Ich muss mit Ihnen ein paar ernste Worte reden
Entsprechend der japanischen Sitten, übergab ich ganz formvollendet, mit beiden Händen und leichter Verbeugung, dem Vorsitzenden eine große und den anderen herumsitzenden Mitgliedern der Kooperative jeweils eine kleinere Schachtel deutscher Pralinen – denn: "Kein Schritt im Japan ohne Präsent!", hatte mir die Dolmetscherin eingeschärft. Der Vorsitzende freute sich, nickte und lächelte. Die anderen Männer – der stellvertretende Vorsitzende, der Buchhalter und ein vielbeachteter älterer Fischer - freuten sich, nickten und lächelten ebenfalls. Höflichkeitsfloskeln flogen hin und her. Gegenseitige Komplimente wurden ausgetauscht. Alles bestens. Da schnitt die Stimme des alten Vorsitzenders die Luft. "Ich muss mit Ihnen ein paar ernste Worte reden", brummte er und beförderte mich mit plötzlich drohender Miene nach oben in sein Büro. Ich folgte ihm hinauf, ahnend, woraus er hinwollte: Geld. Doch noch war ich ganz optimistisch, denn irgendwie, auch beim schwierigsten Dreh, hatte sich immer eine Lösung zu den üblichen kleinen und großen Widrigkeiten vor Ort gegeben. Und schließlich wollte ich diesmal nicht in einem südamerikanischen Gefängnis, bei der sizilianischen Mafia oder in den von Gangstern beherrschten Townships von Kapstadt drehen, sondern in einem reichen Land bei netten Taucherinnen, die zwar als schwer annäherbar gelten, aber stolz über ihre Tradition berichten wollten.
Wir haben gerade eine Krise...
"Wir haben gerade eine Krise...", setzte der Vorsitzende fort und bestätigte damit schon meine Befürchtung. Er wollte wirklich Geld, obwohl bis dahin nie davon die Rede war. Und er wollte viel. Zuviel: 75.000 Euro! Ich lächelte unerschüttert und begann mit Geduld ihm zu erläutern, dass wir nicht Hollywood, sondern ein öffentlicher Kultursender seien. Dass wir aus Prinzip keinen Cash-Journalismus pflegen würden. Und dass unsere Arbeit nicht auf der finanziellen, eher auf der persönlichen oder sozialen Ebene etwas zurückgeben könne. Alles vergebens. Der alte Vorsitzende nickte höflich bei jedem übersetzen Satz, der – lost in translation! – in der japanischen Version mindestens dreimal so lang war. Aber er bestand auf seine Forderung. Ich erwähnte die Möglichkeit eines Spendenaufrufs zum Erhalt der glorreichen Ama-Tradition.


Er blieb stur. Ich stellte ihm die kulturelle internationale Resonanz und die positive Auswirkung auf den lokalen Tourismus in Aussicht. Er wiederholte, wie ein Mantra: "75.000 Euro", und weigerte sich vehement, die Ama überhaupt nach ihrer Meinung zu fragen und sie in die Diskussion einzubeziehen. Der Hintergrund, der sich viel später herausstellte: Der Kooperative-Vorsitzende sah in unserem Dreh die einmalige Chance, die vielen Schulden auszugleichen, die er durch schlechtes Management im Laufe der Jahrzehnte akkumuliert hatte. Während alle andere Fischerei-Kooperativen auf der Halbinsel sich längst in einer wirtschaftlich erfolgreichen Vereinigung zusammengeschlossen hatten, um ihr Überleben abzusichern, war der alte Mann auf seinem Chefsessel sitzen geblieben und hatte den ruinösen Alleinweg vorgezogen.
Die Besprechung eskalierte peu à peu zum Drama.
Es folgten zwei weitere Treffen, jeweils um die drei Stunden lang, bei denen mir immer ausgefeiltere Argumente einfielen. Gleichzeitig konnte ich ein paar einflussreiche Lokalgrößen für unseren Zweck mobilisieren. Denn bei weiterer Recherche hatte ich mich leider immer mehr überzeugen müssen, dort an einem hervorragenden Drehort zu sein. Doch alle diplomatische Kunst und Taktik meinerseits waren vergebens. Die Besprechung eskalierte peu à peu zum Drama und steuerte auf eine Sackgasse zu. Am letzten Tag schließlich, als der Vorsitzende immer unverschämter wurde, begann die Dolmetscherin - eine gestandene, sehr selbstbewußte Frau – unvermittelt laut zu schluchzen und brach letztlich in Tränen aus. Daraufhin warf ihr der Vorsitzende mit bösem Blick Schwäche vor, weil sie vor einer Europäerin das Gesicht so unwürdig und unprofessionell verloren hatte. Empört zog ich die arme Dolmetscherin aus dem Büro - und erlebte gleich noch den Gipfel des Dramas: Der stellvertretende Kooperative-Vorsitzende - ein energischer, robuster Mann um die 40, der mit uns solidarisierte - bat mich und die Dolmetscherin diskret in sein Auto, überreichte uns lokale Algen-Spezialitäten als Entschädigungspräsent, zeigte Mitfühl - und brach schließlich auch in Tränen aus, woraufhin die Dolmetscherin wieder zu schluchzen begann.
Eine Palast-Revolte brach aus. In einem verschwörerischen langen Gespräch war uns schließlich gelungen, die drei Dutzend Taucherinnen zur Auflehnung gegen ihren autokratischen Vorsitzenden zu bringen – eine Sensation und Provokation in der konservativen, hierarchiebewussten Ama-Welt. Doch, bis sich jede einzelne Taucherin ausdrücklich und formell bereit erklärt hatte, trotz Veto von oben mit uns zu drehen, war es zu spät. Ich hatte in der Zwischenzeit nach einer Alternative suchen müssen und bereits mit dem Dreh angefangen.
Im Nachhinein bin ich dem sturen Vorsitzenden der Fischerei-Kooperative dankbar. Wäre er nicht so unnachgiebig gewesen, hätte ich die wunderbare Gruppe von Ama im Nachbardorf, wo wir schließlich gedreht haben, nie kennengelernt.
Buchtipp
Akkord unter Wasser - Ein Artikel von Ruth Linhart
Weitere Artikeln von der Autorin (unter der Rubrik "Japanologie" auf ihrer Website: www.ruthlinhart.com): Die Ama von Katada, Modern Times for Ama Divers, Japan wie es keiner kennt, Ama divers and Awabi - do they have a future?)
Erscheinungsjahr: 1978 bis 2007







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