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Wojciech Kuczok - 26/03/07

Dreckskerl

Polens gefeierter Jungautor Wojciech Kuczok schafft mit seiner „Antibiografie“ einen frech-melancholischen Roman über eine schmerzvolle Kindheit in der schlesischen Industriestadt Chorzów.

Wojciech Kuczok
© arte
Wojciech Kuczok zu Gast beim Europäischem Forum am 24. März 2007
Ein Uropa, der so alt ist, dass sich der Tod vor ihm fürchtet, der ganze Bäume mit einer Hand ausreißt für Feuerholz und sich aus den Zweigen Zahnstocher bastelt, und ein ganzer Haufen „verhinderter Vater-Onkels – allesamt tot und verstorben“ – das ist der Stoff, aus dem nostalgische Ahnengeschichten sind. Wer aber nach ein paar Seiten von Wojciech Kuczoks frech erzähltem „Dreckskerl“ glaubt, er sei in einem der vielen harmlosen Kindheitsromane gelandet, wird nach spätestens 40 Seiten jäh aus dem süßen Traum herausgerissen. Denn dann geht es vom „Damals“ ins „Dann“, und das ist bei Kuczok die Peitsche.

Schläge und Sprüche
Mit der Peitsche beginnt der zweite Teil dieser dreiteiligen „Antibiografie“. Der namenlose Erzähler, der nun zum ersten Mal als „Ich“ auftritt, bekommt sie die ganze Kindheit hindurch zu spüren, von der Windel bis zur „Pickelbrause“. Denn „der alte K.“, Vater des Erzählers, der von seinem eigenen Vater nie geschlagen wurde, hat sich eine ganz eigene Pädagogik für seinen Sohn, diesen „Schwächling“, ausgedacht. Zu seiner Züchtigung bedient er sich Schlägen und Sprüchen, und auch der Leser weiß bald nicht mehr, was er schlimmer finden soll: den Schmerz, der sich „schneidend, säuerlich, kribbelnd“ auf der Haut verteilt, ausgelöst von den Schlägen der dicken, harten Gummiknute, oder die ätzend-belehrenden Weisheiten dieses selbstgerechten „Kerls“, wie die Mutter den Vater nennt. Die liebende Mutter. Auch sie vermag ihren Jungen nicht zu schützen. Wenn der Vater schlägt, hilft kein „Jesussen“ und auch kein derbes Fluchen in breitem Schlesisch.

Satire und Schmerz
Wojciech Kuczok, 1972 in der polnischen Industriestadt Chorzów geboren, ist ein versierter Erzähler, der sich auch gerne mal bei Proust oder Sartre bedient. Für seinen Roman „Gnój“, deutsch „Jauche, Mist; Mistkerl“, wurde er 2004 mit dem NIKE Preis, dem höchsten polnischen Literaturpreis, ausgezeichnet. Kuczok versteht es, zwischen beißend-frecher Satire und melancholischem Schmerz zu pendeln. Wenn sein „Ich“ in Friedenszeiten auf einen baldigen Krieg hofft, um in die „feindliche Armee“ eintreten und seinen Vater im Kriegsrecht erschießen zu können, zeigt dies auf brutale Weise, wie tief sein Hass auf den gewalttätigen Vater sitzt. Urkomisch trotzdem ist die Begeisterung des Erzählers, als der Kriegszustand ausgerufen wird – historisch 1981 unter General Jaruzski geschehen – und er beschließt, sich „bei den Iwans einzuschreiben.“

Eine kleine Rache gesteht der Autor seinem Erzähler zu: In seinem „Lieblingstraum“ darf er gegen Ende des Romans sein Kindheitshaus, als Geburtsstätte allen Übels, mitsamt seinen Bewohnern – die Mutter ausgenommen – sang- und klanglos in einer riesigen Jauchegrube untergehen lassen.

Rezension von Maike van Schwamen

Erstellt: 21-03-07
Letzte Änderung: 26-03-07