Die Insekten ließen sich von keiner meiner Cremes abschrecken.
Vor diesen Dreharbeiten bin ich noch nie in einem Urwald gewesen. Doch nun sollte ich auf einmal 40 Tage lang mitten im Urwald im Südwesten Costa Ricas leben und arbeiten. Die Eingewöhnung war alles andere als einfach: Die extreme Luftfeuchtigkeit, das ungewohnte Essen und vor allem die Insekten, die sich von keiner meiner Cremes abschrecken ließen. Nach ein paar Tagen lag ich mit hohem Fieber im Bett. Wertvolle Zeit ging verloren. In diesem Moment konnte ich natürlich noch nicht ahnen, das dies erst der Anfang einer ganzen Serie von Schwierigkeiten sein sollte.
Der Aufstieg zu unserem Baum hatte sich in eine Art Sumpf verwandelt.
Ein Baumhaus in 70 Meter Höhe inmitten des Regenwaldes zu bauen, ist eine wirkliche Herausforderung. Zudem hatten wir einen strikten Zeitrahmen einzuhalten: Jeder Tag war also Gold wert. Peter, mein Protagonist, war sicher, es zu schaffen. Ich hatte meine Zweifel. Es gab sehr viel zu tun und die tatsächlichen Arbeiter waren nur zu fünft: Peter, Orlando und drei junge Männer aus dem Stamm der Teribe. Zu wenig, meiner Ansicht nach. Aber mir blieb nichts anderes übrig, als Peter zu vertrauen. Am vierten Tag hatten wir alle Materialien bereit, um sie bis zu unserem, vorher ausgewählten Baum zu transportieren. Ein schwieriges Unterfangen: Bauteile, die mehr als 100 Kilo wiegen, mussten wir über einen extrem steilen Pfad, fünf Kilometer weit getragen werden. Am späten Nachmittag kam dann der Regen. Kein gewöhnlicher, sondern tropischer Regen. Orlando, mit seiner untrüglichen Erfahrung, meinte, dass der Regen bis zu fünf Tage dauern könne. Und so war es auch. Fünf lange Tage des Wartens, in denen wir trotz allem versuchten, die Teile zu transportieren. Ohne Erfolg. Der Aufstieg zu unserem Baum hatte sich in eine Art Sumpf verwandelt und das Gehen war beinahe unmöglich. Unter diesen Umständen zu filmen war natürlich denkbar: Unser Kameramann fiel mehrmals hin, das Filmmaterial hätte beschädigt werden können und oft war der Regen so dicht, dass sich das Objektiv komplett mit Wasser bedeckte.
Als der Regen aufhörte, und wir endlich alle Bauteile an Ort und Stelle hatten, schien das Schlimmste überstanden zu sein. Die Produktionsfirma hatte mir mehr Drehzeit zugestanden. Alles schien wieder machbar. Aber in derselben Nacht erhalten wir einen Anruf von Joel, Orlandos Bruder. Orlando sei auf dem Weg zu uns in Panama verhaftet worden. Wir verstehen zwar nicht den tatsächlichen Grund für die Verhaftung, aber wir wissen genau, dass ohne Orlando das Projekt wieder zum Stillstand kommen würde. Joel erklärt uns, dass man in Panama gegen Kaution freikommt, aber dass wir nicht selber hingehen könnten, weil die Polizei niemals akzeptieren würde, dass “Weiße” einen “Indio” freikaufen. Bei Sonnenaufgang sind wir also in Sixaola, einem kleinen Dorf an der Grenze zu Panama. Wir verstecken uns in einem Supermarkt, wo wir, ohne uns von dem überall präsenten Grenzschutz sehen zu lassen, Joel 200 $ für Orlandos Kaution geben. Szenen, wie in einem amerikanischen Actionfilm. Wir müssen noch den ganzen Tag auf Orlandos Freilassung warten, aber dann können wir endlich gemeinsam nach Manzanillo zurückkehren.
”Mit eurer Hilfe können wir es schaffen”
Spät in der Nacht treffen wir uns mit Peter, um zu besprechen, wie wir dieses Projekt zu einem glücklichen Ende bringen könnten. Peter sieht mir und dem Kameramann in die Augen und sagt: ”Mit eurer Hilfe können wir es schaffen”. Und so wurde ich vom Regisseur zu einem Arbeiter unter Peters Regie: Ich, der Kameramann und die drei Teribe banden am Boden die Teile für das Baumhaus zusammen und mithilfe von speziellen Seilen zogen wir sie zur Spitze des Baumes, wo Peter und Orlando sie entgegennahmen. Ein Kraftakt für alle. Und extrem gefährlich dazu. In jeder Arbeitspause, nahmen wir, statt auszuruhen, die Kamera und filmten. Mein Kopf und mein Körper waren von zwei Aufgaben gleichzeitig dominiert: das Baumhaus fertig zu stellen und den Film zu realisieren.
“Denk immer daran, dass das Haus auf dem Baumwipfel nicht mit unseren Händen, sondern mit unserem Vertrauen gebaut wurde.”
Und auch das Unglück hatte uns noch nicht vergessen: Bella, Peters Hund und unser ständiger Begleiter, wurde von einer giftigen Schlange gebissen und starb trotz aller Rettungsversuche am Ende des Tages. Dies war nicht nur für Peter ein Schock. Doch die Arbeit zwang uns, weiterzumachen. Den letzten Drehtag werde ich nie vergessen. Am Sonntag den 5. Juli, ist das Baumhaus noch unvollendet. Es fehlen das Dach, das Plexiglas und einige Teile des Bodens. Am Nachmittag gegen 16 Uhr, als wir beinahe fertig sind, sehen wir eine riesige schwarze Regenwolke auf uns zukommen. Wenn es jetzt zu regnen anfängt, ist es vorbei. Wir starren wie gebannt in den Himmel. Orlando ruft von oben zu uns herunter: “Keine Sorge, das ist in fünf Minuten vorbei”. Kurz darauf schlägt ein gewaltiges Gewitter auf uns nieder. Aber zum Glück hatte Orlando auch diesmal recht. Doch es begann bereits dunkel zu werden und wir würden nur noch 20 Minuten ausreichend Licht haben, um die letzte Einstellung mit dem fertigen Baumhaus zu drehen. Diese Einstellung durfte unter keinen Umständen fehlen. Wir sind mit der Kamera durch den Urwald gerannt und mit dem letzten Sonnenstrahl, um 17:36 Uhr, haben wir die Einstellung gedreht, die auch im endgültigen Schnitt die letzte des Films ist. Zwölf Stunden später saß ich im Auto, auf dem Weg zum Flughafen in San Josè. Erschöpft, aber glücklich, alles gedreht zu haben, was ich für den Film brauche. Im Flugzeug dachte ich an die letztenWorte, die Felix, der Älteste und Weiseste des Stammes der Teribe, vor meiner Abreise zu mir sagte: “Denk immer daran, dass das Haus auf dem Baumwipfel nicht mit unseren Händen, sondern mit unserem Vertrauen gebaut wurde.”
Fact Sheet: Ein Baumhaus in Costa Rica
Peter und Orlando mussten monatelang nach dem richtigen Baum für das Baumhaus suchen: Solch ein Baum muss jung und gesund sein außerdem einen geraden Stamm mit starken Ästen um den Wipfel haben.
- Der Großteil des Lebens im Regenwald spielt sich in den Baumkronen ab – etwa 25 Meter über der Erde.
- Beim Bau des Baumhauses soll der Baum auf keinen Fall verletzt werden.
- Von der Plattform aus kann dann in Zukunft die Baumkrone genauer erforscht werden.
- Die Bauteile für das Baumhaus werden aus San José geliefert. Zu Fuß müssen die Männer die Bauteile dann durch den Regenwald schleppen.
- Seit 1954 untersuchen Wissenschaftler in der nahegelegenen Forschungsstation „La Selva“ (Der Urwald) die Flora und Fauna des tropischen Regenwaldes. Peter will sein Baumhaus später an die Forscher vermieten, für die das Baumhaus als Observatorium wie gerufen kommt.







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