorstadtgeschichte bis zum Hollywood-Thriller spannt, mit so unterschiedlichen Genres wie einer üppigen Kostümverfilmung, einem verfremdeten Western („Hi-Lo Country – im Land der letzten Cowboys“ / „Hi-Lo Country“) oder einer skurrilen Computerfreak-Chronik („High Fidelity“).

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Gekonnt schafft er den Spagat von der sozialkritischen Beschreibung unbekannter Aspekte der irischen Gesellschaft („Fisch & Chips“ / „The Van“) bis hin zum Gothic-Märchen mit Starbesetzung („Mary Reilly“). Im Mai dieses Jahres ist er Jurypräsident beim 60. Filmfestival in Cannes, obwohl er dem Kino zurzeit eigentlich untreu ist: in Los Angeles dreht er den Piloten für die amerikanische Fernsehserie „Tracer“, in der Stephen Dorff einen sympathischen Halunken darstellt, der für seine Klienten vermisste Personen aufspürt. Bei einer Betrachtung der Filmografie von Stephen Frears drängt sich das Bild einer Szene in „High Fidelity“ auf (im Übrigen ein stark unterschätzter Film), in der sich Dick über die merkwürdige Ordnung in Robs umfangreicher, dreistelliger LP-Sammlung wundert: „Nach Erscheinungsjahr? Nein. Nach Genre? Nein, nach Weibern.“ Auch Stephen Frears Filmografie, die sich ebenfalls jeder Einstufung entzieht, ist sehr abwechslungsreich. Nachfolgend eine Auswahl in chronologischer Reihenfolge (irgendeine Logik musste gefunden werden!) einiger Frears’scher Schmuckstücke.

  • „Mein wunderbarer Waschsalon“ („My beautiful Laundrette“), 1985

Diese für die 1980er-Jahre subversiv anmutende Chronik, in der Sex, Politik, Intoleranz, Sozial- und Rassenkonflikte behandelt werden, bildete den Auftakt zu einer London-Trilogie, die Frears innerhalb von drei Jahren im England von Maggie Thatcher drehte. 1987 folgten Schlag auf Schlag „Prick Up Your Ears“ über das bewegte Leben des schwulen Dramaturgen Joe Orton (gespielt von Gary Oldman), der von seinem Geliebten (Alfred Molina) ermordet wurde und „Sammy und Rosie tun es” („Sammy and Rosie get laid“) über ein unkonventionelles Pärchen vor dem Hintergrund sozialer Unruhen – wieder ein Drehbuch aus der Feder von Hanif Kureishi, einem der besten zeitgenössischen englischen Autoren, der bereits das Drehbuch zum „Waschsalon“ geschrieben hatte. Mit diesen drei sozialkritischen Milieustudien positionierte sich Frears im „New British Cinema“ als Unruhestifter in der Nchfolge des engagierten 70er-Jahre-Regisseurs Lindsay Anderson (dessen Assistent er war) und von Ken Loach. Sein Markenzeichen: Humor! Denn den braucht man zum Überleben. Frears war auch einer der ersten heterosexuellen Filmemacher, die die Frage der Homosexualität unter einem gesellschaftlichen Gesichtspunkt behandelt haben. Im grellen Licht der Neonröhren ihres gemeinsam gegründeten Waschsalons versuchen der Pakistani Omar und sein Geliebter Johnny (vom damals noch unbekannten Daniel Day Lewis dargestellt), ihre Liebesgeschichte zu leben und sich gleichzeitig in die Gesellschaft zu integrieren – alos einfach ein normales Leben zu führen. „Mein wunderbarer Waschsalon“ ist ein freier, respektloser und eindringlicher Film, der genau dort ansetzt, wo es weh tut. Der Film ist zwar in seiner Zeit stehen geblieben, hat jedoch nichts an menschlicher Qualität eingebüßt und ist ein engagiertes, filmisches Statement der Punkrockkultur.

  • „Gefährliche Liebschaften“ („Dangerous Liaisons“), 1988

Eine beispielhaft gelungene Verfilmung des gleichnamigen Romans von Choderlos de Laclos. Drehbuchautor Christopher Hampton leistete ganze Arbeit, wie alle anderen Beteiligten auch. Die Dekors und prunkvollen Kostüme spiegeln aufs Feinste den schillernden französischen Adel mit seinen Intrigen wider. Die Dialoge treffen ins Schwarze, ohne die Emotionen von den Gesichtern zu verbannen. Der Film beginnt und endet mit zwei brillanten und zugleich tragischen Schminkszenen. Glenn Close als unmoralische und machiavellistische Marquise de Merteuil, die die Welt ihrem Willen unterordnet und die schließlich ihrem Hochmut erliegt, erreichte mit dieser schauspielerischen Glanzleistung unzweifelhaft einen der Höhepunkte ihrer Karriere. Ihren unerbittlichen Blick, als sie ihren Gegenspieler Valmont den Krieg erklärt, muss man einfach gesehen haben. Der zynische Verführer Valmont IST John Malkovich, die Rolle scheint ihm auf den Leib geschrieben. Das sanfte Opfer ist die schöne, unschuldige und tugendhafte, und ach so appetitliche Michelle Pfeiffer. Der Krieg der Geschlechter wütet, und die Tragödie entspinnt sich rund um Eitelkeit, Langeweile und andere hässliche Charakterzüge. Im Jahr darauf wagt sich Milos Forman mit „Valmont“ an dasselbe Thema, unter einem anderen, leichteren Blickwinkel. „Cruel Intentions“ / „Eiskalte Engel“, ein amerikanisches Teen-Movie von Roger Cumble aus dem Jahr 1999, ist die Mainstream-Neuauflage der „Gefährlichen Liebschaften“ – und kann Frears’ Fassung natürlich nicht das Wasser reichen. Warum? Weil er das Konzept des Luders genau erfasst hat. Er selbst sagt: „Hat nicht Joan Collins ihren Erfolg genau darauf aufgebaut? Die Leute lieben Luder. Je schlimmer und boshafter, desto beliebter.“

  • „Grifters“ („The Grifters“), 1990

Wahrscheinlich zog Frears aus diesem Grund zwei Jahre später mit „The Grifters“ erneut das Register des ultimativen Luders, diesmal im Genre des Film noir. Von Martin Scorsese produziert, fischt der Film zur Schwindel erregenden Musik von Elmer Bernstein im Trüben. Seine Erfolgsformel: Stil, ein sattelfestes Drehbuch, versteckte Details, schillernde Figuren und ein atemberaubendes Ende. „Grifters“ schildert die unerfreulichen Abenteuer einer Zockerfamilie. Zwei Hexen stören das Spiel: Annette Bening als typische „Femme fatale“ der 1990er-Jahre und Anjelica Huston als wasserstoffblonde Rabenmutter. John Cusack spielt ihren Sohn, und das Duo glänzt in verfänglichen Szenen, in denen es um Liebe und Verantwortlichkeit geht. Dieser ungerechterweise in Vergessenheit geratene Krimi verdient heute mehr Anerkennung.

  • „The Snapper – Hilfe, ein Baby!“ („The Snapper“), 1993

Dieses Baby ist wirklich ein Geschenk! Aus dem eigentlichen Fernsehfilm wurde ein echter Kassenschlager, der auch noch zahlreiche Preise einheimste. Es handelt sich um die irische Komödie schlechthin nach der Romanvorlage des Schriftstellers Roddy Doyle (auch: „The Van“). Die 20-jährige Sharon lebt bei ihren Eltern, Dessie und Kay, zusammen mit ihren Geschwistern. Sie wird ungewollt schwanger, will den Namen des Vaters aber nicht preisgeben, was die kleine Gemeinschaft völlig aufwühlt. „The Snapper – Hilfe, ein Baby!“ zeichnet das Porträt einer irischen Familie in all ihren Facetten, mit einem scharfen Sinn für Ironie, Wortwitz und Tragikomik. Colm Meaney spielt den unglaublichen Dessie, einen völlig überforderten Vater, an der Seite von Ruth McCabe, die seine Frau Kay darstellt, und Tina Kellegher als schwangere Tochter Sharon.

  • „Doppelspitze“ („The Deal“), TV 2003

Lange vor „Die Queen“ / „The Queen“ hatte sich Frears mit diesem „anspruchsvollen“ Fernsehfilm bereits an das Porträt einer weiteren nationalen Legende gewagt – Tony Blair. Der Ansatzwinkel ist Blairs Beziehung zum Schotten Gordon Brown innerhalb der Labour-Partei: so gesehen kein sehr spannender, eher ein dröger Plot. Zwei Männer teilen die gleichen politischen Ideale; beide erwägen, bei den Wahlen zur Parteispitze gegeneinander anzutreten und beschließen schlussendlich, sich doch keine Konkurrenz zu machen. Kurz: keine politische Debatte oder persönlichen Querelen, um dem Ganzen etwas Würze zu verleihen. Allerdings liefert der Fernsehfilm einen guten Einblick in die Hintergründe der derzeitigen englischen Politiklandschaft, auch wenn das Drehbuch dramaturgisch aufbereitet wurde, um den Effekt „aufgewärmte Presseschau“ zu vermeiden. Stephen Frears verfolgt das Anliegen, Ereignisse im Detail wiederzugeben, indem er die Politiker als Privatmenschen zeigt. Die Schauspieler machen ihre Sache gut, auch wenn David Morrissey als Gordon Brown in seiner Politikerrolle hier weniger überzeugend ist als in der Miniserie der BBC „State of Play“. Michael Sheen alias Tony Blair fehlt es ein wenig an Format und an der typischen, naiven Unbeholfenheit, die den Charme (mit Kehrseite!) des britischen Premierministers ausmacht.

Delphine Valloire

Erstellt: 02-04-07
Letzte Änderung: 08-10-08